Container mit der Aufschrift China Shipping im Containerhafen in Shanghai (China). | Bildquelle: dpa

Deutschlands Handelspartner Wehe, wenn China die Puste ausgeht

Stand: 11.03.2019 10:33 Uhr

China ist zum zweitwichtigsten Handelspartner Deutschlands aufgestiegen. Gefährlich für die deutsche Wirtschaft ist ihre extreme Abhängigkeit. Die Warnsignale mehren sich.

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Zum ersten Mal seit 20 Jahren hat die Kernmarke VW 2018 weniger Fahrzeuge in der Volksrepublik verkauft als im Vorjahr. Dass die Verkäufe von Volkswagen im Dezember weltweit um neun Prozent geschrumpft sind, ist vor allem dem Rückgang in China geschuldet, das fast die Hälfte aller Fahrzeuge der Marke VW absorbiert.

In diesem Jahr soll es zwar wieder besser laufen, doch die wachsende Abhängigkeit vom chinesischen Markt hat seinen Preis: Beginnt Chinas Wirtschaft zu schwächeln, spüren das die Wolfsburger sofort. Auch für Mercedes und BMW ist China längst zum wichtigsten Absatzmarkt in der Welt aufgestiegen - und soll in den kommenden Jahren noch an Bedeutung gewinnen.

China bald Exportziel Nummer eins?

So baut etwa BMW seinen Anteil an dem chinesischen Gemeinschaftsunternehmen Brilliance von 50 auf 75 Prozent aus. Der Kaufpreis liegt bei umgerechnet 3,6 Milliarden Euro. Zugleich will der Konzern bis 2020/2021 jährlich 650.000 Fahrzeuge in China fertigen, 2017 waren es noch 400.000.

Zwar ist die Abhängigkeit anderer deutscher Wirtschaftszweige von China geringer als die der Autobranche, doch könnte China schon bald das wichtigste Exportziel der deutschen Industrie werden. Auf 45,2 Milliarden Euro (plus zehn Prozent) kletterte der Wert der deutschen Ausfuhren nach China allein in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres. Damit nimmt die Volksrepublik Platz 5 in der Rangliste der wichtigsten Exportländer ein - hinter den USA, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden.

Abstand zur Spitze wird kleiner

Doch der Abstand zur Spitze wird kleiner. Die deutschen Exporte nach China haben sich zwischen 2000 und 2017 mehr als vervierfacht. China ist seit 2017 nach den USA der zweitwichtigste Absatzmarkt deutscher Exporteure außerhalb Europas.

Bei den Importen liegt China ohnehin schon auf Platz eins, und Importe plus Exporte zusammengerechnet rangiert die Volksrepublik nur noch knapp hinter den Niederlanden auf dem zweiten Rang. Die Bedeutung Chinas für die deutsche Wirtschaft ist also bereits enorm groß. Die durch den Handelskonflikt mit den USA und einem womöglich chaotischen Brexit entstehenden Belastungen für den deutschen Export wird das Land dennoch kaum auffangen können.

Weniger Wachstum

Denn der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt geht die Puste aus. Das Wachstum ging im vergangenen Jahr auf 6,6 Prozent zurück. Ende 2018 fiel die Rate sogar auf nur noch 6,4 Prozent - ähnlich langsam wie zuletzt 2009 nach Ausbruch der globalen Finanzkrise. Das mag aus europäischer Sicht sehr viel sein, doch China braucht eine hohe Wachstumsrate, um neue Arbeitsplätze zu schaffen für die in die Städte strömende Landbevölkerung.

Einige Ökonomen wie Xiang Songzuo von der angesehenen Pekinger Renmin-Universität, früherer Chefvolkswirt der Agricultural Bank of China, sind sogar der Überzeugung, dass das tatsächliche Wachstum der chinesischen Wirtschaft deutlich geringer ist, als die offizielle Statistik behauptet. In einem Interview mit der französischen Tageszeitung "Le Monde" verweist er auf zahlreiche Unternehmenspleiten, den starken Rückgang der Investitionen und hohe Kreditausfälle. Selbst die wichtige Stütze des chinesischen Binnenkonsums habe nachgelassen.

Hart an der Rezession vorbei

Zudem belasten hausgemachte Probleme die wirtschaftliche Entwicklung. So war ein großer Teil des Wachstums der vergangenen Jahre kreditfinanziert und die dabei entstandenen Schulden machen Angst. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) beträgt die gesamte Schuldenlast der Volksrepublik gewaltige 256 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Die Aussichten für das heute beginnende Jahr des Schweins sind also eher ungünstig. Und was bedeutet das für die deutsche Wirtschaft? Noch weisen die hiesigen Konjunkturindikatoren zwar keine Rezession aus, aber weit davon entfernt sind sie nicht. Im dritten Quartal 2018 schrumpfte die Wirtschaft bereits leicht; offizielle Zahlen fürs letzte Quartal liegen noch nicht vor. Frühindikatoren wie der Ifo-Geschäftsklimaindex zeigen aber nach unten. Die Bundesregierung rechnet in diesem Jahr nur noch mit einem bescheidenen Wachstum von 1,0 Prozent.

Geschrumpfter Riese?

International renommierte Ökonomen wie Ashoka Mody von der Princeton-Universität bezeichnen Deutschland bereits als einen "geschrumpften Riesen". Nur größere politische Anstrengungen könnten jetzt die deutsche – und damit auch die europäische Wirtschaft vor einem Abschwung bewahren. Doch erst allmählich beginnt hierzulande eine Debatte über notwendige Veränderungen in der Wirtschaftspolitik.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 05. Februar 2019 um 10:15 Uhr in den Nachrichten.

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