Dow Jones Flash Crash

10 Jahre Lehman-Pleite Neue Finanzkrise durch ETFs?

Stand: 13.09.2018 06:45 Uhr

Börsengehandelte Indexfonds, sogenannte ETFs, werden immer beliebter. Auch Privatanleger investieren Milliarden in die kostengünstigen Produkte. Experten warnen vor den Gefahren.

Von Andreas Braun, boerse.ard.de

Eine an sich tolle Idee, die sich aber im Laufe der Jahre immer mehr als Belastung des gesamten Finanzsystems entpuppte: Die Rede ist von den gebündelten Hypothekenanleihen und Finanzderivaten wie CDS oder CDO, die vor rund zehn Jahren die Hypothekenkrise auslösten und die Welt in eine tiefe Rezession stürzten.

Zunächst gibt es nur eine gewisse Übereinstimmung mit den beliebten börsengehandelten Indexfonds, den ETFs. Auch sie sind für viele große und kleine Anleger seit einigen Jahren ein beliebtes und massenhaft gekauftes Mittel bei der Geldanlage. Auch diese Idee - einen Aktienindex einfach nachzubilden - erscheint brillant. Erstmals machte dies der Vermögensverwalter John Bogle 1976, als er die Aktien im US-Leitindex S&P 500 nachkaufte und mit seinem Fonds die meisten Investmentmanager schlug. Bogle ist heute einer der Kritiker der ETF-Flut.

Wenn der Handel lahm gelegt wird

Deutliche Hinweise auf Gefahren, die vom Erfolg der Produkte ausgehen könnten, sammelten Beobachter in den vergangenen Jahren immer dann, wenn es an den Börsen einmal heftig abwärts ging. Berühmtestes Beispiel ist ein Ein-Tages-Crash an der Wall Street im August 2015. Wegen wirtschaftlicher Turbulenzen in China sackten die Kurse der US-Indizes drastisch ab. Die ETFs auf die US-Indizes verloren zum Teil aber deutlich mehr an Wert und mussten massenweise vom Handel ausgesetzt werden. Zudem schafften es die Produkte nicht mehr, den ihnen zugrundeliegenden Index korrekt abzubilden.

Die Mechanik der Indexfonds sorgt für einen Teil der Bedenken gegen ETFs. Die zugrundeliegenden Aktien müssen blitzschnell am Markt ge- und verkauft werden. Bei Kursstürzen trocknet aber regelmäßig die Liquidität am Markt aus: Es gibt schlicht keine Käufer mehr für die Aktien - in der Folge müssen die Titel mit deutlichen Abschlägen verkauft werden, eine Preisspirale nach unten läuft, die durch die massenhaften Verkaufsaktionen der ETF-Besitzer ausgelöst wird.

Konzentration auf Indexaktien

Aber auch in normalen Börsenzeiten führt das Gewicht der Indexfonds laut Experten zu Verzerrungen am Aktienmarkt. So sehen Experten eine gefährliche Konzentration der Anlegergelder einerseits in Aktien, die in großen Indizes notieren. Und dabei würden die Indexschwergewichte aus dem US-Tech-Sektor noch stärker gewichtet und deren Kurse immer weiter nach oben geschoben. Das gilt vor allem für die so genannten FANG-Aktien, also Facebook, Amazon, Netflix und Google, aber natürlich auch für Apple, das heutige Schwergewicht im Dow-Jones-Index.

Die Popularität der Produkte, die sich stur am Index orientieren, sorgt auch für eine "Abstumpfung" auf Unternehmens-, aber auch auf Anlegerseite, so ein weiterer Kritikpunkt. Einerseits müssten sich Unternehmen nicht mehr bemühen, ihre Story am Markt zu "verkaufen" oder selbst für gute Geschäftszahlen zu sorgen, denn: Es reicht ja, wenn man als börsennotiertes Unternehmen in einem Index enthalten ist, Kurssteigerungen kommen dann von selbst. Und die Investoren: Sie schauen sich die Geschäftsmodelle und den Erfolg der Konzerne nicht mehr genau an, bevor sie investieren. Über den Indexfonds werden die Aktien einfach "blind" gekauft.

"Vertrauenszusammenbruch" nicht auszuschließen

Vor möglichen nachteiligen Effekten der ETFs haben bereits auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und die Europäische Zentralbank (EZB) gewarnt. Der renommierte Finanzprofessor an der Uni Mannheim, Martin Weber, hat kürzlich eine Analyse des ETF-Marktes publiziert. Weber sieht keine "unmittelbare Gefahr für die Markteffizienz" durch ETFs. Allerdings rät er wegen des "vermehrten Auftreten von Flash Crashs" zu Wachsamkeit. "Komplexe Verkettungen unterschiedlicher Finanzintermediäre" könnten schneller zu einem "Vertrauenszusammenbruch" am Finanzmarkt führen.

Das ETF-Universum wächst derweil ungehemmt weiter. Knapp fünf Billionen Dollar sind weltweit in den Produkten investiert. Pro Monat fließen durchschnittlich rund zehn Milliarden Dollar in die Fonds, dabei sind allerdings auch Renten- und Rohstoff-ETFs. Laut der Fondsratingagentur Morningstar wird spätestens 2024 das Volumen der passiven Fonds das der aktiv gemanagten Produkte überschreiten. In Japan ist dieser Zeitpunkt bei Aktien-ETFs längst erreicht, in den USA steht er kurz bevor. Groß genug für eine ausgewachsene Finanzkrise ist der Markt für Indexfonds also allemal (s.a. unseren Überblick: Die Risiken von ETFs).

AB

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Die Fallstricke bei Indexfonds

Devisen

Mangelnde Liquidität
Bereits bei mehreren Gelegenheiten in den vergangenen Jahren hat sich das strukturelle Problem bei ETFs gezeigt. In stark fallenden Märkten können die Handelspartner der ETF-Anbieter die Verkaufsorders für die Aktien in den Indexfonds nicht schnell genug "abarbeiten". Die Abwärtsbewegung beim ETF kann dann einerseits stärker ausfallen als beim Index selbst. Und außerdem kann der Verkaufsdruck bei den Indexfonds eine crashartige Situation verschärfen.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. September 2018 um 11:00 Uhr.

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