Orangen

Corona-Pandemie Mit O-Saft gegen die Virus-Angst

Stand: 03.06.2020 13:30 Uhr

Aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus versuchen derzeit viele Verbraucher, ihr Immunsystem nach altem Hausgebrauch zu stärken. Orangensaft ist da ein besonders gefragtes Gut.

Von Angela Göpfert, boerse.ARD.de

Plötzlich trinkt alle Welt wieder Orangensaft. In Deutschland kletterte der Verbrauch seit Jahresbeginn um 18 Prozent in die Höhe. Und die Amerikaner tranken in den ersten Monaten des Jahres so viel Orangensaft wie seit 2015 nicht mehr. Orangensaft profitiert dabei von seinem gesunden Image und seinem hohen Vitamin-C-Gehalt.

"Die Konsumenten kaufen Orangensaft, um ihr Immunsystem zu stärken", erklärt Robert Rethfeld, Marktexperte von Wellenreiter-Invest. "Der psychologische Corona-Effekt dürfte beachtlich ein."

Termingeschäfte mit gefrorenem Konzentrat

Orangensaft-Future
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Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist der Preis des Orangensaft-Futures deutlich gestiegen

Eine solch stark steigende Nachfrage spiegelt sich auch an der Börse wider: Orangensaft ist nach Reis der Rohstoff mit dem größten Plus seit Jahresbeginn. Im laufenden Jahr schoss der Orangensaft-Preis an der New Yorker Rohstoffbörse um 33 Prozent in die Höhe.

An der Börse wird übrigens nicht der flüssige Saft gehandelt, sondern Terminkontrakte (Futures) auf ein gefrorenes Konzentrat: Die Orangen werden gepresst, der Saft dann eingedampft und gefrostet.

Was ist ein Orangensaft-Future?

Bei einem Future handelt es sich um einen Finanzterminkontrakt. Dabei verpflichten sich Verkäufer und Käufer, den Basiswert zum festgelegten Preis am Ende der Laufzeit zu kaufen beziehungsweise zu verkaufen. Bei Rohstoffen wie Orangen oder Weizen sind Termingeschäfte üblich, da diese aufgrund schlechter Ernten und Naturkatastrophen anfällig für plötzliche Preiserhöhungen sind. Die New Yorker Rohstoffbörse ist der traditionelle Handelsplatz für Orangensaft-Futures. Der liquideste Future bezieht sich dabei auf gefrorenes Orangensaft-Konzentrat der Kategorie A, das nur aus dem US-Bundesstaat Florida, Brasilien, Mexiko oder Costa Rica stammen darf. Der Orangensaft-Future wird in US-Cent pro amerikanisches Pfund (lb) gehandelt und umfasst 15.000 lbs (1 lb = 0,453592 kg).

Steigende Preise auch im Handel?

Muss der Preisanstieg an den Rohstoffbörsen auch die Verbraucher schrecken? Experten wie Stephen Innes von der Brokerfirma AxiCorp gehen jedenfalls davon aus, dass Orangensaft auch im Einzelhandel schon bald teurer werden wird: "Die Produzenten werden die Preiserhöhungen rasch an Supermärkte und andere Käufer weitergeben."

Säfte in Supermarktregal
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Steigen auch bald die Saftpreise im Supermarkt?

Wellenreiter-Experte Rethfeld betont: "Die Verzögerung beträgt sicherlich einige Wochen. Aber es kann gut sein, dass die Preise auch bei uns bald anziehen, wenn die Notierungen an den Futures-Märkten weiter steigen."

"Zucker-Angst" drückt O-Saft-Verkäufe

Das ist aber kein Grund, in Panik zu verfallen und O-Saft wie seinerzeit Toilettenpapier zu horten. Denn Fakt ist auch: Von den Höchstständen aus dem Jahre 2016, als in der Spitze über 230 Cent für den Orangensaft-Future gezahlt wurden, sind wir aktuell noch weit entfernt. Der Orangensaft-Future befindet sich mittelfristig sogar im Abwärtstrend.

Zuckerlöffel
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Ein hoher Zuckergehalt bei Lebensmitteln ist für viele Verbraucher mittlerweile ein No-Go

Mit Blick auf die Orangensaft-Verkäufe in den Geschäften ist der Abwärtstrend sogar noch eklatanter: So tranken etwa die Amerikaner 2017 laut einer Statistik des US-Landwirtschaftsministeriums rund 60 Prozent weniger Orangensaft als 1998. Dazu haben auch diverse Ernährungstrends beigetragen – wie etwa die Verteufelung der Kohlenhydrate im Rahmen der Atkins-Diät. Seit einigen Jahren drückt überdies der Trend zu zuckerfreier Ernährung die O-Saft-Verkäufe. "In Europa geht die Zucker-Angst um", betonte jüngst erneut Saftexperte Neil Murray vom Analysehaus IHS Markit.

Tatsächlich sind heute Fruchtsäfte als "Junkfood" bereits aus einigen Kindergärten und Grundschulen verbannt. Denn Orangensaft ist in der Lesart einiger Ernährungswissenschaftler ähnlich wie Cola eine reine Zuckerbombe – und insofern gar nicht gut für die Gesundheit.

Das typische Grippe-Muster

Näschen putzen
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Auch bei Grippe-Pandemien steigen die O-Saft-Preise

Die Angst vor dem Virus scheint aber bei vielen Verbrauchern größer zu sein als die Angst vor dem Zucker. Noch, muss man sagen. Denn ein Blick in die Geschichte zeigt: Preissprünge bei Orangensaft infolge von Pandemien sind zwar keine Seltenheit. "Zuletzt gab es im Januar 2018 Medienberichte über Preisanstiege in Zusammenhang mit der Grippe-Saison. Die Influenza-Pandemie 1968 ging mit noch stärkeren Orangensaft-Preissprüngen einher als aktuell", erklärt Marktexperte Rethfeld.

Doch dabei handelte es sich stets um einen eher kurzfristigen Schub denn um ein langfristiges Phänomen: "Nach dem Ende der Pandemie von 1968 fiel der Preis deutlich. So dürfte es auch dieses Mal sein."

Quelle: boerse.ard.de
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