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Konjunktur in Deutschland Droht der Rückfall in die Rezession?

Stand: 08.10.2020 07:44 Uhr

Dreht die Konjunktur während einer Aufschwungphase zum zweiten Mal ins Minus, spricht man von einem Double Dip. Deutschland könnte angesichts der Entwicklung in der Corona-Krise ein solches Szenario bevorstehen.

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Tatsächlich ist die deutsche Industrieproduktion im August wieder gesunken, nachdem sie in den Vormonaten kräftig gestiegen war. Damit verliert die Erholung erneut an Schwung. Ausschlaggebend für den Rückgang war die starke Drosselung der Produktion bei den Autoherstellern.

Aber auch bei den deutschen Maschinenbauern sieht es düster aus. Im August sind die Aufträge erneut eingebrochen - im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent. Die Inlandsbestellungen schrumpften sogar um 19 Prozent, die aus dem Ausland um elf Prozent. Für viele Ökonomen sind das alarmierende Zahlen.

Nicht blenden lassen

Auto-Konjunktur schwächelt weiter
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Monteur mit Atemschutzmaske bei Porsche in Sachsen

Wie es um die deutsche Volkswirtschaft tatsächlich stehe, werde sich im Herbst offenbaren, prophezeit Thomas Gitzel von der VP Bank. Denn die wieder steigenden Infektionszahlen und die damit verbundenen Beschränkungen dürften auch die Konjunktur belasten. Deshalb sollte sich niemand von der kräftigen Erholung in den Vormonaten blenden lassen, betont auch Carsten Brezeski, Volkswirt bei der ING.

Droht Deutschland gar ein Rückfall der Wirtschaft in eine erneute Rezession, ein sogenannter Double Dip, mit sinkender Wirtschaftsleistung, schrumpfenden Auftragseingängen und steigender Arbeitslosigkeit?

"Schlimmste liegt hinter uns"

Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Verbandes der Maschinenbauer, glaubt das derzeit nicht. "Insgesamt festigt sich das Bild, dass das Schlimmste hinter uns liegt, kommentierte er den jüngsten Rückgang der Auftragszahlen seiner Branche. Allerdings brauche es für eine nachhaltige Erholung noch Zeit und Störungen könne es weiterhin geben.

Auch der Einzelhandel gibt bisher Entwarnung. Die steigenden Corona-Infektionszahlen hätten bislang keinen wesentlichen Einfluss auf die Erholung der Verbraucherstimmung, teilte der Handelsverband HDE letzte Woche mit. "Auch im Oktober setzt sich der positive Trend weiter fort." Maßgeblicher Treiber dafür seien optimistischere Erwartungen der Verbraucher an die Gesamt-Konjunktur.

Zudem seien die Anschaffungs- und Sparneigung im Oktober nahezu unverändert. "Dementsprechend sind in den kommenden Monaten beim Konsum keine größeren Ausschläge nach oben oder unten zu erwarten."

Regierung erwartet über vier Prozent Wachstum

Keine Angst vor der zweiten Corona-Welle und verschärften Restriktionen signalisiert auch der vom Münchner Ifo-Institut jeden Monat erhobene Geschäftsklimaindex. Der stieg im September leicht auf 93,4 Punkte und damit das fünfte Mal in Folge. Ökonomen hatten mit 93,8 Punkten gerechnet.

Auch die Bundesregierung geht derzeit nicht von einer erneuten Rezession aus. Zwar dürfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr sinken. Aber der Trend zeige wieder nach oben. Im kommenden Jahr rechnet die Regierung sogar mit einer kräftigen Erholung von 4,4 Prozent.

Fallender Index

Real Economy Index Deutschland
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Real Economy Index Deutschland

Doch wie wahrscheinlich ist es wirklich, dass die Wirtschaft einen Rückfall in eine erneute Rezession vermeiden kann, angesichts der heftigen zweiten Infektionswelle und immer neuer Restriktionen, auch und vor allem in den meisten Nachbarländern Deutschlands wie Frankreich und den Benelux-Staaten, unseren größten Handelspartnern?

Für Chris Williamson, Chefvolkswirt des britischen Analyseunternehmens IHS Markit, ist das Risiko groß, dass die Eurozone im vierten Quartal erneut in die Rezession rutschen wird. Er beruft sich dabei auf den Rückgang der Industrieproduktion und des Dienstleistungssektors seit August im gesamten Euroraum. Der eigens auf Basis dieser Daten erstelle Index sei von 51,9 im August auf zuletzt 50,4 Punkte gefallen. Setze sich diese Entwicklung fort, drohe bis Jahresende ein Double Dip.

Auf die zweite Infektionswelle kommt es an

Prof. Dr. Thomas Mayer
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Prof. Dr. Thomas Mayer

Thomas Mayer, der frühere Chefvolkswirt der Deutschen Bank und Gründungsdirektor der Denkfabrik Flossbach von Storch Research Institute, ist vorsichtiger. "Nach einer zunächst schwungvollen Wirtschaftserholung geht ein erheblicher Teil der Weltwirtschaft gegenwärtig durch eine Schwächephase. Ob das eine Wachstumsdelle bleibt oder in einen Double Dip mündet, wird wohl wesentlich von der Entwicklung der zweiten Infektionswelle abhängen", sagte er gegenüber boerse.ARD.de.

Und Mayer weiter: "Wo weitgehende Lockdowns verhängt werden müssen, ist die Wahrscheinlichkeit eines Double Dip beträchtlich, etwa in Spanien und Frankreich. Wo mildere Maßnahmen reichen, könnte es bei einer Schwächephase bleiben, etwa in Deutschland und den USA. Am besten dürfte unter den großen Ländern China abschneiden, wo die Epidemie sehr effektiv bekämpft wurde".

Wacklige Erholung

Auch Ifo-Präsident Clemens Fuest ist vorsichtig optimistisch. Zwar dürfte sich die in Deutschland bislang sehr kräftige wirtschaftliche Erholung im vierten Quartal deutlich verlangsamen, sagt der Ökonom dem "Handelsblatt". "Einen zweiten Einbruch mit negativen Wachstumsraten im vierten Quartal sollte man aber vermeiden können, wenn die Pandemie unter  Kontrolle bleibt."

Noch bleibt also unklar, ob das Schlimmste hinter uns liegt oder ein erneuter Tiefschlag droht. Selbst Jerome Powell, der Chef der amerikanischen Zentralbank, ist sich da nicht sicher. Die Erholung der US-Wirtschaft von den Folgen der Corona-Krise sei immer noch wacklig, warnte er diese Woche. Die Wirtschaft könne in eine Abwärtsspirale geraten, falls das Virus nicht effektiv eingedämmt werde. Unternehmen und Haushalte benötigten deshalb mehr Unterstützung. Die wird es zunächst nicht geben. Donald Trump hat der Hoffnung auf ein neues Konjunkturpaket noch vor den Wahlen im November eine Absage erteilt.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. Oktober 2020 um 11:00 Uhr.

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