Zahlreiche Passanten laufen durch eine Einkaufsstraße in Dortmund. Einige tragen wegen der Corona-Pandemie Mundschutz. | Bildquelle: dpa

Wirtschaft in der Corona-Krise Momentaufnahmen statt Prognosen

Stand: 10.07.2020 06:32 Uhr

Echtzeitdaten zum Stromverbrauch, Lkw-Verkehr und Google-Suchabfragen zeichnen ein aktuelles Bild, wie es um die deutsche Wirtschaft jetzt bestellt ist. Sie geben durchaus Anlass zur Hoffnung.

Von Angela Göpfert, boerse.ARD.de

Prognosen sind schwierig. Besonders wenn sie die Zukunft betreffen. In Zeiten von Corona können Konjunkturforscher davon ein Liedchen singen. Wie sollen sie aus den Daten der Vergangenheit plausible Aussagen über die künftige Wirtschaftsentwicklung ableiten, wenn es für die aktuelle Situation so gut wie keine historischen Blaupausen gibt? Während Wetterforscher in Echtzeit Daten von den Wetterstationen bekommen und genau wissen, wo es gerade regnet und wo gerade die Sonne scheint, hinken Ökonomen der aktuellen Lage hinterher.

Zu spät?

In der Corona-Krise tritt der große Nachteil "traditioneller" Konjunkturindikatoren offen zutage: Sie sind zu langsam. So bildet der wohl wichtigste Konjunkturindikator, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), die Lage nur mit starker Verzögerung ab. Erst am 30. Juli wird das Statistische Bundesamt eine Erstschätzung zum BIP-Einbruch im zweiten Quartal veröffentlichen. Erst dann werden die vollen Auswirkungen des Lockdowns zu Tage treten.

Doch die Zeiten des Lockdowns sind längst passé, Lockerungen sind das Motto der Stunde. Die zentrale Frage lautet daher: Wie schnell krabbelt die deutsche Volkswirtschaft jetzt wieder aus der "Konjunktur-Schlucht", wie sie die Experten der Deutschen Bank nennen?

Wirtschaft jetzt!

Wer wissen will, wie es aktuell um die deutsche Wirtschaft bestellt ist, wird bei den Daten zum Export, zur Industrieproduktion oder zum BIP nicht fündig. Besser sind da schon Frühindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes oder die monatliche Umfrage des Ifo-Instituts. Doch in der Corona-Krise ist selbst das vielen Ökonomen zu langsam. Vorhang auf für Hochfrequenzindikatoren! Diese zeichnen quasi in Echtzeit ein Bild von der Wirtschaft. Im Ökonomen-Jargon wird das als "Nowcasting" bezeichnet.

Wöchentlicher Aktivitätsindex der Bundesbank
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Echtzeitdaten signalisieren eine Erholung der deutschen Wirtschaft

Um die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Wirtschaftstätigkeit zeitnah einschätzen zu können, hat die Bundesbank einen neuen wöchentlichen Aktivitätsindex (WAI) für die deutsche Wirtschaft entwickelt. Seit Mai liefert der WAI auf Basis von sieben hochfrequenten, wöchentlich erfassten Indikatoren ein aktuelles Bild der deutschen Wirtschaft.

In den Daten zeichnet sich in eine beginnende V-förmige Erholung der deutschen Wirtschaft ab. In der Kalenderwoche 27 (29.6. bis 5.7.) lag der WAI bei minus 3,8. In der Vorwoche lag der Wert noch bei minus 4,9.

Stromverbrauch und Lkw-Verkehr

Hoffnungen schüren dabei die Daten zum Stromverbrauch. "In Deutschland wurde das Strom-Oster-Tief von Mitte April nicht mehr unterschritten", betont Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest. "Allerdings blieb der Verbrauch in der vergangenen Woche mit 8,8 Terawattstunden etwa sechs Prozent unterhalb des Durchschnittsniveaus der Jahre 2017 bis 2019." Der Stromverbrauch liefert einen Hinweis darauf, wie stark die Wirtschaft ihre Anlagen auslastet.

Derweil ist die Normalisierung des Lkw-Verkehrs ins Stocken geraten. Der Sieben-Tage-Durchschnitt des Lkw-Maut-Fahrleistungsindex bewegt sich seit zehn Tagen seitwärts. "Damit liegt er weiterhin knapp fünf Prozent unter seinem Februar-Durchschnitt, hat aber immerhin mehr als zwei Drittel seines zwischenzeitlichen Rückgangs aufgeholt", unterstreichen die Commerzbank-Ökonomen Bernd Weidensteiner und Marco Wagner.

LKW-Maut-Fahrleistungsindex
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Die Brummis fahren wieder - ein positives Signal für die deutsche Konjunktur

Der LKW-Maut-Fahrleistungsindex wird mit einem Verzug von etwa einer Woche veröffentlicht und ist ein guter Indikator für die Entwicklung der Industrieproduktion in Deutschland.

Von der Einkaufsstraße bis zum Restaurant

Bei der Suche nach aktuellen Wirtschaftsdaten hilft auch die Suchmaschine Google: So haben die Google-Abfragen nach dem Begriff "Kurzarbeit" bereits im März einen Höhepunkt erreicht. Seitdem sind sie deutlich gesunken. Das weckt Hoffnungen auf eine baldige Besserung der Lage am Arbeitsmarkt.

Um einen Echtzeit-Einblick in die Verfassung der deutschen Wirtschaft zu erhalten, greifen Ökonomen sogar auf Passanten-Daten in wichtigen Einkaufsstraßen zurück. "Die Kölner Schildergasse – deutschlandweit die Nummer drei nach der Frankfurter Zeil und der Hannoveraner Georgstraße – notiert aktuell bei 88 Prozent des Normalwerts der Vorjahre", betont Wellenreiter-Experte Rethfeld. Im Tief des Lockdowns Ende März waren es lediglich zehn Prozent.

Noch stärker sticht die Normalisierung nach dem Lockdown bei den Restaurant-Besuchen ins Auge: "Als erster unserer Indikatoren hat die Zahl der Restaurantbesuche fast wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Im Durchschnitt der vergangenen sieben Tage war die Anzahl der Abendessen gerade einmal noch fünf Prozent niedriger als vor einem Jahr", berichten die Commerzbank-Ökonomen.

Ein krakeliges V

Industrie Konjunktur
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Bis die deutsche Konjunktur wieder richtig brummt, dürfte es noch dauern

Doch was bedeuten all diese Echtzeit-Daten jetzt für die künftigen Konjunktur-Perspektiven? In erster Linie geben sie durchaus Anlass zur Hoffnung. An Frühindikatoren und Echtzeitdaten lasse sich der Optimismus für eine Erholung festmachen, betonte jüngst die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer. Der Sachverständigenrat rechnet für das zweite Halbjahr mit einer "allmählichen Erholung".

Erholung ja, Normalität nein. "Die Echtzeitdaten verbessern sich weiter. Doch die Aufholjagd verläuft nicht gradlinig", unterstreicht Marktexperte Rethfeld. Bis in der deutschen Wirtschaft alles wieder "normal" läuft, also wie in Vor-Corona-Zeiten, ist es augenscheinlich noch ein weiter Weg. Eine V-förmige Erholung ist möglich. Nur wird es kein V in Schönschrift sein, sondern ein ziemlich krakeliges V.

Quelle: boerse.ard.de
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