Das Bankenviertel von Frankfurt am Main | Bildquelle: AP

Nord-Süd-Gefälle in der EU "Deutschland kommt stärker aus der Krise"

Stand: 08.05.2020 06:35 Uhr

Vor zehn Jahren rettete ein gigantischer Schutzschirm die Währungsunion vor dem Zerfall. Nun steht Europa vor einer neuen Zerreißprobe. Weil Deutschland am besten durch die Corona-Krise gekommen ist, befürchten viele Länder, noch mehr abgehängt zu werden.

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel amerikanische, britische oder japanische Presse anschaut, dürfte sie vor Stolz erblassen. Denn die dortigen Medien loben Deutschland als Corona-Musterschüler. "Wenn man über irgendein Land in Europa sagen kann, dass es bisher die Corona-Krise gut gemeistert hat, ist es Deutschland", schreibt das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist". Kanzlerin Merkel habe nicht nur gute Reden gehalten (!), sondern auch Ergebnisse geliefert, meint ehrfürchtig ein Meinungsschreiber im japanischen Wirtschaftsblatt "Money Gendai". Und die "New York Times" schlägt Merkel gar für den Posten des US-Vizepräsidenten vor. Darüber dürfte US-Präsident Donald Trump "not amused" sein.

BIP-Einbruch weniger stark als in Frankreich

Angela Merkel und Emmanuel Macron
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Angela Merkel und Emmanuel Macron

Auch wenn in italienischen Medien Merkel weniger gut wegkommt und wegen ihres "No" zu Corona-Bonds mit Hitler verglichen wird, muss man feststellen, dass Deutschland bislang recht glimpflich durch die Krise gekommen ist. Die Zahl der Todesfälle pro Einwohner ist niedriger als in Italien, Spanien, Frankreich und auch der Schweiz. Der ökonomische Schaden ist zwar gewaltig, fällt aber ebenfalls geringer aus als in den meisten Nachbarländern. Die EU-Kommission rechnet für 2020 mit einem BIP-Einbruch in Deutschland von 6,5 Prozent. In Frankreich dagegen dürfte die Wirtschaft um acht Prozent, in Italien gar um fast zehn Prozent schrumpfen.

Das französische Finanzministerium geht für das laufende Jahr von einem Staatsdefizit von neun Prozent aus - so viel wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Verschuldung könnte auf 115 Prozent des BIP steigen. In Italien dürfte laut Schätzungen des IWF die Schuldenquote um 21 Punkte auf 156 Prozent des BIP klettern, in Griechenland gar auf stolze 200 Prozent des BIP. In Deutschland hingegen wird die Verschuldung laut der IWF-Prognose lediglich um neun Prozentpunkte auf 69 Prozent des BIP zulegen.

Der Lockdown in Deutschland war kürzer und weniger strikt als in vielen anderen EU-Ländern. Während Frankreich die Wirtschaft mehr als zwei Monate in ein künstliches Koma versetzte und teils Ausgangsperren verhängte, schloss Deutschland nur gut fünf Wochen die meisten Geschäfte und beließ es bei Kontaktsperren. In Italien waren die Corona-Restriktionen noch härter.

Deutsches Hilfspaket europaweit einzigartig

Zudem setzt Deutschland im Kampf gegen die Pandemie-Folgen mehr Feuerkraft ein. Nach Berechnungen des IWF macht das deutsche Hilfspaket über ein Drittel (34 Prozent) des internationalen BIP aus. Frankreich dagegen hat mit seinen Stützungsprogrammen nur einen Anteil von 15 Prozent des BIP. Mehr als die Hälfte der von der EU-Kommission bisher genehmigten Staatshilfen kommen aus Deutschland.

Corona-Krisenmanagement Ranking
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Corona-Krisenmanagement Ranking

Das Wirtschaftsinstitut Oxford Economics sieht denn auch Deutschland europaweit ganz vorne in Sachen Krisenmanagement. Neben den Niederlanden hat die Bundesrepublik "am effektivsten reagiert - sowohl hinsichtlich des Umfangs als auch der Reichweite", heißt es in einer Analyse. Dadurch habe die deutsche Wirtschaft eine gute Ausgangslage für die spätere Erholung.

"Deutschland kommt stärker aus der Krise"

Carsten Brzeski, ING Diba
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Carsten Brzeski, ING Diba

Dank der Bazooka aus Berlin und der raschen Lockerungen würde Deutschland schneller und stärker aus der Krise kommen, meint auch ING-Ökonom Carsten Brzeski gegenüber tagesschau.de. "Ungesunde deutsche Unternehmen werden die Krise eher überleben als gesunde südeuropäische Firmen", glaubt er.

Frankreich dürfte nach der Corona-Krise den Anschluss an Deutschland verlieren, befürchten Ökonomen. Matthieu Courtecuisse, Chef der Unternehmensberatung Sia Partners warnt schon vor einer "irreversiblen Schere, die sich zwischen den beiden wichtigsten Volkswirtschaften der EU öffnen werde. Frankreich werde künftig wirtschaftlich näher an Italien als an Deutschland liegen, prophezeit er.

Nord-Süd-Kluft wird zunehmen

Das Nord-Süd-Gefälle dürfte sich in Europa weiter vergrößern. Experten erwarten, dass die Wirtschaft im Süden Europas deutlicher einbrechen und die Schuldenquote rasanter zulegen dürfte, weil die Pandemie dort stärker wütete als im Norden. Zudem können sich reichere Staaten umfangreichere Hilfspakete leisten. Der Norden Europas werde sich nach der Krise schneller erholen, glaubt ING-Ökonom Brzeski.

Ist die Luft raus?
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Ein fast leerer Luftballon mit dem Zeichen der Europäischen Union liegt in einer Pfütze

Der griechische Notenbankchef Giannis Stournaras, Mitglied des EZB-Rats, hat wegen der Corona-Krise vor dem Ausbruch einer neuen Schuldenkrise in Europa gewarnt. Die Frage der Schuldentragfähigkeit könnte wieder auftauchen, wenn die Pandemie vorüber und die Wachstumsaussichten beeinträchtigt seien, sagte Stournaras Anfang April. Es sei zu erwarten, dass sich die Bankbilanzen im gemeinsamen Währungsraum verschlechtern und die Zahl der faulen Kredite zunehmen dürfte, erklärte Stournaras.

Droht bald die nächste Schuldenkrise?

Ähnliche Warnungen kommen von Ökonomen. Die Konjunkturforscher des Ifo-Instituts und der ETH Zürich halten ein Wiederaufflammen der europäischen Schuldenkrise in großem Maßstab für ein nicht zu vernachlässigendes Risiko. Neben Griechenland am meisten gefährdet ist das hochverschuldete und vom Coronavirus tragischerweise besonders getroffene Italien. "In ein bis zwei Jahren werden die Schulden viel, viel höher sein als heute", prophezeit Wirtschaftsprofessor Guido Tabellini von der Mailänder Universität Bocconi. "Und dann kehrt die Schuldenkrise zurück."

Christine Lagarde
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Christine Lagarde

Noch herrscht relative Ruhe an den Anleihemärkten. Die Risikoaufschläge für Italien, Spanien und Griechenland sind nur moderat gestiegen. Dafür sorgt die Europäische Zentralbank (EZB). Mit ihrem neu aufgelegten 750 Milliarden Euro schweren Pandemic Emergency Purchase Programme, kurz PEPP, kauft sie derzeit bevorzugt italienische Anleihen, damit aus der Gesundheitskrise keine Finanzkrise wird. "Die EZB räumt am Sekundärmarkt alles auf", sagt der Ökonom Christopher Dembik von der dänischen Saxo Bank.

Bangen um Italien

Doch ob die EZB ewig die drittgrößte Volkswirtschaft Europas stützen kann, ist fraglich. Hält die Coronakrise noch länger an, wird es Italien kaum noch schaffen, aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen. Es könnte irgendwann zu einem Kollaps des Vertrauens kommen, warnt Ifo-Chef Clemens Fuest. Vor allem wenn die gemäßigte Regierung in Rom ihren Rückhalt in der Bevölkerung verlieren würde, könnte die europäische Solidarität schnell wieder bröckeln.

Quelle: boerse.ard.de
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