Covid19-Impfung | picture alliance / Sven Simon

Covid-19-Pandemie Enges Rennen um den Impfstoff

Stand: 10.11.2020 14:02 Uhr

Biontech und Pfizer haben die Spitzenposition erobert - im Rennen um die Rettung der Menschheit vor dem Corona-Virus. Doch auch andere Firmen stehen kurz vor Erfolgen. Milliarden-Umsätze und -Gewinne locken, Investoren und Experten sind elektrisiert.

Die Nachricht des Mainzer Unternehmens Biontech, das ironischerweise "An der Goldgrube 12" in der Landeshauptstadt seinen Sitz hat, ging am Montag um die Welt wie ein Lauffeuer. Die Aktienkurse weltweit legten sprunghaft zu. Die der beteiligten Unternehmen Biontech und des US-Partners Pfizer allen voran.

Von Experten wird der Studienerfolg vielfach als "Game Changer" gesehen. Mit einer bisher bekannten Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent hat der Biontech-Impfstoff viele Erwartungen weit übertroffen. Sollte sich an dieser Quote im weiteren Testverlauf nichts Gravierendes ändern, wäre eine "Herdenimmunität" der Menschheit durch eine globale Impfung schneller möglich als gedacht. "Ein wirksamer und nebenwirkungsarmer Impfstoff ändert alles", so etwa Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Bisher gehen die Prognosen des IfW davon aus, dass die Pandemie ab Frühjahr 2021 erfolgreich zurückgedrängt werden kann. Dann wäre 2021 ein Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens in Deutschland von vier bis fünf Prozent möglich.

Traumquote kurz vor der Bestätigung

Die Studie zum Biontech-Impfstoff namens BNT162b2 ist laut Protokoll dann abgeschlossen, wenn mindestens 164 Fälle unter den Probanden aufgetreten sind und davon nur 53 unter den Geimpften sind. Bislang liegt die Zahl der Infektionen bei knapp 100, und davon gehören mehr als 90 Prozent zur nicht geimpften Kontrollgruppe der Probanden. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Impfstoff am Studienende wesentlich schlechter abschneidet als bislang, ist also eher gering.

Damit haben Biontech/Pfizer im Rennen um einen durchschlagenden Impferfolg die Nase vorn. Verbunden damit ist auch ein Durchbruch für die spezielle Technologie, die die beiden Partner, aber auch der deutsche Mitbewerber Curevac und der US-Konzern Moderna nutzen: Bei der Impfung auf mRNA-Basis "mit Erbgutschnipseln" werden Baupläne für Proteine in die menschlichen Zellen eingeschleust, die dann Antigene herstellen - in diesem Fall gegen das Corona-Virus.

Moderna ebenfalls weit gekommen

Die US-Konkurrenz bereitet ebenfalls den zeitgleichen Marktstart seines potenziellen Corona-Impfstoffs vor. Das Unternehmen hat kürzlich die Aufnahme des letzten Probanden in die entscheidende Wirksamkeitsstudie mit dem Impfstoff mRNA-1273 abgeschlossen. Erste Daten aus der Studie sollen in kürze vorgelegt werden. Moderna wird auch durch Zahlungen der staatlichen Organisation BARDA des US-Gesundheitsministeriums für sein Corona-Impfstoffprojekt unterstützt.

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Bei CureVac, das mit demselben mRNA-Therapieansatz arbeitet, geht es nicht ganz so schnell voran. Das Tübinger Unternehmen, an dem SAP-Gründer Dietmar Hopp beteiligt ist, hatte Anfang November Zwischenergebnisse bekanntgegeben. Man sei "ermutigt von den vorläufigen Phase-1-Daten" für den potenziellen Impfstoff. "Sie stellen einen entscheidenden Meilenstein in unserem Covid-19-Impfprogramm dar", so CureVac-Chef Franz-Werner Haas. CureVac sei auf Kurs, noch vor Jahresende die entscheidende Wirksamkeitsstudie mit dem Impfstoff zu starten.

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AstraZeneca wieder am Ball

Die britische AstraZeneca befindet sich bereits in einer fortgeschrittenen Studie der klinischen Phase. Die Studie musste allerdings im September wegen Nebenwirkungen bei einem Teilnehmer gestoppt werden. Ende Oktober wurde sie nun fortgesetzt. Die Briten arbeiten an einem eher klassischen Vektor-Impfstoff. Dabei dient ein abgeschwächtes anderes Virus als Träger (Vektor), der Ausschnitte aus dem charakteristischen Corona-Virus enthält. Die Produktion gilt als etwas langwieriger als bei der mRNA-Technik, die Impfstoffe sollen aber eine starke Immunantwort hervorrufen. Einen "Meilenstein" hat das Unternehmen für die dritte Novemberwoche angekündigt.

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Mehrere chinesische Unternehmen arbeiten zudem an Impfstoffen, die auf abgeschwächten und inaktivierten Viren basieren. Proteinbasierte Impfstoffe, an denen die US-Firma Novavax und die europäischen Unternehmen GSK und Sanofi arbeiten, nutzen nur einen der Eiweißbestandteile des Corona-Virus, um im Immunsystem die Antikörperreaktion auszulösen. Hier haben die klinischen Studien im September begonnen.

Der Schnellste, aber nicht der Einzige

Die Euphorie an den Finanzmärkten seit Montag zeigt, dass die Investoren mit dem Erfolg von Biontech und Pfizer hier aber die erfolgversprechendste Lösung der Corona-Krise sehen. Die Zulassung könnte schnell erfolgen, und die mRNA-Technik erlaubt eine vergleichsweise rasche Produktion von Millionen und Milliarden Impfdosen. Im Rennen um einen schnellen Impfstoff liegt die deutsch-amerikanische Kooperation vielleicht schon uneinholbar vorne. Allerdings, und auch das haben Experten immer wieder betont: Es wird wohl am Ende nicht nur den einen Impfstoff geben, vielen der forschenden Unternehmen winken in den kommenden Jahren mit einem Corona-Impfstoff Milliardenumsätze.

Biontech hat nach eigenen Angaben mit seinem US-Partner Pfizer Liefervereinbarungen mit mehreren Ländern und der EU für insgesamt 570 Millionen Dosen seines Corona-Impfstoffs für 2020 und 2021 geschlossen. Darüber hinaus gebe es Kaufoptionen für weitere 600 Millionen Dosen. Das Mainzer Biotechunternehmen will seinen Corona-Impfstoff unterhalb der üblichen Marktpreise verkaufen. Als Benchmark nannte Biontech 19,50 Dollar je Impfdosis in Industrieländern.

Noch schreibt der Mainzer Hoffnungsträger aber tiefrote Zahlen. Die intensiven Forschungen am Corona-Impfstoff haben Biontech tiefer in die Verlustzone gedrückt. Von Juli bis September belief sich der Nettoverlust auf 210 Millionen Euro.

AB

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. November 2020 um 20:00 Uhr.