Angeschrammter Euro

Italien und Griechenland Droht jetzt eine neue Eurokrise?

Stand: 25.10.2018 06:45 Uhr

Basta Euro? Die Konfrontation zwischen Italien und der EU weckt an den Märkten die Angst vor einer Rückkehr der Eurokrise. Auch neue Probleme in Griechenland machen Sorgen. Die EZB als Feuerlöscher steckt in der Zwickmühle. Sie könnte die Lage verschlimmern.

Von Notker Blechner, boerse.ard.de

Bei der heutigen Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) wird Präsident Mario Draghi voraussichtlich ein paar mahnende Worte an sein Heimatland richten. Der Streit zwischen Brüssel und Rom über den italienischen Haushaltsentwurf gefällt dem Italiener gar nicht. Denn eine Italien-Krise würde die im nächsten Jahr angestrebte zinspolitische Wende der EZB gefährden.

EZB wird Italien nicht zur Seite springen

Bisher scheinen die europäischen Währungshüter nicht gewillt, der drittgrößten Volkswirtschaft in Europa zu Hilfe zu eilen. Die EZB werde die neue Regierung in Rom nicht unterstützen, ist Ex-Ifo-Chef Hans-Werner Sinn überzeugt. Das glauben auch andere Ökonomen. BayernLB-Volkswirt Stefan Kipar rechnet nicht damit, dass sich die Notenbank von Italien zu Änderungen in ihrer Geldpolitik gezwungen sieht. Die EZB werde solange keine Bereitschaft zeigen, Italien zu helfen, sofern nicht auch andere Länder unverschuldet mit in die Krise hineingezogen werden, meint er. "Es muss definitiv schon einen ernsthaften Wachstumsdämpfer oder eine Eskalation der italienischen Krise geben, bevor die EZB ihren Kurs ändert", sagt ING-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski.

Notenbank-Insidern zufolge kann Italien im Fall von Zahlungsproblemen nicht auf die EZB als Feuerlöscher setzen. Die EU-Regeln verbieten es Draghi & Co, einem Land zur Hilfe zu kommen - es sei denn, dieses hat einem Rettungsprogramm der EU-Partner zugestimmt. Das ist jedoch wie bei den Griechenland-Hilfen mit harten Spar- und Reformauflagen verbunden. "Solange Italien die Einhaltung der Regeln des Euro infrage stellt, kann es nicht erwarten, in irgendeiner Weise gerettet zu werden", sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. "Die EZB hat klare Regeln für potenzielle Interventionen."

Italienische Anleiherenditen steigen bedrohlich

An den Märkten wird Italien als echtes Problem gesehen. Die Renditen der zehnjährigen italienischen Staatsanleihen sind zuletzt massiv gestiegen - auf bis knapp 3,8 Prozent. Der Risikoaufschlag (Spread) zu vergleichbaren Bundesanleihen liegt mit knapp drei Prozentpunkten so hoch wie zuletzt während der Euro-Schuldenkrise 2012. "Das kostet den Staat ordentlich Geld", sagt Commerzbank-Ökonom Marco Wagner. "Je höher der Zins, desto teurer werden neue Schulden für die italienische Regierung." Bis Ende des nächsten Jahres sind 440 Milliarden Euro an Anleihen fällig. Das würde laut Experten beim derzeitigen Spread Mehrkosten von vier Milliarden Euro bedeuten.

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Der Ausverkauf der italienischen Anleihen setzt auch den italienischen Banken zu. Sie haben durchschnittlich zehn Prozent ihrer Bilanzsumme in heimischen Staatspapieren angelegt. Ab einem Renditeniveau von vier Prozent könnte es für die Banken kritisch werden, meint der pensionierte Ökonom Sinn.

Ökonomen halten neue Euro-Krise für möglich

An diesem Freitag drohen neue Turbulenzen. Dann will die Rating-Agentur S&P ihr neues Kreditrating veröffentlichen. Ende der vergangenen Woche hat Moody's bereits die Bonitätsnote heruntergestuft. Sie liegt nur noch knapp über dem Ramschstatus.

Experten schlagen Alarm. "Wenn ein so großes Land des Euro-Raums in eine solche Krise gerät, dann ist die Gefahr groß, dass eine Euro-Krise 2.0 wieder ausbricht", warnt Timo Wollershäuser vom Ifo-Institut. Bank-Ökonomen sind ebenfalls beunruhigt. Setzt die neue Regierung in Rom ihre Vorhaben wie geplant um, könnte dies zu einer neuen Eurokrise führen, meint Elmar Völker, LBBW-Volkswirt. Sollte der Markt "bella Italia" das Vertrauen entziehen, wäre gar die Existenz der europäischen Gemeinschaftswährung in Gefahr. Mit mehr als zwei Billionen Euro ist Italien viel stärker verschuldet als das Dauer-Krisenland Griechenland.

Griechenland noch nicht über den Berg

Der Dauer-Patient hat gerade die Intensivstation verlassen. Nach acht Jahren am Tropf der internationalen Geldgeber hat Griechenland den Euro-Rettungsschirm verlassen. Dennoch ist es für eine Entwarnung zu früh. Die griechischen Banken leiden unter einem riesigen Berg von faulen Krediten. Deshalb wird schon wieder über ein Rettungspaket für die Hellas-Banken nachgedacht.

Trotz Rettungsfonds, EZB-Geldflut und Sanierungserfolgen in Spanien, Portugal und Irland steht Europa heute auf nicht viel stabileren Füßen als vor der Griechenland-Krise. Eine Schuldenkrise könnte jederzeit wieder ausbrechen. Vor allem wenn Italien ernst macht mit seinen Plänen, mehr Geld für die Einführung einer Grundsicherung und die Absenkung des Rentenalters auszugeben. Hebt die EZB dann im Herbst 2019 auch noch die Zinsen an, könnte das einzelne südeuropäische Banken in Schieflage bringen.

Zu den wenigen Experten, die die Lage entspannt sehen, gehört Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding. Eine echte Euro-Krise, die ganz Europa nachhaltig erschüttern könnte, bleibe höchst unwahrscheinlich, meinte er unlängst in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Italien gefährde vor allem sich selbst. Mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus und dem Anleihekaufprogramm der EZB habe heute die Eurozone alle Instrumente, um ein Übergreifen einer italienischen Krise auf andere Länder einzugrenzen. Italiens Erpressungspotenzial sei begrenzt.

Euro in der Abwärtsspirale

Ob Italien oder Griechenland - beim Euro stehen die Zeiten weiter auf Sturm. Das Anfang des Jahres erreichte Drei-Jahres-Hoch von 1,2555 Dollar dürfte die Gemeinschaftswährung wohl vorerst nicht mehr erklimmen. Die Deutsche Bank senkte im Sommer ihre Euro-Prognose für das Jahresende von 1,28 auf 1,20 Dollar. Die Experten der SEB rechnen gar mit einem Rutsch auf bis 1,10 Dollar.

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Auch Antje Praefcke, Devisenanalystin der Commerzbank, sieht den Euro "in einer Phase der Entzauberung". Sie verweist auf das Hickhack um den italienischen Haushalt und den in Frankreich entzauberten Präsidenten Emmanuel Macron. Wenn die US-Renditen weiter steigen und der Markt eine etwas aggressivere Fed nächstes Jahr einpreise, heiße das, dass der Euro in Richtung Süden tendiere. "Der Euro hat an Glanz verloren, kurzfristig wird der Dollar die Nase vorn haben", prophezeit Praefcke.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete WDR 5 Morgenecho am 25. Oktober 2018 um 07:35 Uhr.

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