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Geschäftsmodell Coworking Es geht besser als bei WeWork

Stand: 11.10.2019 09:54 Uhr

Der geplante Börsengang von WeWork ist geplatzt: Die Angst vor einem Debakel war zu groß. Doch das Beispiel einiger europäischer Unternehmen zeigt, wie erfolgreiches Coworking funktioniert.

Von Thomas Spinnler, boerse.ARD.de

Was für ein Hype – und was für ein Absturz: Gerade noch soll WeWork rund 47 Milliarden Dollar wert gewesen sein. Der Börsengang ist geplatzt und das Management muss kleinere Brötchen backen. Jetzt ist nur noch von zehn bis zwölf Milliarden Dollar die Rede. Wenn man bedenkt, dass das Untervermieten von Gewerbeimmobilien nicht gerade klingt wie ein aufregendes Geschäftsmodell, ist das natürlich trotzdem nicht übel.

WeWork-Gründer Adam Neumann
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WeWork-Gründer Adam Neumann

Aber es kommt noch schlimmer. Für die Fachleute der Ratingagentur Fitch droht sogar eine Pleite. Sie stuften die Kreditwürdigkeit herab und versahen das Rating mit einem negativen Ausblick. Auch andere Ratingagenturen sehen WeWork zunehmend kritisch. Wie die Ereignisse der vergangenen Tage zeigen, hat WeWork mit einigen spezifischen  Problemen zu kämpfen, zu denen auch der Gründer Adam Neumann gehört.    

Verdienen mit Coworking

Aber wie läuft es bei der Konkurrenz? Funktioniert das Geschäftsmodell überhaupt? Der nach WeWork bekannteste internationale Anbieter von Coworking-Plätzen dürfte IWG sein. Das vor rund 30 Jahren gegründete Unternehmen mit Hauptquartier in der Schweiz ist mit einem aktuellen Börsenwert von rund 4,3 Milliarden Dollar an der Londoner Börse gelistet – es wird also nicht einmal mit zehn Prozent des Spitzenwertes von WeWork bewertet.

Das ist aber auch so ziemlich die einzige Zahl, die schwächer aussieht. Denn anders als WeWork macht IWG Gewinn. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2018 waren es immerhin umgerechnet mehr als 130 Millionen Dollar. Das ist zwar ein Minus von rund sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dafür kletterte der Umsatz um etwa 13 Prozent auf 3,0 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der Rivale verbuchte 2018 einen Verlust von 1,9 Milliarden Dollar. Angesichts der aktuellen Lage ist kaum davon auszugehen, dass sich der Expansionskurs WeWorks durchhalten lässt.

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"Raumlösungen für agiles, innovatives Arbeiten"

Unter dem Dach von IWG sind Marken wie Regus, Spaces, HQ oder No18 tätig. Insgesamt betreibt der Konzern seine Geschäfte weltweit an 3.300 Standorten. WeWork ist an 528 Standorten in 29 Ländern vertreten. Und den Sprung an die Börse hat IWG längst hinter sich. Wer die Börse als Indikator für den Unternehmenserfolg versteht, sieht ein eindeutiges Bild. In den vergangenen zwölf Monaten legte der Kurs der IWG-Aktie um rund 70 Prozent zu.

Coworking – was ist das?

Flexibilität bestimmt die moderne Arbeitswelt: Unternehmen wie WeWork oder IWG reagieren auf die Bedürfnisse der digitalen Bohème, indem sie es Selbstständigen, Start-ups und etablierten Unternehmen erlauben, kurzfristig und flexibel bei Bedarf Arbeitsplätze in Büroumgebungen anzumieten. Auch für eine gemeinschaftliche Infrastruktur wird vom Vermieter gesorgt. Sie reicht von der Bereitstellung des Internets bis zu Besprechungsräumen. Vernetzung, Ideenaustausch und Kommunikation sind die wichtigsten Schlagworte. Durch die Nähe der Mieter zueinander soll der berufliche Austausch über Fachgrenzen hinweg möglich sein. Auch geschäftlich können die Akteure durch die Nähe profitieren, so die These. Vielleicht sucht ein Start-up einen Programmierer – und wie es der Zufall so will, sitzt ein kompetenter Entwickler am Nebentisch.

Design Offices-Chef Michael Schmutzer
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Design Offices-Chef Michael Schmutzer

In Deutschland ist nach Marktführer IWG der Anbieter Design Offices gut positioniert. "Raumlösungen für agiles, innovatives Arbeiten" hat das Nürnberger Unternehmen im Angebot. Der Umsatz  wuchs im vergangenen Jahr um beachtliche 70 Prozent auf 42,8 Millionen Euro. 2018 bot Design Offices an 27 Standorten mehr als 102.000 Quadratmeter Gesamtfläche an. Offenbar ist es möglich, auch im Coworking-Geschäft erfolgreich zu sein. Jedenfalls noch.

"Wir nennen es Arbeit"    

Zumindest im Moment halten Branchenexperten Coworking für einen riesigen Wachstumsmarkt. Doch wie weit das Modell in einer kritischen Konjunkturlage trägt, weiß niemand so genau. Ein nicht gerade unwesentliches Problem liegt bereits in der Struktur des Geschäfts begründet. Die Anbieter müssen Büroräume langfristig anmieten, aber kurzfristig vermieten und den Kunden Flexibilität ermöglichen.

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IWG: Und so sieht sie aus, die von IWG beworbene "workspace revolution"

Wenn die Konjunktur tatsächlich dauerhaft an Schwung verlieren sollte und der Kunde sparen muss, wäre es wahrscheinlich, dass die ständig steigende Zahl der Anbieter mit ziemlich viel freiem Platz in ihren modernen Büroumgebungen leben muss. Wie lange halten die Unternehmen das durch? Was wird dann aus dem Netzwerkgedanken samt Ideenaustausch?    

Die digitale Bohème könnte auf die Idee kommen, ihre Zentrale wieder in Bars oder Cafés aufzuschlagen, wie es vor etwas mehr als zehn Jahren schon einmal modern war. Mit Smartphone, Notebook und WLAN ausgestattet lässt es sich in angenehm lässigem Ambiente bei einem Chai Latte ausgezeichnet arbeiten. Es ist günstiger als selbst die günstigste agile Raumlösung. Und wo könnte man besser networken als an der Theke?

WeWork wirbt schließlich mit der "Mission", einen Ort anzubieten, "den man als Individuum betritt, an dem jedoch das 'ich' Teil eines größeren 'wir' wird". Das trifft auf jede Eckkneipe zu.

Quelle: boerse.ard.de
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