Fahrzeuge im Hafen von Emden | Bildquelle: dpa

Deutsche Autobauer Aus Rivalen werden Verbündete

Stand: 03.04.2019 17:48 Uhr

Steckt Deutschlands Schlüsselindustrie in einer Krise? Kritiker behaupten, BMW, Daimler und VW hätten Zukunftstrends wie Elektromobilität und autonomes Fahren weitgehend verschlafen. Jetzt setzten die Konzerne verstärkt auf Kooperationen. Ist das ein vielversprechender Weg?

Von Thomas Spinnler, boerse.ARD.de

Die Zukunft der Autoindustrie scheint ungewisser denn je. Mit den großen Tech-Konzernen im Silicon Valley erwächst den Autobauern eine ernst zu nehmende Konkurrenz beim Thema autonomes Fahren, im Bereich Elektromobilität gibt es neben Tesla immer mehr Konkurrenten, die sich um einen Platz an der Sonne bewerben. Und was ist, wenn China beim Autobau mit eigenen Marken weiter an Fahrt gewinnt? Hinzu kommt, dass die jüngsten globalen Verkaufszahlen und Alarmsignale aus China darauf hindeuten könnten, dass die besten Zeiten vorerst vorbei sind.

„Die Innovationskraft der Automobilindustrie wird zu einer Überlebensfrage“, heißt es dazu in einer aktuellen Studie des Center of Automotive Studies (CAM) zur Innovationsstärke der globalen Automobilhersteller. Zwar seien die letzten Jahre die wirtschaftlich besten der Automobilgeschichte mit Rekordabsätzen und hohen Gewinnen gewesen, schreibt der Direktor des CAM, Prof. Stefan Bratzel. „Diese ‚goldene Periode‘, die wesentlich noch auf den etablierten Geschäftsmodellen basierte, geht jetzt aber zu Ende“, so die Einschätzung des Experten.

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Daimler - selbstfahrendes Auto: Einfach mal die Arme baumeln lassen

Offenbar haben die deutschen Konzerne die Zeichen der Zeit erkannt. Bislang kämpften die Premiummarken überwiegend auf eigene Rechnung. Doch es tut sich was in Auto-Land. Aus Konkurrenten werden plötzlich Verbündete und Kooperationen zwischen den Marken sollen dabei helfen, die Spitze zu verteidigen.

„Es besteht ein Zwang zur Kooperation“

Ende Januar berichtete das „Handelsblatt“, dass ausgerechnet die beiden Erzrivalen Daimler und BMW umfangreich im Bereich Entwicklung und autonomes Fahren zusammenarbeiten wollen, also in einem Kernbereich der Unternehmen. Im Segment Mobilitätsdienstleistungen kooperieren beide schon seit längerem in einem Joint Venture, um gemeinsam unter anderem Carsharing, Fahrservice-Leistungen oder Ladelösungen für E-Autos anzubieten. 

Kurz danach folgte der nächste Signal: Medien berichteten, dass sogar auch Volkswagen in eine Art Allianz eintreten könnte, die gemeinsam plane, selbstfahrende Autos zu entwickeln. Es gebe Gespräche darüber, wie die hohen Ressourcen für die nächste Generation aufzubringen seien, informierte ein Insider die Nachrichtenagentur Reuters. Offenbar sind die Verhältnisse in Bewegung geraten.  

„Man kann eigentlich schon von einem Zwang zur Kooperation sprechen“, kommentiert Bratzel im Gespräch mit boerse.ARD.de. „Die Hersteller haben gemerkt, dass sie nicht nur untereinander in einem Wettbewerb stehen, sondern auch gegen ganz andere Player bestehen müssen.“ Denn die Hightech-Konzerne aus dem Silicon Valley entwickeln ständig neue Technologien und treiben damit den Wandel der Branche voran. Beim Thema autonomes Fahren liege laut Bratzel beispielsweise Google mit dem Roboterwagen-Entwickler Waymo weit vorn.

Milliarden investieren, Milliarden einnehmen

Diesen Vorsprung gilt es aus Sicht der deutschen Autobauer aufzuholen, wenn sie weiterhin auf dem globalen Markt bestimmend bleiben wollen. Und das kostet viel Geld, weiß Branchenexperte Bratzel: „Die Autohersteller sind mit der Frage konfrontiert, wie sie die Rieseninvestitionen stemmen können, die jetzt erforderlich sind und die sich eventuell erst in einigen Jahren rechnen werden. Es geht schließlich um einen künftigen Milliardenmarkt, die Hoffnung auf ein Riesengeschäft ist groß.“ Einzelne Hersteller sind mit den milliardenhohen Entwicklungskosten schlicht überfordert.

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Tesla Model S: Noch liegt Tesla bezüglich Innovationskraft hinter den deutschen Konzernen

Die Experten der Deutschen Bank haben sich in einer aktuellen Analyse ebenfalls mit dem Thema Kooperationen befasst: Eine mögliche weitergehende Kooperation zwischen BMW und Daimler, wie sie Medienberichte nahelegten, wäre günstig für die Preisentwicklung in den kommenden Jahren, meint Analyst Tim Rokossa. Vor allem das damit verbundene Potenzial im Kampf gegen Margendruck werde unterschätzt, so Rokossa.

Wettbewerber holen auf

Gefragt ist derzeit jedenfalls neben ausreichendem Investitionskapital vor allem die Innovationskraft der Autobauer. In der Studie des CAM kommt Bratzel zum Ergebnis, dass die deutschen Automobilhersteller über alle Technologiefelder hinweg immer noch eine sehr hohe Innovationsstärke besitzen. Volkswagen, Daimler und BMW führen die Liste an, dahinter folgt allerdings bereits der US-Elektroautohersteller Tesla. Neue Wettbewerber hätten stark aufgeholt und würden immer gefährlicher.

„Für die deutschen Autobauer ist keineswegs alles verloren, man muss das einfach differenziert sehen, erklärt der CAM-Direktor. „Sie wissen, was die Stunde geschlagen hat und reagieren jetzt richtig.“

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen am 23. Januar 2019 in den Nachrichten und am 25. Januar 2019 um 17:00 Uhr.

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