Menschen arbeiten auf dem Börsenparkett in Frankfurt. | Bildquelle: dpa

Reformplan für Leitindex Warum der DAX Zuwachs bekommen könnte

Stand: 04.11.2020 06:35 Uhr

Die Deutsche Börse will den Leitindex Dax von bislang 30 auf 40 Unternehmen vergrößern. Die meisten Experten sehen das positiv. Doch es gibt auch kritische Stimmen. Was die Marktteilnehmer dazu sagen, soll in drei Wochen verkündet werden.

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Kritiker sind schon seit längerem der Meinung, dass die 30 im Dax notierten Unternehmen die deutsche Wirtschaft nur ungenügend repräsentieren. Einige Großinvestoren wie Fondsgesellschaften und Beteiligungsfirmen haben die derzeitige Zusammensetzung des Dax schon als "Industriemuseum der deutschen Wirtschaft" verspottet. Tatsächlich wird der Dax von meist über 100-jährigen Unternehmen aus der Chemie- und Pharmabranche (BASF, Bayer, Linde), dem Automobilsektor und den Versicherungen dominiert.

Junge, aufstrebende Firmen oder Überflieger wie der Aromahersteller Symrise, der Göttinger Laborausrüster Sartorius oder der Onlinehändler Zalando sind dagegen in der ersten Börsenliga nicht zu finden. Startups wie das Biotechunternehmen CureVac gehen gleich an die New Yorker Börse, weil sie befürchten müssen, dass sie in Frankfurt nicht genug Investoren finden.

Nachvollziehbar und wünschenswert

Nach Einschätzung vieler Großanleger ist es also höchste Zeit, dass der Dax eine Verjüngungskur erhält, obwohl auch sie wissen, dass in Deutschland - eine Besonderheit im internationalen Vergleich - zahlreiche Unternehmen gar nicht börsennotiert sind, die von der Größe her eigentlich in den Dax gehörten, wie Dr. Oetker, Bosch, Würth oder Bertelsmann. Und ein Silicon Valley gibt es hierzulande schon gar nicht.

Dennoch dürfte für viele ausländische Investoren eine Ausweitung der Dax-Mitgliederzahl ein nachvollziehbarer und wünschenswerter Schritt sein, denn Deutschland steht in dieser Hinsicht schon lange weitgehend alleine da. Schließlich haben die großen Börsenindizes der meisten Länder deutlich mehr Mitglieder als der Dax. So umfasst der FTSE in London 100 Titel, der japanische Nikkei sogar 225.

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Ergebnis am 23. November

Dass es darüber hinaus auch Veränderungen bei den Aufnahmekriterien geben muss, hat der Fall Wirecard gezeigt. Das Skandalunternehmen war noch Monate nach seiner Insolvenz im Dax notiert, weil die derzeitigen Regelungen einen schnellen Rauswurf nicht gestatten.

Weil die Deutsche Börse die Reformen nicht von oben herab durchsetzen möchte, hat sie eine Befragung der Marktteilnehmer, also der Investoren, gestartet. Die haben noch bis zum heutigen Mittwoch Zeit, sich zu den Plänen zu äußern.

Die Ergebnisse der Befragung sowie eine Ankündigung möglicher Änderungen an der Indexmethodik sollen bis 24. November veröffentlicht werden. Umgesetzt werden soll die Reform dann im Lauf des nächsten Jahres.

Nur optische Veränderungen

Die DZ Bank hat in einer Studie herausgearbeitet, wie der neue Dax aussehen könnte. Danach würde der Leitindex im Fall einer Erweiterung seiner Mitglieder von 30 auf 40 die hiesige Unternehmenslandschaft optisch zwar besser widerspiegeln.

Tatsächlich würde sich wegen des hohen Gewichts der Großkonzerne wie SAP, Linde, Siemens oder Allianz aber nur wenig ändern. Auch würde sich die Branchen-Zusammensetzung etwa zu Gunsten von Techaktien nur unwesentlich verschieben, betont die DZ Bank. Der Grund: Der Anteil von Chemie-, Auto- und Industriekonzernen unter den großen, deutschen börsennotierten Firmen ist einfach zu hoch, das Gewicht innovativer und junger Firmen zu gering.

Der DZ Bank zufolge würden dynamisch wachsende Unternehmen aus der Gesundheits- und Internetsparte wie Sartorius und Zalando dem Index zwar neue Impulse verleihen, Industrietitel blieben aber weiterhin dominierend.

Größerer Einfluss auf den MDax

Wäre es also besser, die Pläne ad acta zu legen und die Zahl der Dax-Mitglieder unverändert zu lassen? Ganz so negativ sehen es die Bankexperten dann doch nicht. "Generell wären das größere Volumen, die leicht höhere Diversifikation und der steigende Anteil dynamisch wachsender Unternehmen für den Dax positiv und sollten den Leitindex aufwerten", heißt es in der DZ Bank-Studie.

Viel größer sei dagegen der Einfluss auf den MDax, weil der wohl seine bisher stärksten Unternehmen an den Dax verlieren würde, mutmaßen die Bankfachleute. Dennoch begrüßen die meisten Fondsmanager das Vorhaben. Jürgen Hackenberg von Union Investment sagte, mit einem Anstieg der Dax-Mitgliederzahl würden sich die Gewichte der bisherigen Index-Mitglieder verringern und das Börsenbarometer damit ausgeglichener.

Schwachstellen beseitigen

Gleichzeitig geht es der Deutschen Börse darum, die Schwachstellen des Leitbarometers zu beseitigen, die der Wirecard-Skandal aufgezeigt hat. So sollen die Regeln bezüglich der Erstellung und Vorlage von Geschäftsberichten verschärft werden, um schneller und entschiedener auf mögliche Missstände reagieren zu können. Im Klartext bedeutet das, dass Unternehmen wie Wirecard, die ihre Bilanzen verspätet oder gar nicht veröffentlichen, schneller als bisher aus dem Index geworfen werden könnten.

Auch will die Börse die Kriterien für eine Aufnahme in den Dax verändern. So sollen künftig nur noch Unternehmen in den Index aufgenommen werden, die auch ein positives Ergebnis erzielen. Verlustbringer wie der Essenszulieferer Delivery Hero hätten dann keinen Zugang mehr. Das ist zwar international längst Standard, könnte aber auch junge, innovative Firmen benachteiligen, geben Experten zu bedenken.

Thema Nachhaltigkeit

Zusätzlich sollen sich die Marktteilnehmer zu der Frage äußern, ob künftig Unternehmen vom Dax ausgeschlossen werden sollten, die an "umstrittenen Waffen" beteiligt sind. Ein politisches Thema, bei dem die Deutsche Börse auch Großanlegern entgegen kommt. Die achten zunehmend auf drei Themen: Umweltschutz, soziales Verhalten und faire Unternehmensführung. Diese sogenannten ESG-Kriterien - das Akronym steht für Environment, Social and Governance - werden zwar immer wichtiger, doch würde die Deutsche Börse mit diesem Punkt im Leitindex einen eigenen Weg beschreiten. Dass der Dax spätestens im kommenden Frühjahr Zuwachs bekommen wird, gilt allerdings als ausgemacht.

Quelle: boerse.ard.de
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