US-Flaggen wehen über dem Gebäude der New Yorker Börse (NYSE) in New York City. | Bildquelle: AFP

Spekulation auf Trump-Sieg Börsen überwinden ersten Wahl-Schock

Stand: 04.11.2020 18:47 Uhr

Ein Erdrutschsieg der Demokraten, auf den die Börse gesetzt hatte, ist vom Tisch. Ein Erfolg des Amtsinhabers scheint weiterhin möglich. Die Märkte überwinden ihren anfänglichen Schock aber überraschend schnell - und springen nach oben. Das sind die Gründe.

Von Angela Göpfert, boerse.ARD.de

Die Verunsicherung an den Finanzmärkten dauerte nur kurz am Morgen. Nachdem der DAX um bis zu zwei Prozent auf 11.848 Punkte gefallen war, erholte er sich wieder und drehte im Tagesverlauf klar ins Plus. Er beendete den Handelstag um fast zwei Prozent höher bei 12.324 Zählern.

Weitere Kursinformationen zu Dax

Wall Street startet deutlich im Plus

Auch die New Yorker Börsen reagierten auf die US-Präsidentschaftswahl mit deutlichen Gewinnen. Der Dow kletterte in den beiden ersten Handelsstunden um 2,5 Prozent nach oben, der breiter gefasste S&P 500 legte um über drei Prozent zu. Vor allem Technologiewerte waren gefragt. Die Nasdaq schoss um rund vier Prozent in die Höhe.

Weitere Kursinformationen zu Dow Jones (Indikation)

Offensichtlich haben die Finanzmärkte zwischenzeitlich einen Sieg Donald Trumps eingepreist. Dafür sprechen auch die Reaktionen am Ölmarkt. US-Öl verteuerte sich um rund drei Prozent auf fast 39 Dollar je Barrel (159 Liter), Nordseeöl der Sorte Brent kostete mit 40,98 Dollar 2,9 Prozent mehr.

Weitere Kursinformationen zu Öl (Brent)

Weitere Kursinformationen zu Öl (WTI)

Run auf Tech-Werte

Krisengewinner Amazon, Google, Facebook, Apple
galerie

Tech-Unternehmen wie Amazon und Google würden von einem Trump-Sieg profitieren

Die amerikanischen Tech-Werte stiegen besonders kräftig, da sie von einer zweiten Amtszeit des Republikaners maßgeblich profitieren dürften. Als die Nachrichtenagentur AP meldete, dass Trump den wichtigen Swing-State Florida gewinnen konnte, machte der Future auf den technologielastigen Nasdaq 100 einen Satz nach oben.

Der Gesamtmarkt konnte da nicht ganz mithalten. Das spiegelt die sinkenden Wahrscheinlichkeiten für ein gewaltiges Konjunkturpaket unter einem Präsidenten Biden wider. Unter Trump dürften die Hilfen deutlich geringer ausfallen.

Weitere Kursinformationen zu Dow Jones (Indikation)

Weitere Kursinformationen zu S&P 500 (Indikation)

Weitere Kursinformationen zu Nasdaq 100

Ein "schwacher" Präsident muss kein Nachteil sein

Eines ist schon jetzt klar: Für keine Seite wird es ein einfaches "Durchregieren" im Repräsentantenhaus geben, denn auch hier sind die Mehrheitsverhältnisse nach bisherigen Projektionen denkbar knapp. Die von vielen Anlegern erhoffte "blaue Welle" blieb offenbar aus.

Für die Wirtschaft muss eine "schwache" Präsidentschaft aber nicht unbedingt schlecht sein, betonen die Commerzbank-Ökonomen Bernd Weidensteiner und Christoph Balz. "Schließlich sind dann radikale und teure Maßnahmen nicht wahrscheinlich."

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne"?

In die gleiche Kerbe schlagen die Experten des Deutsche-Bank-Vermögensverwalters DWS. "Einen Neuanfang wird es nicht geben, was große Teile der US-Wirtschaft und Anleger kurzfristig freuen dürfte", meint Stefan Kreuzkamp, DWS-Chefanlagestratege. "Vom Zauber eines Neuanfangs sind wir weiter entfernt als gedacht. Das bedeutet aber auch, dass keine dramatischen Veränderungen befürchtet werden müssen."

Das ist es denn wohl auch, was die Märkte an der aktuell durchaus noch unklaren Situation als Bonuspunkt für sich herauskristallisiert haben. Denn eigentlich hassen die Börsen nichts mehr als Unsicherheit. Möglicherweise waren nach Einschätzung mancher Marktbeobachter auch viele Anleger short, also setzen auf fallende Kurse und mussten sich nun mit Aktien eindecken, um auf den fahrenden Zug aufzuspringen.

Erinnerungen werden wach

Demonstranten nach US-Wahl 2000
galerie

Nach der Wahl Bush vs. Gore stand lange Zeit kein Sieger fest

Nicht wenige Experten befürchten, dass es Tage oder gar Wochen dauern wird, bis der Sieger dieser schicksalsträchtigen US-Präsidentschaftswahl feststeht. Ohne seinen demokratischen Herausforderer explizit zu erwähnen, schrieb Trump am Mittwochmorgen auf Twitter: "Sie versuchen, die Wahl zu stehlen." Dies werde er nicht zulassen. Trump kündigte an, vor das Oberste US-Gericht zu ziehen, um eine weitere Auszählung der Stimmen zu stoppen.

Sollte es tatsächlich zu einem ausgewachsenen Nachwahlchaos kommen, dann hätten die Märkte noch deutliches Abwärtspotenzial. Erinnerungen an das Jahr 2000 werden wach. Vor 20 Jahren, als George W. Bush gegen Al Gore antrat, zog sich das endgültige Ergebnis in die Länge. Ein einmonatiger Rechtsstreit um das Wahlergebnis in Florida lastete auf den Börsen. Der S&P 500 fiel nach der Wahl bis zum Jahresende um acht Prozent - und erholte sich erst wieder vollständig, als der Präsident feststand.

Börsen brauchen Klarheit

Präsident der Federal Reserve Jerome Powell
galerie

Mittel- bis langfristig von größerer Bedeutung für die Börsen als die US-Wahl: Was macht Fed-Chef Jerome Powell?

Marktexperte Rethfeld betont daher: "Im Sinne einer möglichen Jahresendrally an den Börsen wäre ein baldiges klares Ergebnis die beste Option." "Sollte die Wahl friedlich und mit einem klaren Sieger enden, dürfte dies die Anleger aufatmen lassen und ihren Risikoappetit wieder wecken", meint auch Milan Cutkovic, Marktanalyst von AxiCorp.

Tatsächlich wäre damit ein großer Unsicherheitsfaktor für die Märkte verschwunden. Mittel- bis langfristig sprechen die rekordtiefen Zinsen und eine historisch einmalige expansive Geldpolitik der Notenbanken ohnehin weiter für Aktien.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete die Sondersendung zur US-Wahl am 04. November um 09:00 Uhr.

Darstellung: