Das Logo der Deutschen Bank spiegelt sich in einer Hochhausfassade in Frankfurt am Main | Bildquelle: dpa

Deutsche Bank-Hauptversammlung Die neuen Einflüsterer der Aktionäre

Stand: 23.05.2019 06:48 Uhr

Auf den Hauptversammlungen weht ein neuer Wind: Die Entlastung der Führungsspitzen großer Unternehmen ist keine ausgemachte Sache mehr. So geschehen bei Bayer. Auch der Deutschen Bank droht heute ein Misstrauensvotum der Aktionäre. Dahinter stecken sogenannte Stimmrechtsberater. Wer sind diese Leute?

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Vor allem Fondsgesellschaften aus den USA und Großbritannien richten sich zunehmend nach den Empfehlungen von Stimmrechtsberatern, was denen einen erheblichen Einfluss verschafft. So etwa am 26. April, als eine Mehrheit der Bayer-Anteilseigner Vorstandschef Werner Baumann die Entlastung verweigerte - ein Novum in der Geschichte eines Dax-Unternehmens.

Wenig später wurde auch die Führung der Schweizer Großbank UBS abgestraft und nicht entlastet. Zwar haben die Abstimmungen der Aktionäre keine unmittelbaren rechtlichen Konsequenzen, doch sie gelten als Gradmesser für das Vertrauen der Anteilseigner in die Führungsspitze der Unternehmen.

Ohrfeige für Achleitner?

Deutsche Bank-Aufsichtsrat Paul Achleitner
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Deutsche Bank-Aufsichtsrat Paul Achleitner

Sowohl bei Bayer als auch bei der UBS hatten sich die Stimmrechtsberater ISS und Glass Lewis gegen eine Entlastung ausgesprochen. Bei der Deutschen Bank empfehlen sie ebenfalls Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu entlasten. Damit droht der Führungsspitze um Christian Sewing und Paul Achleitner ein Misstrauensvotum.

Ab einem bestimmten Zeitpunkt sollten die Aktionäre eines Unternehmens ihren Bedenken Gehör verschaffen, sagte ein ISS-Sprecher. Und weiter: Der Appetit für Risiko und der Mangel an persönlicher Verantwortung bei der Deutschen Bank habe wiederholt zu hohen Strafen, immer neuen Untersuchungen und zu Misstrauen der Aktionäre gegenüber der Führung des Instituts geführt.

Im Mittelpunkt der Kritik steht erneut Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Er wird für den desaströsen Niedergang des einst so mächtigen Bankhauses verantwortlich gemacht. Wie groß der Einfluss der Stimmrechtsberater auf die Anleger der Deutschen Bank ist, wird sich zeigen. Tatsächlich ist ihre Bedeutung in den vergangenen Jahren stetig gewachsen.

Ähnlicher Job wie DSW und SdK

Institutional Shareholder Services
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Institutional Shareholder Services

Vor den Hauptversammlungen prüfen die Stimmrechtsberater die Vorschläge der Unternehmen und raten dann auf Grundlage ihrer Analyse, für oder gegen einen Antrag zu stimmen. Geprüft wird hauptsächlich, ob die Pläne der Konzerne mit den Leitlinien von guter Unternehmensführung (Corporate Governance) übereinstimmen. Dafür analysieren die Berater Geschäftsberichte, prüfen Vergütungssysteme und durchleuchten Aufsichtsratskandidaten. Allein ISS analysiert jährlich 42.000 Unternehmen weltweit.

Die Berater machen also einen ähnlichen Job wie die Aktionärsschützer von der DSW oder der SdK, die Privatanleger beraten und vertreten. Nur dass zur Kundschaft von ISS und Glass Lewis vor allem Großaktionäre zählen, darunter Hedgefonds, Pensionskassen, Versicherungen und Banken. Die großen Fondsgesellschaften sind bisweilen an mehr als tausend Aktiengesellschaften beteiligt - da spart es Zeit, Geld und Nerven, wenn ein professioneller Analyst eine Empfehlung ausspricht.

Rapide gestiegener Einfluss

Vor allem ausländische Investoren schätzen die Empfehlungen der Berater, weil es ihnen selbst an Ressourcen oder Expertise mangelt, um die Beschlussvorlagen der Unternehmen und deren Strategie selbst überprüfen zu können.

Bayer Hauptversammlung 2019
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Bayer-HV 2019: Aktionärsberater an der Spitze der Revolte

Wie sehr der Einfluss der Stimmrechtsberater in den vergangenen Jahren gestiegen ist, zeigt ein Blick auf die Entwicklung der in den USA beheimateten Firma ISS. Sie beschäftigt inzwischen 1.800 Mitarbeiter, mehr als doppelt soviel wie noch vor fünf Jahren. Mit Büros in 30 Ländern deckt sie inzwischen 44.000 Aktionärstreffen im Jahr ab, für 2.000 institutionelle Kunden. Experten schätzen, dass die beiden Marktführer ISS und Glass Lewis bereits ein Drittel bis 40 Prozent der auf einer Hauptversammlung abgegebenen Stimmen zumindest mittelbar beeinflussen.

Neben der wachsenden Bedeutung von Großanlegern waren es vor allem Vertrauenskrisen und Firmenskandale wie die von Enron, die ISS und Glass Lewis groß gemacht haben. Anleger suchten damals nach einer unabhängigen Stelle, die dem Management von Aktiengesellschaften auf die Finger klopft. So wurde ISS zu einer Institution an der Wall Street. Eine Fusion mit dem Rivalen Proxy Monitor machte sie endgültig zur Nummer eins der Branche. Sie kommt in den USA und Europa auf einen Marktanteil von rund 60 Prozent.

Bedenkliche Entwicklung

Eine bedenkliche Entwicklung, finden deutsche Aktionärsschützer. Denn es sei unklar, wie es möglich sei, mit Teams von fünf bis zehn Personen auf mehreren tausend Hauptversammlungen pro Jahr die Stimmrechte von Investoren korrekt auszuüben. Viele Urteile der Berater würden deshalb sehr pauschal ausfallen.

Auch könnten ihre Kunden oftmals gar nicht erkennen, ob eine Empfehlung ihren eigenen, individuellen Kriterien entspreche. Ein weiteres Problem sei, dass die Berater ihre Empfehlungen bereits gut zwei Wochen vor einer HV abgeben. Eine Änderung des Abstimmungsverhaltens sei dann praktisch nicht mehr möglich, da die Berater zumeist nicht auf den Aktionärsversammlungen präsent seien.

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Wo die Aktionärsvertreter Druck machen

Werner Baumann

Bayer
Zum ersten Mal in der Geschichte eines Dax-Unternehmens ist Bayer-Vorstandschef Werner Baumann auf der letzten Hauptversammlung im April nicht entlastet worden - auf Empfehlung der Stimmrechtsberater ISS und Glass Lewis.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Mai 2019 um 09:00 Uhr.

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