Zentrale der US-Notenbank Fed | Bildquelle: REUTERS

Neue Fed-Strategie Billiges Geld für immer?

Stand: 16.09.2020 08:33 Uhr

Die Flut billigen Notenbankgeldes hat die Börsen rasch aus dem Corona-Tal geführt. Der jüngste Strategieschwenk der US-Notenbank Fed zementiert das Niedrigzinsumfeld. Wie es weiter geht, dürfte die heutige Fed-Sitzung zeigen.

Das Treffen der Notenbanker ist deshalb so interessant, weil es das erste nach dem jüngsten Strategieschwenk ist: Die Fed erlaubt sich künftig größeren Spielraum beim Ansteuern ihres Inflationsziels. Demnach kann sie die Teuerungsrate für einen längeren Zeitraum über der Zwei-Prozent-Marke halten, wenn diese zuvor geraume Zeit darunter geblieben ist.

Damit verschafft sich die Fed mehr Flexibilität bei der Entscheidung über den Leitzins. Selbst in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs kann die Notenbank den Zinssatz damit länger niedrig halten, auch wenn die Inflation über die alte Zielmarke steigt.

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Die Fed hat die sozial Benachteiligten im Blick

Zugute kommen soll das dem von der Corona-Krise stark betroffenen US-Arbeitsmarkt. Künftig steht das Ziel Vollbeschäftigung für die Fed an erster Stelle. Denn eine längere Niedrigzinsphase trotz höherer Inflation werde nach Vorstellung von Ökonomen und Notenbankern zur Folge haben, dass die Fed nicht aus Sorge vor steigenden Preisen mitten in einem Aufschwung die Zinsen anheben muss. Das wiederum soll verhindern, dass verfrühte Zinserhöhungen die Konjunktur abwürgen und in der Folge den Arbeitsmarkt belasten.       

Fed-Chef Jerome Powell betonte, die Fed habe bei ihrer Strategie auch die sozial Benachteiligten im Blick. Sie trage damit der Tatsache Rechnung, dass ein starker Arbeitsmarkt "besonders Regionen mit schwachen Einkommen" zugute komme. Jedenfalls bedeute die neue Strategie, dass die Fed ihren Kurs der ultralockeren Geldpolitik für einen langen Zeitraum fortsetzen wird.  

Präsident der Federal Reserve Jerome Powell
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Präsident der Federal Reserve Jerome Powell

Zu den größten Profiteuren dieser Liquiditätsschwemme gehören vor allem die Finanzmärkte, da die Notenbankgelder für ständigen Nachschub an finanziellen Mitteln sorgen, die angelegt werden wollen. Und da Aktien die beste Rendite versprechen, fließt ein Großteil in den Aktienmarkt, wie die Kursgewinne der Vergangenheit zeigen.       

Wer solche Freunde hat…

So sieht das auch Kapitalmarktanalyst Robert Halver von der Baader Bank: "Einen besseren Freund als die Fed werden Aktien nie haben". Mit dem Strategieschwenk habe die Fed laut BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels die Weichen für eine anhaltend laxe Geldpolitik gestellt: "Sie wird versuchen, die Zinsen für eine lange Zeit sehr, sehr niedrig zu halten", sagt der Experte gegenüber Reuters. In einer Phase, in der sich die Wirtschaft erhole und die Inflationsraten unter Umständen nach oben gehe, werde sie nicht unmittelbar mit Zinsanstiegen eingreifen.

Federal Reserve System
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Im Boden eingelassenes Siegel des Federal Reserve System im FED-Gebäude in Washington

Die Fed stelle sich "quasi einen Freifahrtschein" für eine ultralockere Geldpolitik auf unbestimmte Zeit aus, zitiert Reuters Adolf Rosenstock, volkswirtschaftlicher Berater von MainSky Asset Management. Eine weniger expansive Geldpolitik dürfte seiner Meinung nach erst dann ein Thema werden, wenn die Inflation nach altmodischer Definition galoppiere. "Auf Basis ihrer neuen Strategie wird die Fed voraussichtlich die Nullzinspolitik noch länger fortsetzen", meinen auch die Experten der Helaba.

Wohl keine Fed-Zinssenkung

Was den Fed-Zinsentscheid betrifft, wird zunächst wohl alles beim Alten bleiben: Die Fachleute der DZ Bank erwarten keine weiteren geldpolitischen Maßnahmen. "Die Zinsen bleiben unverändert", meint auch François Rimeu, Senior Strategist bei La Française AM. Aktuell liegt der Leitzins in einer Spanne zwischen null und 0,25 Prozent.

"Im Pressestatement dürfte die Fed nun betonen, dass die Leitzinsen erst dann angehoben werden, wenn das durchschnittliche Inflationsziel von zwei Prozent 'nachhaltig' erreicht wurde. Damit würde die Fed die Forward Guidance schärfen und ein längerfristig niedriges Leitzinsniveau verankern", so die DZ Bank.  

Christine Lagarde
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Christine Lagarde

Die Strategie der Fed setzt insbesondere die europäische Zentralbank EZB unter einen gewissen Zugzwang. Die dauerhaft niedrigen US-Zinsen dürften am Devisenmarkt dafür sorgen, dass der Dollar im Vergleich zum Euro weiter abwertet. Das bedeutet, dass die Exporte der Eurozone sich außerhalb des Währungsraumes verteuern, Einfuhren in die Eurozone aber billiger werden. Für die exportierende US-Wirtschaft könnte dieser Trend wie ein Konjunkturpaket wirken.

Die EZB beobachtet

Die EZB hat das Problem erkannt. Deren Chefvolkswirt Philip Lane warnte unlängst vor den wirtschaftlichen Auswirkungen eines starken Euro-Wechselkurses. Vize-Präsident Luis de Guindos bezeichnete den Wechselkurs am Wochenende als eine der wichtigsten Variablen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Zu dumm nur, dass ausgerechnet Notenbankpräsidentin Christine Lagarde in der vergangenen Woche den Euro hoch geredet hat.

Nach der Ratssitzung sagte Lagarde, man habe zwar über den Euro debattiert, aber die EZB verfolge kein Kursziel. Das genügte, um den Euro auf neue Höhen zu treiben. Dessen ungeachtet arbeitet auch die EZB an einer neuen Strategie. Und eines ist schon jetzt ziemlich sicher: Auch in der Eurozone werden die Zinsen deshalb noch lange niedrig bleiben müssen, wenn die Kollegen der Fed ihre Strategie beibehalten.   

ts

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. September 2020 um 12:00 Uhr.

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