Bundesbank-Präsident Jens Weidmann

Nachfolger für Mario Draghi Ein Hardliner an der EZB-Spitze?

Stand: 06.06.2019 06:45 Uhr

Nach der Europawahl hat das Feilschen um die EU-Spitzenjobs begonnen. Als aussichtsreicher Nachfolger von EZB-Chef Mario Draghi, dessen Amtszeit im Oktober endet, gilt Jens Weidmann, der derzeitige Bundesbank-Präsident. Doch der 51-jährige Deutsche stößt auf Ablehnung, besonders in Südeuropa. Überraschend ist das nicht.

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Jens Weidmann gilt als Hardliner, als "Falke“, der sich seit Jahren für eine straffere Geldpolitik einsetzt. Die Nullzinspolitik des Italieners und EZB-Präsidenten Mario Draghi kritisiert er als falsch und gefährlich.

"Eine außergewöhnlich expansive Ausrichtung der Geldpolitik kann kein Dauerzustand sein, nicht zuletzt, weil sie mit Risiken und Nebenwirkungen einhergeht", so Weidmann laut "Handelsblatt". In Zukunft brauche die Geldpolitik wieder mehr Wasser unter dem Kiel, meinte der Bundesbank-Präsident. Im Klartext heißt das: Die Zinsen müssen rauf.

Als Einziger mit "Nein" gestimmt

Dass es Draghi in den acht Jahren seiner Amtszeit gelungen ist, seinen Auftrag zu erfüllen und den Euro stabil sowie die Inflationsrate unter zwei Prozent zu halten - entgegen allen Warnungen aus Deutschland - findet in den Reden Weidmanns keine Würdigung.

Auch votierte Weidmann im September 2012 in der EZB-Ratssitzung als Einziger mit "Nein" gegen den Beschluss seiner Kollegen, unter bestimmten Bedingungen unbegrenzt Staatsanleihen der Mitgliedsländer kaufen zu wollen. Zuvor hatte sich Draghi als Retter des Euro erwiesen, als er im Juli 2012 seine legendär gewordene Aussage machte, die EZB sei bereit zu tun, was immer nötig ist, um den Euro zu bewahren.

Rezession lostreten

Die Notenbank rettete damit nicht nur Italien, sondern die gesamte Eurozone vor dem Zusammenbruch. Von der anschließenden Nullzinspolitik profitiert auch Deutschland massiv, kann es doch bis heute seine Haushalte ohne neue Schulden fahren.

Für die deutschen Sparer, die sich mehrheitlich weiterhin weigern Aktien zu kaufen, wären steigende Zinsen natürlich eine gute Nachricht. Doch unbestritten ist auch: Viele überschuldete europäische Staaten würden höhere Zinsen nicht vertragen. Dort gibt es zahlreiche "Zombie"-Unternehmen, die nur dank der niedrigen Zinsen überleben. Eine Zinserhöhung könnte gerade im derzeitigen Umfeld eine Rezession in der Eurozone lostreten, die auch Deutschland mit voller Wucht treffen würde.

Keine Unterstützer in Südeuropa

In Italien, Spanien aber auch in Frankreich hat der Kandidat Weidmann daher keine Unterstützer. Zwar spricht für Weidmann als obersten Euro-Währungshüter die Tatsache, dass nach dem Niederländer Wim Duisenberg, dem Franzosen Jean-Claude Trichet und dem Italiener Mario Draghi noch nie ein Deutscher die EZB geführt hat. Auch wird die fachliche Kompetenz Weidmanns nicht in Frage gestellt. Er steht seit acht Jahren an der Spitze der Bundesbank. Zuvor war er Leiter der Abteilung IV (Wirtschafts- und Finanzpolitik) im Bundeskanzleramt.

Doch seine Attacken gegen die Geldpolitik Draghis haben seine Chancen verschlechtert. Umfragen unter europäischen Ökonomen zeigen, dass "Falken" vom Schlage Weidmanns nur geringe Aussichten eingeräumt werden, den Chefsessel der EZB zu erklimmen. Natürlich könnte auch er nicht über Nacht den Hebel umlegen, dafür seien Regierungen und Kapitalmärkte zu abhängig von der EZB, gibt ihr früherer Chefvolkswirt Jürgen Stark zu bedenken.

Zahlreiche andere Kandidaten

Dennoch gilt für die meisten befragten Volkswirte der finnische Notenbanker Erkki Liikanen als Favorit für die Draghi-Nachfolge - auch wenn Liikanen schon 69 wäre, wenn er das auf acht Jahre angelegte Amt antreten würde.

Auch der französische Notenbank-Chef François Villeroy de Galhau wird hoch gehandelt, außerdem der finnische Notenbank-Präsident Olli Rehn und das französische EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré. Allerdings ist offen, ob der Franzose als derzeitiges EZB-Direktoriumsmitglied Präsident werden kann. Weidmann rangiert bei den befragten Ökonomen lediglich auf Rang fünf.

Ersatzkandidat Regling

Weidmann selbst hält sich bedeckt. Er betont jedoch den grundsätzlichen Anspruch Deutschlands, bei der Wahl des EZB-Chefs auch einmal zum Zuge zu kommen. "Es wäre sicherlich schlecht, wenn der Eindruck entstünde, dass es bestimmte Nationalitäten gibt, die von der EZB-Präsidentschaft grundsätzlich ausgeschlossen sind", sagte Weidmann Ende Mai. Das würde aus seiner Sicht das Vertrauen in die Geldpolitik untergraben.

"Der nächste EZB-Präsident braucht meines Erachtens nicht nur Fachkompetenz, sondern auch eine breite Unterstützung unter den Staats- und Regierungschefs", fügte er hinzu. Deshalb sei dies nichts, was man in einer "Kampfabstimmung" entscheiden sollte.

Zuletzt wurde Klaus Regling, der Chef des Eurorettungsfonds als Ersatzkandidat Deutschlands genannt. Er gilt als einer der Architekten des Euro und wurde schon als möglicher Nachfolger von Jean-Claude Trichet gehandelt, bevor Draghi den Job bekam. Allerdings würde Regling wie der Finne Liikanen bei Amtsantritt im November bereits 69 Jahre alt sein.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. Juni 2019 um 08:41 Uhr in der Wirtschaft.

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