Coronavirus

Impfstoff und Medikamente Wettlauf um das Corona-Heilmittel

Stand: 28.04.2020 12:15 Uhr

Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Seit Wochen forschen die Pharma- und Biotech-Firmen fieberhaft an Impfstoffen und Medikamenten gegen das Corona-Virus. Wer hat die Nase vorn? Welche Rolle spielen deutsche Unternehmen?

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Der 42-jährige Münchner Curtis Warren Puckett war in Panik. Er hatte 40 Grad Fieber und starken Husten, seine Lungen schmerzten. Als Puckett, der unter Asthma und einer chronischer Lungenerkrankung leidet, in ein Münchner Krankenhaus kam, erhielt er die niederschmetternde Diagnose Corona. Die Ärzte entschlossen sich, den Risikopatienten mit dem noch nicht zugelassenen Ebola-Medikament Remdesivir zu behandeln – und hatten Erfolg. Husten und Fieber verschwanden, nach sieben Tagen konnte Puckett das Krankenhaus wieder gesund verlassen. "Remdesivir hat mich geheilt", ist Puckett überzeugt.

Remdesivir größter Hoffnungsträger

Tatsächlich gilt das US-Präparat des Biotech-Konzerns Gilead als einer der vielversprechendsten Mittel im Kampf gegen Covid-19. Das Medikament habe bei der Hälfte der behandelten Patienten in der Münchner Klinik Schwabing Erfolge gebracht, sagt Chefarzt Clemens Wendtner. Es sehe danach aus, dass schwer Erkrankte früher von den Beatmungsmaschinen genommen werden könnten. Die Münchner Klinik nimmt zusammen mit dem Hamburger Uniklinikum Eppendorf und der Uniklinik Düsseldorf an einer internationalen Studie zu Remdesivir mit 1.000 Patienten teil. Sollte sich die Substanz als wirksam erweisen, könnte sie womöglich schon Ende 2020 auf den Markt kommen, sagt Wendtner. "Das ist ein ganz heißes Eisen im Feuer", meint Biotech-Analyst Elmar Kraus von der DZ Bank zum Potenzial des Medikaments.

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Hoffnungen machen auch durchgesickerte Zwischenergebnisse einer Studie aus Chicago. In einer Studie der Universitätsklinik in Chicago führte das Mittel zu einer schnellen Fiebersenkung und einem Rückgang der Symptome der Lungenkrankheit, so dass fast alle Patienten in weniger als einer Woche entlassen werden konnten. Eine Woche später kam jedoch der Rückschlag. Bei einer chinesischen Studie soll sich das antivirale Medikament als Flop bei der Behandlung gegen Covid-19 erwiesen haben, hieß es in Berichten. Gilead wies die Spekulationen zurück und erklärte, die Studie sei vorzeitig abgebrochen werden, aussagekräftige Schlussfolgerungen könnten daher nicht gezogen werden. 

Der Wirbel um das angebliche Wundermittel gegen Corona zeigt, wie sehr die Welt Erfolge im Kampf gegen die Virus-Pandemie herbeisehnt. Remdesivir ist inzwischen längst nicht mehr der einzige Hoffnungsträger bei der Behandlung von Covid-19. Laut der Datenbank Clinicaltrials.gov laufen aktuell mehr als 300 klinische Studien zur Lungenkrankheit Covid-19 oder befinden sich in Vorbereitung. Angeblich machen sich schon manche Studien gegenseitig die Patienten streitig. Die Forschungen reichen von Mitteln, die bereits gegen andere Krankheiten wie Malaria, Hepatitis oder MS eingesetzt werden, über Antikörper-Wirkstoffe bis hin zu einer Therapie mit Stammzellen, die aus dem Inneren eines Zahns gewonnen werden.

Trump und ein französischer Wunderarzt glauben an Chloroquin

Neben Remdesivir gilt auch das Malariamittel Chloroquin als aussichtsreich. Indien hat das Medikament Ärzten und Krankenschwestern zum Schutz gegen Covid-19 empfohlen. US-Präsident Donald Trump schwärmt für das Mittel und forderte die Gesundheitsbehörde auf, es rasch zuzulassen. Prompt versuchten Tausende Amerikaner, sich das Medikament zu besorgen. Der französische Mikrobiologe Didier Raoult hat eine umstrittenen Studie vorgelegt, laut der das Mittel erkrankten Patienten hilft. Vor seinem Forschungsinstitut in Marseille stehen die Menschen Schlange, um behandelt zu werden. Zu Raoults Unterstützern zählen der Bürgermeister von Nizza, der sich mit Chloroquin behandeln ließ, und die Rechtspopulistin Marine Le Pen. Zeitweise beriet Raoult auch die französische Regierung.

Auch in Deutschland hat Chloroquin viele Anhänger. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat bei Bayer größere Mengen Chloroquin reserviert. Er sehe "erste Hinweise", dass es bei der Bekämpfung medizinisch schwerer Covid-19-Verläufe "zu helfen scheine".

Allerdings warnte jüngst die US-Arzneimittelbehörde (FDA) vor dem unangemessenen Einsatz des Malariamittels. Das Medikament könne Nebenwirkungen wie "schwerwiegende Herzrhythmusstörungen, die lebensbedrohlich sein können" verursachen. Anlass seien Berichte über Zwischenfälle und auch Todesfälle. Die FDA zeigt sich besorgt darüber, dass das Medikament auch außerhalb von Krankenhäusern eingesetzt würde, um mit Covid-19 erkrankte Personen zu behandeln oder der Krankheit vorzubeugen.

Bayer fährt die Produktion hoch

Bayer fährt momentan die Produktion des schon seit den 1940er Jahren gegen Malaria entwickelten Mittels unter dem Markennamen Resochin wieder hoch. Acht Millionen Tabletten werden allein in Deutschland bereit gestellt. "Verschiedene Untersuchungen in Laboren und Kliniken" lieferten erste Hinweise darauf, dass Chloroquin zur Behandlung von am Coronavirus erkrankten Patienten geeignet sein könnte, erklärte Bayer-Chef Werner Baumann. Novartis hat für seinen verwandten Wirkstoff Hydroxychloroquin die Genehmigung der US-Behörde FDA erhalten, das Mittel an Coronavirus-Patienten in den USA zu testen. Allerdings haben enttäuschende Studien in Brasilien und den USA zuletzt Zweifel an der Wirksamkeit des Malaria-Mittels gegen Covid-19 geschürt.

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Mehrere andere Medikamenten-Kandidaten

Ob gegen Malaria, Ebola, Hepatitis oder Multiple Sklerose - mit "Repurposing" versuchen "Big Pharma" und Biotech-Firmen Wirkstoffe für den Kampf gegen das Coronavirus umzuwidmen. Dazu zählen neben Remdesivir und Chloroquin auch das Grippemittel Favipiravir, das Aids-Medikament Kaletra (Lopinavir/ Ritonavir) von AbbVie oder das in Japan zugelassene Mittel Camostat gegen Bauchspeicheldrüsenentzündungen. Das Bundesgesundheitsministerium hat die zentrale Beschaffung sowohl von Chloroquin-haltigen Arzneimitteln als auch der Wirkstoffe Kaletra, Avigan und Foipan (Camostat) eingeleitet.

Neben bereits bestehenden Medikamenten werden auch neue Wirkstoffe gegen das Coronavirus entwickelt. Wissenschaftler forschen an Antikörpern, die zur Immunisierung von Patienten verwendet werden könnten. So könnte aus den Antikörpern aus dem Blutplasma genesener Coid-19-Patienten ein Infusionsmittel hergestellt werden.

Ab wann gibt es einen Impfstoff?

Die meisten Experten rechnen frühestens bis Ende des Jahres mit einem Impfstoff. Roche-Chef Severin Schwan glaubt gar, dass die Welt darauf bis noch Ende 2021 warten müsse. Fieberhaft wird momentan am Impfstoff gegen Corona geforscht. Mehr als 80 Projekte laufen. In China testet die Hongkonger Biotech-Firma CanSino Biological zusammen mit dem Institut für Biotechnologie an einer Studie in Wuhan. Im März startete auch die US-Firma Moderna mit klinischen Tests für einen RNA-Impfstoff.

Hoffnung auf einen früheren Termin macht ein Bericht in der "New York Times". Wissenschaftler des Jenner Institute an der Universität Oxford seien schon sehr weit in der Entwicklung eines Impfstoffs, so die Zeitung. So könne das Institut bereits im September dieses Jahres einige Millionen Dosen des Impfstoffs bereitstellen. Die Briten hoffen auf schnelle Genehmigungen der Behörden. Es muss nachgewiesen werden, dass der Impfstoff wirksam und für Menschen verträglich ist. Erste Versuche an Affen waren laut dem Zeitungsbericht erfolgreich. Eine Garantie für die Wirksamkeit am Menschen ist das aber noch nicht.

Auch deutsche Biotechs mischen im Rennen um einen Impfstoff vorne mit. Das Mainzer Biotech-Unternehmen Biontech bekam vor wenigen Tagen vom Paul-Ehrlich-Institut grünes Licht für eine Studie zu seinem Impfstoff BNT162. Gemeinsam mit dem US-Pharmariesen Pfizer soll es an 200 gesunden Freiwilligen getestet werden.

Biontech hat die Nase vorn

Damit hat Biontech im Impfstoff-Rennen derzeit die Nase vorn gegen einen anderen deutschen Mitbewerber: Das Tübinger Biotech CureVac, dessen Mehrheitsaktionär SAP-Milliardär Dietmar Hopp ist. CureVac will seinen Impfstoff Anfang des Sommers in die klinische Erprobung am Menschen bringen. Das Startup geriet in die Schlagzeilen, als die Trump-Regierung Interesse an einem Kauf der Impfstoffrechte der Schwaben signalisierte. Angeblich waren das aber nur Fake News.

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Anders als "Big Pharma" spielen deutsche Biotechs im Rennen um den globalen Impfstoff ganz vorne mit. "Viele deutsche Biotechunternehmen arbeiten derzeit mit Hochdruck an Diagnostika, Impfstoffen und Therapien gegen das Coronavirus", sagte Oliver Schacht, Präsident des Biotech-Verbands BIO-Deutschland. Sollte einem deutschen Unternehmen der Durchbruch gelingen, würde das der Branche zu einem Wachstumsschub verhelfen, meint er.

Impfstoff-Euphorie an der Börse

Die Börse hat ihr Urteil bereits gefällt. Der Kurs von Biontech hat sich seit dem Börsengang fast verdreifacht. Mit zehn Milliarden Euro ist das Mainzer Unternehmen fast schon so hoch bewertet wie der deutsche Pharmahersteller Merck. Biontech-Chef Ugur Sahin bleibt gelassen. "Wir lassen uns nicht von Börsenkursen leiten, sondern von dem, was mir mit unserer Arbeit beeinflussen können." Die Suche nach einem Impfstoff nennt Sahin ein "Menschheitsprojekt". Deshalb läuft das Projekt mit dem Mainzer Impfstoff unter dem symbolischen Namen "Lightspeed".

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin am 27. April 2020 um 16:00 Uhr.

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