Ein Mann betritt in Washington D.C. eine Filiale von "WeWork". | Bildquelle: AFP

Start-ups an der Börse Das hässliche Ende des Einhorn-Hypes

Stand: 05.11.2019 11:59 Uhr

Im Frühjahr sind viele Einhörner an die Börse gegangen, hochbewertete Start-ups, die aber meist Verluste machen. Ein mieses Geschäft für die Anleger: Heute notieren die Aktien deutlich unter ihrem Ausgabepreis. Findet an der Wall Street ein Umdenken statt?

Von Thomas Spinnler, boerse.ARD.de

Der erste Billionär der Weltgeschichte werden, lautete das ambitionierte Ziel von Adam Neumann, Ex-Boss und Mitgründer von WeWork – so berichtete es das gewöhnlich gut informierte "Wall Street Journal". 1.000 Milliarden kann man gut gebrauchen, wenn man wie Neumann plant, ewig zu leben und den Hunger der Welt zu besiegen. Neumann ist einer der sogenannten kreativen Zerstörer, ein Disruptor: Fiese Typen, vor denen Mutti immer gewarnt hatte. Sie treten an, um die Wirtschaft zu verändern, ganze Branchen umzukrempeln und Neues zu schaffen – nicht selten per App. Neumann wollte mit WeWork die Vermietung von Büroräumen neu denken und gestalten.

WeWork-Gründer Adam Neumann
galerie

WeWork-Gründer Adam Neumann: Billionär ist er nicht geworden, Milliardär schon

Auch der Ex-Uber-Boss Travis Kalanick ist ein Visionär dieses Kalibers. Sie benehmen sich rücksichtslos wie Punkrocker oder Rockstars. Dabei geht auch schon mal ein Hotelzimmer kaputt. Oder Schlimmeres: Neumann wurde Alkoholmissbrauch vorgeworfen, er soll Marihuana im Privatjet geraucht und eine Angestellte systematisch diskriminiert haben.  

Immerhin schaffte er es, Risikokapitalgeber und Investoren von seiner Büro-Idee so zu überzeugen, dass sie Milliarde auf Milliarde in WeWork steckten und die Bewertung bis auf fast 50 Milliarden Dollar trieben. Gewinn machte das Unternehmen nicht, aber das Potenzial sollte grenzenlos sein.

Schluss mit lustig

Als Zahltag für die Investoren war der Börsengang gedacht. Er wurde abgesagt: Ausbleibende Gewinne, ein umstrittener CEO. Ähnlich wie bei Kalanick zogen die Geldgeber die Reißleine und ließen Neumann an der Spitze ablösen. Der gescheiterte IPO des Büroraumvermieters WeWork gilt für nicht wenige Experten als endgültiges Zeichen für das Ende des "Einhorn-Hypes".

Einhorn
galerie

Einhorn: Kleine Mädchen lieben sie, Investoren nicht mehr so sehr

Als Einhörner bezeichnet man Start-ups, die es auf eine Bewertung von mehr als eine Milliarde Dollar bringen. Unternehmen wie Uber, Lyft, oder Pinterest, die in diesem Jahr an die Börse gingen, liegen himmelweit darüber. Sie alle haben gemeinsam, dass sie hohe Verluste einfahren, aber nach Ansicht der Investoren das Potenzial tragen, einen Markt völlig zu beherrschen. Umsatzwachstum hat oberste Priorität, später irgendwann sollen die Gewinne unbegrenzt sprudeln.

72 Prozent der jüngsten Börsenneulinge in den USA seien nicht profitabel, haben die Bankexperten von Metzler ausgerechnet. "Das erinnert an die Zeit vor dem Platzen der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende", sagte Frank Endres, Leiter des Metzler-Portfoliomanagements.   

Sicher ist sicher

Für die meisten Anleger war der Aktienkauf bislang nicht der erhoffte kurze Weg zum Reichtum, sondern ein richtig mieses Geschäft. Die Kurse purzeln. Es geht an der Wall Street offenbar nicht mehr um Wachstum um jeden Preis. Gewinne machen ist wieder modern. "Aus unserer Sicht sind die Tage großzügiger Kapitalspritzen für unprofitable Unternehmen gezählt", schreibt Mike Wilson, Chefstratege für US-Aktien bei der US-Bank Morgan Stanley.

Die Anleger an den Börsen sind risikoscheu geworden und eine Wette auf eine derart ferne und ungewisse Zukunft, hat vielen von ihnen zu vage Erfolgsaussichten - vor allem in Zeiten wie diesen. Das ewige Brexit-Drama, die Sorge um die globale Konjunktur und der anhaltende US-Handelsstreit mit China und der EU zwingen die Anleger dazu, sich auf Branchen zu konzentrieren mit Geschäftsmodellen, die auch in schwierigeren Zeiten funktionieren.  

Weitere Kursinformationen zu Uber

Weitere Kursinformationen zu Lyft

Weitere Kursinformationen zu Beyond Meat

Mehr Grönemeyer, weniger Keith Richards!

Und der Ausverkauf der Einhörner könnte weitergehen. Üblicherweise dürfen Insider wie Gründer, leitende Angestellte, Mitarbeiter und private Investoren, die bereits vor dem Börsengang einen Unternehmensanteil besessen haben, ihre Aktien erst nach einer Wartefrist verkaufen. Die Frist kann zwischen 90 und 180 Tagen dauern. Einige dieser Fristen laufen in diesen Tagen aus. Es wäre also nicht überraschend, wenn sich der Druck auf einige Aktien noch erhöhen würde.

Beyond Meat Börsengang in New York
galerie

Beyond Meat Börsengang in New York

Wie hart eine Aktie durch das Ende der "Lock-up-Frist" in Turbulenzen geraten kann, war vergangene Woche am Beispiel von Beyond Meat zu beobachten. Zeitweise büßte das Unternehmen mehr als 20 Prozent des Börsenwerts ein, weil Investoren Gewinne einstrichen. Allerdings liegen die Titel des veganen Burgerbraters noch immer deutlich über dem Ausgabepreis beim Börsengang. Die Verlockung Kasse zu machen mag also tendenziell größer sein als bei Einhörnern, die sozusagen schon tiefer gesunken sind.

Eines ist aber gewiss: Die hochspekulative Welt des Risikokapitals ist eine andere als die relativ transparente Welt der Börsen. Hier können sich inflationäre Bewertungen in der Regel nicht so lange halten. Wer eine Aktie besitzt, will einen verlässlichen Fahrplan in Richtung Gewinnzone sehen und ein fähiges Management, das im Stande ist, diesen Fahrplan umzusetzen. Es ist also solides Handwerk im Stile Herbert Grönemeyers oder Bruce Springsteens gefragt, und weniger Keith Richards oder Sid Vicious.  

Quelle: boerse.ard.de
Darstellung: