Sparen

Bürger horten Bargeld Sparer im Krisenmodus

Stand: 15.06.2020 07:01 Uhr

Bankeinlagen statt Börse, Festgeld statt Fonds: Die Deutschen gehen mit ihrem Geld traditionell "defensiv" um. Während der Corona-Pandemie hat sich die Risikofurcht der Bundesbürger eher noch verstärkt.

"Nur Bares ist Wahres" - dieses Motto scheinen die Deutschen gerade in der Corona-Krise noch stärker zu verinnerlichen. Nach einer Studie der Direktbank ING Diba wurden allein im März rund 100 Milliarden Euro mehr gehortet als im Monat zuvor. Ein offenbar panikgetriebener Anstieg um acht Prozent! Auch wenn ein Teil davon in den folgenden Monaten wieder aus der Barreserve abfloss: Die Deutschen bleiben auf Nummer sicher.

Bargeldbestände verdoppelt

Ende 2019 hatten die Bargeldbestände noch bei 253 Milliarden Euro gelegen. Das entspricht rund 3.000 Euro je Bundesbürger. Eine Steigerung von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dieser Trend hält schon länger an - laut der Bundesbank haben sich die Bargeldbestände seit 2013 verdoppelt. Geld, das unter dem Kopfkissen liegt, verliert alljährlich an Wert. Denn bei einer Inflationsrate von einem bis zwei Prozent bedeutet eine Nullverzinsung einen schleichenden Kaufkraftverlust der Spargroschen.

In der Corona-Krise sparen die Deutschen noch deutlich mehr als ohnehin schon - zumeist ohne Wertzuwachs. Im ersten Quartal 2020 kletterte die Sparquote hierzulande auf 16,7 Prozent, wie die Unternehmensberatung BCG ermittelt hat. Für das zweite Quartal wird sogar damit gerechnet, dass jeder fünfte Euro des Einkommens, also 20 Prozent, auf der hohen Kante landen werden. Das Bilden von Reserven in Krisenzeiten ist freilich kein deutsches Phänomen. Für die USA rechnen die Forscher sogar derzeit mit einer Sparquote von mehr als 30 Prozent. Je leichter Arbeitsplätze verloren gehen und je dünner das soziale Netz ist, desto größer steigt offenbar der Bedarf an Rücklagen in schweren Zeiten.

Jede Krise kostet Vertrauen

Die Corona-Krise verstärkt laut der ING Diba-Studie einen Trend, den Krisen der vergangenen Jahrzehnte bereits ausgelöst haben. Mit dem Platzen der High-Tech-Blase nach der Jahrtausendwende erlitt die Aktienkultur einen Rückschlag. Seit der Finanzkrise 2008/09 haben Anleihen an Vertrauen bei den Bürgern verloren. Durch die andauernde Niedrigzinsphase wurden Fondsprodukte wieder populärer. Die Corona-Pandemie hat schließlich auch vielen Fondssparern das Vertrauen in den Kapitalmarkt genommen. Ein "Bargeld-Boom" ist die aktuelle Antwort.

Langfristig, nämlich seit der Jahrtausendwende, wurde das Sparverhalten durch diese "Einschläge" grundsätzlich verändert. Bankeinlagen nehmen seitdem die wichtigste Position bei der Vermögensanlage ein (mit plus 61 Prozentpunkten). In Versicherungen wird deutlich weniger Geld gesteckt (minus 16 Prozentpunkte). Und Wertpapiere sind insgesamt noch weniger gelitten als zuvor (minus 30 Prozentpunkte).

Erstaunlich dabei ist, dass das Geldvermögen trotz faktisch nicht vorhandener Verzinsung bei den Deutschen in den vergangenen 20 Jahren dennoch deutlich gestiegen ist. Seit dem Jahr 2000 stieg es um rund drei Prozent jährlich. In den vergangenen fünf Jahren waren sogar Zuwachsraten von mehr als vier Prozent pro Jahr zu beobachten, wie es eine Statistik des Europäischen Statistikamts Eurostat ausweist. Des Rätsels Lösung liegt in der guten konjunkturellen Entwicklung in den vergangenen Jahren, vor allem in Deutschland. Ein hoher Beschäftigungsgrad, weniger Arbeitslose und steigende Löhne und Gehälter waren dafür verantwortlich - nicht aber die Geldanlage der Bundesbürger.

Konsum muss wieder steigen

Das Verhalten der Sparer in den kommenden Monaten wird wohl auch maßgeblich darüber entscheiden, ob die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise ebenso eingedämmt werden können wie die Pandemie selbst. Denn wenn die Bundesbürger ihre Spargroschen lieber horten und nicht in Umlauf bringen, also konsumieren, könnten viele Maßnahmen verpuffen. Etwa die Senkung der Mehrwertsteuer oder Einmal-Zahlungen an Familien mit Kindern. Die Chancen dafür, dass die Bundesbürger wieder stärker shoppen und Anschaffungen tätigen, stehen aber laut Experten nicht schlecht. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank etwa rechnet in einem aktuellen Kommentar in der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" damit, dass der krisenbedingt ausgefallene Konsum im ersten Halbjahr 2020 im zweiten Halbjahr zumindest zum Teil nachgeholt werden dürfte. Auch die Sparquote werde sich wieder "normalisieren".

Aber auch dann dürften die Deutschen mit ihrer Aversion gegen die Finanzmärkte und Aktien wohl weitere reale Verluste mit ihren Rücklagen einfahren - egal ob sie in Form von Bankguthaben oder Bargeld bestehen. Die durchschnittlich sechs bis acht Prozent Rendite, die sich am Aktienmarkt erzielen lässt, wird nur eine kleine Minderheit von ihnen einfahren können. Die Corona-Krise hat somit wahrscheinlich erneut verhindert, dass aus Sparern immer mehr auch Anleger werden.

AB

Quelle: boerse.ard.de
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