Ein Straßenschild der Wall Street in New York vor US-Flaggen. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Zehn Jahre nach Lehman-Pleite Sind die Finanzmärkte heute sicherer?

Stand: 11.09.2018 06:45 Uhr

Die Pleite von Lehman Brothers am 15. September 2008 gilt als Katalysator der größten Finanzkrise der Nachkriegszeit. Könnte sich ein solches Szenario wie vor zehn Jahren heute wiederholen oder sind wir vor ähnlichen Zusammenbrüchen gewappnet?

Viel ist in den vergangenen Jahren passiert, damit sich eine ähnlich schlimme Banken- und Finanzkrise wie vor zehn Jahren nicht wiederholt. Rettungsfonds wurden eingerichtet, Kontrollen intensiviert, neue Regulierungen erlassen. So müssen die Banken seit Beginn dieses Jahres soviel Liquidität bereithalten, dass sie theoretisch 30 Tage überleben können, auch wenn ihre Kunden in Stressphasen viel Geld abziehen. Und wenn doch wieder ein Institut vor der Pleite steht, soll ein einheitlicher Abwicklungsfonds greifen, in den die Institute selbst einzahlen müssen.

Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied Sylvie Matherat glaubt nicht, dass sich eine Pleite wie von Lehman wiederholen könnte. "Wir haben seitdem viel dafür getan, solche Ansteckungseffekte zu stoppen und das Finanzsystem insgesamt zu stärken", sagte die ehemalige Bankenaufseherin kürzlich. Doch mit dieser Aussage steht sie allein auf weiter Flur.

Jean-Claude Trichet
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Jean-Claude Trichet

Die meisten Volkswirte halten nämlich ein Desaster wie vor zehn Jahren grundsätzlich erneut für möglich. Den Ausbruch einer neuen Finanzkrise innerhalb der kommenden fünf Jahre schätzen viele Ökonomen, jüngsten Umfragen zufolge, sogar als durchaus wahrscheinlich ein. Auch der frühere Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, gibt keine Entwarnung.

So gefährlich wie zu Beginn der Krise

Er schätzt die Lage an den Finanzmärkten heute genau so gefährlich ein wie zu Beginn der Finanzkrise 2008. "Das Wachstum der Verschuldung - vor allem der Privathaushalte - hat sich in den Industrieländern zwar verlangsamt. Doch das wird wettgemacht durch die Verschuldung der Schwellenländer." Dadurch sei das weltweite Finanzsystem insgesamt "mindestens so verwundbar wie 2008, wenn nicht mehr", urteilt Trichet.

Tatsächlich beläuft sich die weltweite Verschuldung von Staaten und Privathaushalten nach den Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), der Zentralbank der Notenbanken, auf gigantische 237 Billionen Dollar - rund 70 Billionen mehr als vor der Lehman-Krise. Entscheidend dazu beigetragen haben neben den Schwellenländern auch die Vereinigten Staaten. Deren Verschuldung belief sich im Jahr 2007 auf 161 Milliarden Dollar. In diesem Jahr dürften es laut Haushaltsplan 804 Milliarden Dollar werden. Insgesamt sind die Schulden der öffentlichen Hand in den USA auf 105 Prozent des BIP geklettert. Im Jahr der Lehman-Pleite betrugen sie lediglich 65 Prozent des BIP.

Verschuldung drastisch angestiegen

Auch in der Eurozone ist die Verschuldung laut BIZ in den letzten zehn Jahren gestiegen, um 20 Prozent. In einigen Ländern wie Spanien und Italien wurde sogar ein Anstieg um bis zu 60 Prozent gemessen: ein ernsthaftes Systemrisiko auch deshalb, weil die Staaten meist bei den eigenen Banken in der Kreide stehen. Das bedeutet: der finanzielle Spielraum vieler Länder ist heute geringer als vor zehn Jahren. Damals waren milliardenschwere, staatliche Ausgabenprojekte aufgelegt worden, um die Folgen der Finanzkrise abzufedern. Dies dürfte jetzt viel schwieriger werden.

Hinzu kommt: die Bonitätswächter der Finanzmärkte sind heute die Gleichen wie vor der Krise. Noch immer geben die Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's den Ton an, wenn es darum geht; die Qualität von Wertpapieren, Krediten und Schulden zu bewerten. Dabei waren sie es, die vor der Krise Bestnoten für faule Hypothekenkredite vergaben, weil sie nicht sahen, dass die Papiere von den Banken lediglich gut verpackt waren, sich darunter aber Schrott verbarg.

Schwachpunkt Zentralbanken

EZB-Präsident Mario Draghi
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EZB-Präsident Mario Draghi

Ein weiterer Schwachpunkt sind die Zentralbanken. Nach Jahren des Ankaufs von Staatsanleihen mit einem geschätzten Bestand von 15 Billionen Dollar und einer Nullzins-Politik sei auch deren Handlungsspielraum im Fall einer Krise stark eingeschränkt, monieren Ökonomen. Schlimmer noch: Die Zentralbanken könnten selbst zum Problemfall werden. Nach der Lehman-Pleite hatten sowohl die Fed als auch die EZB ihre Leitzinsen noch deutlich senken können. Sie lagen damals in den USA bei fünf Prozent und in der Eurozone bei vier Prozent. Heute ist dies in Europa nicht mehr der Fall, da die Leitzinsen bei Null verharren. Auch der Spielraum der US-Notenbank ist heute geringer als vor der Lehman-Pleite.

Als Gefahr für die Finanzmärkte betrachten Experten zudem die zunehmende Fragmentierung der politischen Landschaft in Europa. Die Entstehung von populistischen Randparteien in den meisten Ländern der Eurozone schwäche die Handlungsmöglichkeiten der Regierungen - im Gegensatz zur Lage 2008; als relativ einheitliche und starke Regierungschefs eine rasche und entschiedene Reaktion ermöglichten. Der allgemeine Vertrauensverlust in die staatliche und internationale Ordnung sowie die Wahl eines populistischen und unberechenbaren Präsidenten in den USA hätten ebenfalls dazu beigetragen, dass die Risiken heute insgesamt höher seien als noch vor zehn Jahren.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk Nova am 07. September 2018 um 07:37 Uhr, Deutschlandfunk Kultur am 08. September 2018 um 06:50 Uhr sowie um 17:30 Uhr und MDR aktuell am 10. September 2018 um 00:46 Uhr.

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