Blick in die menschenleere New Yorker Börse | Bildquelle: AP

Die Börsen und Corona Wie schnell können sich die Kurse erholen?

Stand: 27.03.2020 06:45 Uhr

Der Corona-Crash weckt Erinnerungen an die ganz großen Crashs der Finanzgeschichte. Eine Weltwirtschaftskrise wie 1929 lässt sich aber vermeiden. Wenn jetzt die richtigen Maßnahmen ergriffen werden.

Von Angela Göpfert, boerse.ARD.de

37 Prozent – so hoch waren die Verluste im US-Leitindex Dow Jones Industrial Average seit seinem Rekordhoch bislang in der Spitze. Man muss in der Geschichte der Börsencrashs schon sehr lange zurückgehen, um auf eine vergleichbare Panik-Reaktion an den Finanzmärkten zu stoßen. Die Finanzkrise 2007/2008 kann jedenfalls nicht mithalten, damals ging es anfänglich nur um 18 Prozent nach unten.

Bärenmärkte Dow Jones Index
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Die erste Panikwelle im Crash 2020 ist auch im historischen Vergleich beachtlich

Der Börsenkrach 1987 kommt da schon näher ran. Damals betrugen die Panik-Verluste 36 Prozent. 1929 ging es in der ersten Panik-Welle sogar um 48 Prozent nach unten. "Wir sind also mitten im Territorium der größten Crashs aller Zeiten", schlussfolgert Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest im Gespräch mit boerse.ARD.de.

Abkehr vom üblichen Muster

Einzigartig ist dabei die Geschwindigkeit des Abverkaufs. Die jüngste Börsen-Panik verlief deutlich schneller als all ihre Vorgänger – die Märkte sind einfach durchgefallen.

Festiniog Railway
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Am Industrial Black Friday 1893 platzte die Eisenbahn-Blase

Einzigartig ist aber auch die Genese des Corona-Crashs: Denn dieser Crash wurde nicht durch das übliche Muster hervorgerufen. Seien es der Dotcom-Crash 2000, die Finanzkrise 2007/2008, der "Black Thursday" 1929 oder auch der "Industrial Black Friday" 1893: Für gewöhnlich entstehen Börsen-Crashs durch das Platzen einer Spekulationsblase und schlagen erst in einem zweiten Schritt auf die reale Wirtschaft durch.

Doppelter Schock

Das ist diesmal anders. Im Falle des Coronavirus haben wir es mit einem exogenen Schock zu tun, der die reale Wirtschaft direkt trifft. Und das noch dazu auf der Angebots- und Nachfrageseite gleichzeitig.

Denn es fehlen Arbeiter in den Fabriken und Büros, Ersatzteile und Waren. Zugleich bricht die Nachfrage ein. Einen solchen quasi simultanen Angebots- und Nachfrageschock hat es in der Wirtschaftsgeschichte noch nie gegeben.

Vergleich mit Spanischer Grippe 1918

Spanische Grippe 1918
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Mit der Spanischen Grippe infizierte amerikanische Soldaten in einem Notfallkrankenhaus 1918

Laut dem amerikanischen Ökonom Kenneth Rogoff ist der Corona-Schock noch am ehesten mit der Spanischen Grippe 1918 vergleichbar. Auch Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege von Fidelity International, ist überzeugt, dass man schon 102 Jahre zurückgehen muss, um Anhaltspunkte für die kommenden Monate abzuleiten.

Denn der Ausbruch des Coronavirus sei wie die Grippepandemie von 1918/19 eine ereignisbezogene Krise. "Damals dauerte die Rezession sieben Monate, obwohl der zweiten Infektionswelle im Herbst 1918 mehr Menschen zum Opfer fielen als der ersten. Während der Pandemie in den vom Ersten Weltkrieg geprägten Jahren 1918/19 wurde ein Drittel der Weltbevölkerung infiziert; fünf Prozent starben", so Roemheld.

Kapitalmarktkrisen
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Ereignisbezogene Krisen werden an den Kapitalmärkten in der Regel schnell abgehakt

Solche ereignisbezogenen Krisen zeichnen sich vor allem durch ihre kürzere Dauer und schnellere Erholung aus im Vergleich zu zyklischen oder strukturellen Krisen – das zeigt ein Blick auf die Statistik.

Weltweiter Lockdown

Können wir also tatsächlich auf einen "milden Verlauf" hoffen? Tatsache ist: Es gibt auch sehr große Unterschiede zu 1918. Damals war die Welt längst noch nicht so vernetzt und globalisiert. Drastische Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie wie heute – ein quasi weltweiter Lockdown, ein weltweiter Stillstand der Wirtschaft – das gab es einfach nicht.

"Die Reaktionen auf diese Pandemie sind anders als alles, was wir in der Geschichte je erlebt haben", betont Rethfeld.

"Ein gigantisches Experiment"

Auch die nun ergriffenen geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen sprengen jedes geschichtliche Vorbild. So hat der US-Kongress in dieser Woche ein zwei Billionen Dollar schweres Konjunkturpaket beschlossen. Das entspricht rund neun Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts, betonen die Commerzbank-Ökonomen Bernd Weidensteiner und Christoph Balz in einer aktuellen Analyse. "Zum Vergleich: Das Konjunkturpaket der Obama-Administration 2009 hatte einen Umfang von rund 800 Milliarden Dollar (damals 5,5 Prozent des BIP)."

Auch die Fed hat die "Bazooka" herausgeholt und unbegrenzte Anleihekäufe im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie angekündigt. Europas Währungshüter stemmen derweil ein Anleihekaufprogramm über 750 Milliarden Euro, selbst "Corona-Bonds" sind bei der EZB im Gespräch.

"Das ist ein gigantisches Experiment. Ein Experiment, wie es sich Keynes 1929 gewünscht hätte. Um eine Weltwirtschaftskrise wie 1929 zu verhindern, sind aber genau solche Summen notwendig. Das ist das, was man aus der Geschichte lernen kann", unterstreicht Börsenexperte Rethfeld.

War das erst der Anfang?

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Bärenmärkte Dow Jones Index

Worum es geht, zeigt auch ein Blick auf den Verlauf des Dow Jones: Das Panik-Tief 1929 mit Verlusten von 48 Prozent war damals nämlich nur der Anfang. Erst im Sommer 1932 erreichte der US-Leitindex seinen absoluten Tiefstand. 89 Prozent seines Marktvolumens waren verloren.

"An der Börse muss man mit einem Zurücktesten des ersten Panik-Tiefs rechnen. Alles andere wäre sehr erstaunlich", unterstreicht Börsenexperte Rethfeld. Die fundamentale Erklärung für ein erneutes Abrutschen der Börsenkurse könnte dabei die Entwicklung in den USA liefern.

Warten auf den "Trump-Moment" an der Börse

Donald Trump
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Gibt nicht viel auf das Gerede der Experten - Donald Trump

Denn erstens hinken die Amerikaner aus Pandemie-Perspektive den Europäern um rund zwei Wochen hinterher, die Fallzahlen in den USA explodieren regelrecht. Zweitens scheint der US-Präsident den Ernst der Lage noch nicht so recht verstanden zu haben. Entgegen jeden medizinischen Rats will Trump die Schutzmaßnahmen schon bald wieder lockern – und sein Land bis Ostern wieder öffnen.

"Trump hat zurzeit eher die Verhinderung die Rezession im Kopf als die Rettung seiner Bürger", moniert Börsenexperte Rethfeld. "Womöglich sind die US-Börsen erst dann richtig unten, wenn Trump kapituliert, die notwendigen Maßnahmen ergreift und die nötige Ernsthaftigkeit an den Tag legt, wie es Macron, Kurz und Merkel bereits getan haben."

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. März 2020 um 17:30 Uhr.

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