Computersimulation von drei Zunum-Elektroflugzeugen über Seattle

Elektroflugzeuge Tanken Flieger künftig Strom?

Stand: 28.02.2019 09:46 Uhr

Die Elektrifizierung der Fahrzeuge macht beim Auto nicht Halt: Neue Antriebe machen hybrid-elektrisches Fliegen schon heute möglich. Norwegen plant sogar die emissionsfreie Luftfahrt im Jahr 2040. Wie realistisch ist das und wo liegen die Probleme?

Von Thomas Spinnler, boerse.ARD.de

In Deutschland hat der Flugverkehr im vergangenen Jahr Rekordwerte erreicht. Der Bedarf an Flugzeugen ist gigantisch, um die steigenden Passagierzahlen zu bewältigen. Bis zum Jahr 2037 soll sich die Anzahl der Passagiere von 2017 an nach Daten des Airline-Verbands IATA mindestens auf rund sieben Milliarden verdoppeln. Die IATA geht von einer Wachstumsrate von 3,5 Prozent pro Jahr aus.

Im für die Branche günstigsten Szenario werden es sogar 5,5 Prozent Wachstum sein, sodass es im Jahr 2037 10,3 Milliarden Passagiere befördert werden müssten. Obwohl die modernen Flugzeuge umweltfreundlicher und effizienter geworden sind, wird das Folgen für die Klimabilanz haben.  

Globale Entwicklung der Passagierzahlen (in Mrd.)
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Globale Entwicklung der Passagierzahlen (in Mrd.)

Bedeutsame Themen wie Klimawandel, Umweltschutz und Lärmemissionen schaffen einen Innovationsdruck in der gesamten Industrie. Und es darf nicht vergessen werden, dass der Kerosinpreis einer der größten Kostenfaktoren in den Bilanzen der Fluglinien ist. Steht auch die Luftfahrtbranche ähnlich wie die Autoindustrie vor einem grundlegenden Wandel? Ist das elektrische Fliegen die Zukunft? Das Thema gerät immer mehr in den Fokus.

Kleine Sprünge mit Stromfliegern

Die Experten des Beratungsunternehmens Roland Berger befassen sich in verschiedenen Studien ausgiebig mit dem Thema Elektroantrieb für Flugzeuge. Die Fachleute beobachten, dass die Geschwindigkeit der Entwicklung zunimmt. Derzeit gebe es weltweit rund 100 verschiedene Entwicklungsprogramme. Das sind 30 Prozent mehr als 2017 und sogar eine Verdoppelung seit dem Jahr 2016. Rund 60 Prozent der Programme werden übrigens von Start-ups geführt, heißt es bei Roland Berger.

Prognosen über Zeiträume sind natürlich mit Vorsicht zu genießen. Ziemlich sicher ist allerdings, dass die Zukunft von elektrischen Passagierjets, die mit hunderten Passagieren um den Globus fliegen, noch in weiterer Ferne liegt. Dazu gibt es noch zu viele ungelöste technische Probleme. Genau wie bei Elektroautos verhindert die geringe Effizienz der Batterien größere Luftsprünge und vor allem auch größere Flugzeuge. Elektrische Fliegerei dürfte zunächst mit relativ wenigen Sitzplätzen auf regionaler Ebene betrieben werden.

„Elektrisches Fliegen wird Wirklichkeit“

easyJet Elektro-Flugzeug
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Easyjet: So könnte ein Elektro-Flugzeug aussehen

Einer der Vorreiter könnte Norwegen werden: Das Land plant die emissionsfreie Luftfahrt im Jahr 2040. Ab dann sei es möglich, die Inlandsflüge ausschließlich mit Strom zu betreiben, hat eine Studie des norwegischen Flughafenbetreibers Avinor ergeben.

Auch in Deutschland hat man die Dringlichkeit des Themas bemerkt. Im April des vergangenen Jahres sagte Rolf Henke, Vorstandsmitglied des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt: „Wir brauchen noch etwa zehn Jahre: fünf für die Forschung und fünf für die Entwicklung. Dann könnte es einen elektrisch betriebenen 19-Sitzer geben.“ Zunächst werde laut Henke voraussichtlich mit Hybrid-Antrieb geflogen, das heißt ein Verbrenner wird den Elektromotor unterstützen.

Die Billigairline Easyjet will mehr. Sie arbeitet gemeinsam mit Wright Electric, ein Start-up-Unternehmen aus Los Angeles, an einem elektrisch betriebenen Passagierflugzeug. „Elektrisches Fliegen wird Wirklichkeit und wir sehen vor uns eine Zukunft, die nicht ausschließlich am Kerosin hängt“, meint Easyjet-Boss Johan Lundgren. In einer ersten Stufe soll schon in diesem Jahr eine gemeinsame Maschine abheben die mit einer Reichweite von 500 Kilometern neun Passagiere befördern kann. Perspektivisch sind Jets geplant mit einer deutlich größeren Kapazität und Reichweite.   

Steckdose statt Kerosin

Airbus E-Fan X
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Airbus E-Fan X: Gemeinschaftsprojekt mit Siemens und Rolls-Royce

Auch die großen Flugzeugbauer stehen in den Startlöchern. Der US-Flugzeugbauer Boeing unterstützt das US-Start Up Zunum Aero. Das Unternehmen will ebenfalls hybrid-elektrische Flieger bauen, auch die US-Fluggesellschaft JetBlue Airways ist mit an Bord. Zunum möchte im Jahr 2022 einen Zwölfsitzer mit Hybridantrieb auf den Markt bringen.

Airbus arbeitet unter anderem mit Siemens und dem britischen Triebwerkshersteller Rolls-Royce an einem gemeinsamen Projekt. Ziel ist es, bis 2020 erstmals ein 100-sitziges Regionalflugzeug testweise mit einem hybridelektrischen Antriebsstrang auszurüsten.

Aufgrund der aktuellen technischen Beschränkungen ist es gleichwohl noch ein weiter Weg bis zum vollelektrischen Flieger. Die Experten von Roland Berger schätzen, dass in den frühen 2030ern erstmals hybridgetriebene Flugzeuge mit mehr als 50 Passagieren im kommerziellen Betrieb verwendet werden. Und bis die großen Jets an der Steckdose tanken, werden vermutlich eher Jahrzehnte als Jahre vergehen. Die Autoindustrie ist der Luftfahrtindustrie also noch weit voraus. Aber es wird daran gearbeitet.

 

Quelle: boerse.ard.de
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