Explosion im Reaktor Fukushima in Japan nach dem Erdbeben | Bildquelle: Standmaz (Reuters)

Versorger im Atom- und Kohleausstieg Fukushima und die Folgen

Stand: 11.03.2019 15:17 Uhr

Der Atomunfall in Japan vor genau acht Jahren hat nicht nur eine Kernschmelze und eine radioaktive Wolke verursacht. Die Welle, die Fukushima in den Köpfen von Politikern und Verbrauchern ausgelöst hat, stellte die Energiepolitik in Deutschland komplett auf den Kopf - mit noch immer ungewissem Ausgang.

Am 11. März 2011 kam es im japanischen Atomkraftwerk Fukushima zum Super-Gau. Seither laufen dort die Aufräum- und Sicherungsarbeiten. Deren Abschluss wird erst nach 2050 erwartet. Der Betreiber Tepco präsentierte nach zahlreichen Rückschlägen in den vergangenen Jahren kürzlich eine Erfolgsmeldung: Die Bedingungen, unter denen die Tausenden Arbeiter in der Atomruine schuften müssen, hätten sich deutlich verbessert.

Wegen der radioaktiven Strahlung, die bei Kernschmelzen in drei der sechs Reaktoren austrat, mussten damals rund 160.000 Anwohner fliehen. Mehr als 30.000 von ihnen können heute noch immer nicht in ihre Heimatorte zurück. Es war die schlimmste Atomkatastrophe seit Tschernobyl 1986.

Atomausstieg bis 2022

Atomkraftwerk in Fukushima
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Arbeiter in Schutzkleidung beseitigen Trümmer im Atomkraftwerk Fukushima

In Deutschland hatte das Desaster drastische und unmittelbare Auswirkungen auf die Energiepolitik: Die erst kurz zuvor beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke durch die Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel wurde drei Tage nach dem Unfall komplett umgekehrt. Das Kabinett beschloss eine drastische Kehrtwende ihrer Atom- beziehungsweise Energiepolitik: Zunächst verkündete sie ein dreimonatiges Moratorium für die sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke. Am 6. Juni 2011 beschloss das Kabinett das Aus für acht Kernkraftwerke und einen stufenweisen Atomausstieg bis 2022.

Für die deutschen Energieversorger, allen voran Eon und RWE, war dies naturgemäß ein harter Einschnitt. Gewinnausfälle durch den schnelleren Atomausstieg und die nachträglich erhobene Brennelementesteuer sorgten für Milliardenverluste bei den Konzernen. Der Gang vor das Bundesverfassungsgericht sorgte dann Jahre später für Schadenersatzzahlungen zurück an die Betreiber. Auf den Kosten des Atomausstiegs dürften damit vor allem die Steuerzahler sitzenbleiben.

Energiewende stockt

Aber nicht nur der Atomausstieg macht ihnen weiterhin Ärger. Die viel beschworene "Energiewende" ist in den vergangenen Jahren ins Stocken gekommen. Darunter ist vor allem ein größerer Anteil regenerativer Energien im deutschen Energiemix zu verstehen. 2018 ist der Zubau eingebrochen. Statt der im Schnitt der vergangenen Jahre üblichen 4.000 Megawatt Onshore-Wind kamen nur knapp 2.500 MW dazu, nicht einmal die Hälfte des Vorjahres, als neue Windparks mit 5.300 MW aufgestellt wurden. In diesem Jahr dürfte die Kurve noch stärker knicken.

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Kohle-Terminal am russischen Hafen von Wladiwostok
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Kohle-Terminal am russischen Hafen von Wladiwostok

Das bringt neben dem Atomausstieg auch den zweiten Pfeiler der Energiewende ins Wanken, den Kohleausstieg. Denn Deutschland soll in absehbarer Zeit fast vollständig auf erneuerbare Energien setzen; nur Erdgas soll noch eine nennenswerte Rolle spielen. Schon bis 2022 soll die Kapazität der Braun- und Steinkohlekraftwerke um 12,5 auf 30 Gigawatt sinken. Bis dahin werden auch Kernkraftwerke mit einer Leistung von rund neun Gigawatt stillgelegt. Bis 2030 sollen höchstens noch 17 Gigawatt Leistung aus Kohle am Markt sein. So soll es gelingen, die internationalen und nationalen Klimaschutzziele 2030 zu erreichen. Der gesamte Ausstiegsplan soll in den Jahren 2023, 2026 und 2029 durch unabhängige Fachleute überprüft werden.

Kohleausstieg kostet weitere Milliarden

Auf den Kosten für diese Mammutaufgabe bleiben in erster Linie die Steuerzahler und die Stromkunden sitzen. Die Kosten nur für den Ausbau der Leitungen für den wachsenden Ökostromanteil dürften sich nach neuen Schätzungen der zuständigen vier Netzbetreiber bis zum Jahre 2030 von 32 auf 52 Milliarden Euro erhöhen. Das betrifft nur den Ausbau an Land. Je nach Szenario kommen für die Leitungen zu den Windparks vor den Küsten 18 bis 24 Milliarden Euro hinzu. Unter dem Strich sind das in den kommenden zwölf Jahren 70 bis 76 Milliarden Euro - oder sechs Milliarden Euro im Jahr.

Eon-RWE-Handschlag
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Eon-Chef Johannes Teyssen (l) und RWE-Chef Rolf Martin Schmitz geben sich die Hände

Die Versorgerbranche hat der Fukushima-Schock in den Grundfesten erschüttert. Die Geschäftsmodelle von Eon, RWE & Co. wurden über den Haufen geworfen, zunächst entstanden Milliardenverluste. Die Konzerne haben sich in den vergangenen Jahren praktisch neu erfinden müssen. Auf horrende Verluste im Jahr 2011 folgen Klagen und schließlich Schadenersatzzahlungen in Milliardenhöhe. Längst aber haben sich die Strukturen der Unternehmen verändert.

RWE und der Ökostrom

Unter Vorstandschef Peter Terium (ab Juli 2012) leitete RWE eine Wende in der Unternehmensstrategie ein. So wurde aus finanziellen Gründen beschlossen, nicht nur in Deutschland, sondern auch international aus der mit sehr hohen Kapitalkosten verbundenen Kernenergie auszusteigen und sich an keinen weiteren Neubauprojekten von Kernkraftwerken zu beteiligen. Das Unternehmen zog sich aus bereits geplanten Kernkraftprojekten in Großbritannien zurück. Stattdessen setzt man verstärkt auf die lange Zeit vernachlässigten erneuerbaren Energien, auch die Solarenergie.

Bei Eon sorgte Firmenchef Johannes Teyssen bereits im November 2010 mit einer neuen Strategie dafür, dass Eon verstärkt außerhalb Europas wachsen sollte und sich auf die Reduktion der CO2-Emissionen konzentrierte. Ein weiterer Bestandteil der Strategie war der Abbau der Finanzschulden, eine Reihe von Verkäufen von Unternehmensbestandteilen war hier die Folge.

Innogy-Deal noch nicht durch

Im vergangenen Jahr haben sich die beiden Konkurrenten auf einen Deal in Sachen Ökostrom verständigt und wollen dazu die RWE-Tochter Innogy zerschlagen. RWE soll das Geschäft mit erneuerbaren Energie bekommen und zudem Eons Aktivitäten in dem Bereich übernehmen. Eon will sich künftig vor allem auf Energienetze konzentrieren und will demnach den gesamten RWE-Anteil an Innogy von knapp 77 Prozent übernehmen. RWE erhält dafür zunächst einen Anteil von knapp 17 Prozent an Eon. Der Deal ist aber auch im März 2018 noch immer nicht ganz in trockenen Tüchern. Die EU-Kommission äußerte Bedenken, "dass das Vorhaben in mehreren Mitgliedstaaten den Wettbewerb im Strom- und Gaseinzelhandel beeinträchtigen könnte".

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Blockchain für Solarstrom-Verkauf

Derweil ist Innogy in mithilfe neuer Technologien fleißig dabei, im Energiemarkt weiter Zeichen zu setzen. Die Innogy-Tochter Conjoule etwa will es Hausbesitzern ermöglichen, den eigenen Solarstrom direkt an die Nachbarschaft zu verkaufen, mithilfe der Blockchain-Technologie. Vor kurzem hat das Start-up-Unternehmen zur weiteren Erforschung der Technologie eine Finanzspritze bekommen. Und der neue Partner von Conjoule ist ausgerechnet der japanische Konzern Tepco, der höchst umstrittene Betreiber des Atomkraftwerks in Fukushima - der Kreis schließt sich.

AB

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete WDR 5 im "Morgenecho" am 11. März 2019 um 06:44 Uhr.

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