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E-Mobilität in Deutschland Ohne die Asiaten läuft nichts

Stand: 04.12.2018 06:48 Uhr

Die deutschen Autohersteller investieren Milliarden in neue Elektrofahrzeuge, um die strengeren Klimaschutz-Vorgaben zu erfüllen. Bei den Batteriezellen sind VW, BMW, Daimler & Co aber abhängig von asiatischen Produzenten. Die Bundesregierung will das ändern und träumt von einem "Airbus für Batterien".

Thüringens Politiker und Wirtschaftsförderer sind elektrisiert. In der Landeshauptstadt Erfurt soll Deutschlands erste Batteriezell-Fabrik entstehen. Bis 2022 sollen dort 240 Millionen Euro investiert werden, 600 neue Jobs werden voraussichtlich geschaffen.

Chinesen bauen die erste deutsche Zellfabrik

Die Zellfabrik mit einer ausgelegten jährlichen Kapazität von 14 Gigawattstunden wird aber nicht von einem deutschen Autokonzern gebaut, sondern von einem chinesischen Batterieproduzenten. Contemporary Amperex Technology, kurz CATL, wird in Erfurt chinesische Batteriezellen für deutsche Autos liefern.

Produktion bei CATL
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Produktion bei CATL

Den ersten Großauftrag hat CATL bereits sicher: Für vier Milliarden Euro bezieht BMW Zellen der Chinesen. Fast die Hälfte des Auftragsvolumens, nämlich 1,5 Milliarden Euro, betrifft das Werk in Erfurt. Ab 2021 sollen die Zellen aus Erfurt den künftigen Super-Stromer, den iNext antreiben. CATL hofft auf weitere Aufträge von Herstellern wie Daimler.

Für BMW-Chef Harald Krüger ist der Milliarden-Deal mit dem chinesischen Lieferanten derzeit die einzige Möglichkeit, den iNext rechtzeitig auf die Straße zu bringen. "Wir müssen uns für die sichere Produktion des iNext jetzt festlegen und haben deshalb diesen Auftrag an CATL vergeben", rechtfertigte er sich im "Handelsblatt".

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Asiaten beherrschen den Weltmarkt

Tatsächlich sind die deutschen Autobauer derzeit bei ihrer geplanten Elektro-Offensive fast komplett auf die Hilfe der asiatischen Lieferanten angewiesen. Diese beherrschen den Großteil des weltweiten Batteriezell-Markts. CATL, Panasonic, Sony, LG Chem und Samsung produzieren zusammen über 90 Prozent der Zellen weltweit. Experten sprechen von einem asiatischen Oligopol.

Aus Deutschland und Europa kommen derzeit kaum Zell-Produzenten. Bosch hat einen Einstieg in die Zellfertigung abgelehnt, weil die Aufholjagd gegenüber den asiatischen Wettbewerbern zu teuer wäre. Auch Conti will vorerst nicht in der Batteriezellen-Produktion mitmischen.

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VW erwägt Zellproduktion ab 2024

Und die Autobauer selbst schrecken ebenfalls vor einer eigenen Zellfertigung zurück. Daimler verabschiedete sich 2015 aus dem Geschäft und stellte die Produktion eigener Zellen ein.

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Nur VW hat eine eigene Batteriezell-Fertigung noch nicht aufgegeben. Die Wolfsburger werden in einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem US-Start-up Quantum Scape in den nächsten zwei bis drei Jahren erkunden, ob Feststoffzellen - die Batteriezellen der nächsten Generation - produziert werden könnten. Falls ja, sei eine Serienfertigung ab 2024 möglich. "Wir dürfen uns langfristig nicht von wenigen asiatischen Herstellern abhängig machen", fordert VW-Chef Herbert Diess.

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Eine Milliarde Euro Förderung für Zellfabrik made by Germany

Das hat auch die Politik inzwischen erkannt. Die Bundesregierung und die Gewerkschaften drängen auf eine nationale oder europäische Antwort auf die asiatische Dominanz. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will eine von deutschen Firmen in Deutschland gebaute Batteriezellfabrik bis 2021 mit einer Milliarde Euro fördern. Bis Ende des ersten Quartals soll es eine konkrete Investitionsentscheidung geben. Für die Fabrik made by Germany haben sich drei Konsortien in Stellung gebracht.

Mit dem nationalen Konsortium bestehend aus dem schwäbischen Batteriehersteller Varta, dem Ludwigshafener Chemieriesen BASF und Ford Deutschland soll es bereits intensive Gespräche geben. Angeblich erwägt VW, in eines der drei Konsortien einzusteigen.

BASF investiert in Batteriematerial

Vor allem BASF sieht großes Potenzial im Geschäft mit Elektroautos. Der Chemie-Konzern aus Ludwigshafen setzt auf hochwertiges Kathoden-Material. Denn die Leistungsfähigkeit einer Batteriezelle hänge nicht von der hochautomatisierten Produktion, sondern vom Material - nämlich Anode, Kathode und Elektrolyt - ab, weiß Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. BASF will mehr als 400 Millionen Euro in die Produktion von Batterie-Materialien investieren. In Finnland errichten die Ludwigshafener eine Anlage, die ab 2020 die Produktion aufnehmen soll und laut dem Konzern rund 300.000 Stromer pro Jahr ausstatten soll.

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Die Europäische Kommission begrüßt solche Pläne. Sie versucht ebenfalls zu verhindern, dass die Autoindustrie zu abhängig wird von asiatischen Zell-Lieferanten, und will mit Hilfe einer europäischen Batterie-Allianz Investitionen von über 20 Milliarden Euro für europäische Batteriefabriken anstoßen. Zehn bis 20 Fabriken seien bis 2025 notwendig. EU-Energiekommissar Maros Sefcovic träumt von einer Art "Airbus für Batterien".

Die Zeit drängt. Der Bedarf der Autoindustrie nach Batteriezellen steigt und steigt. In diesem Jahr werden die Autobauer voraussichtlich mehr Speicherzellen brauchen als die Smartphone-, Computer- und Hausgerätebranche. Ein Smartphone kommt mit einer Lithium-Ionen-Zelle aus, ein Tesla braucht gut 8.000 Zellen.

Gehen bald die Zellen aus?

Schon bald drohen Engpässe. "Wir rennen sehenden Auges in eine Zellknappheit", warnte unlängst Dirk-Uwe Sauer, Professor für Elektrochemie an der RWTH Aachen. Es sei jetzt endlich an der Zeit, in Europa eine eigene Lithium-Zellproduktion aufzubauen, fordert Sauer. Sonst setze die Autoindustrie ihre eigene Zukunft aufs Spiel.

Bis 2025 wird nach Planungen der europäischen Autohersteller jedes fünfte verkaufte Auto elektrisch fahren. Dafür würden allein in Europa 14 Zellfabriken von der Größe in Erfurt gebraucht.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. August 2018 um 18:40 Uhr, am 16. November 2018 um 17:14 Uhr und am 03. Dezember 2018 um 12:16 Uhr. Deutschlandfunk Kultur berichtete am 18. September 2018 um 19:30 Uhr.

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