Aufsichtsrat

Chefkontrolleure in der Kritik Aufsichtsräte ohne Kompetenz?

Stand: 09.10.2018 11:11 Uhr

"Dieselgate", Führungschaos, Insiderhandel - in den großen deutschen Konzernen häuften sich zuletzt die Skandale. Normalerweise hätten die Aufsichtsräte die Probleme erkennen und schnell reagieren müssen. Doch die meisten Chefkontrolleure waren blind und haben versagt. Warum bloß?

Früher war alles besser und diskreter - zumindest in den Aufsichtsräten. Bis in die 1990er Jahre herrschte die "Deutschland AG", ein Netzwerk aus Versicherungen, Großbanken und Industriekonzernen. Manager waren in Aufsichtsräten mehrerer Dax-Konzerne tätig und klüngelten miteinander. Die Beteiligten kannten sich und vertrauten untereinander, so dass viele Probleme erst gar nicht aufkamen.

Viele sitzen in mehreren Aufsichtsräten

Inzwischen ist die Deutschland AG so gut wie tot. Aufsichtsräte dürfen laut Aktiengesetz nur noch zehn Mandate innehaben, wobei der Vorsitz gleich doppelt gerechnet wird. Aktuell in den meisten Kontrollgremien vertreten ist Michael Diekmann. Der Ex-Allianz-Chef sitzt in vier Aufsichtsräten. Ex-Merck-Chef Karl-Ludwig Kley ist in insgesamt drei Kontrollgremien von Dax-Unternehmen vertreten, in zwei von ihnen (Lufthansa und Eon) ist er der oberste Kontrolleur.

Ebenfalls in mehreren Aufsichtsräten sitzt Paul Achleitner. Als oberster Chefkontrolleur hat er bei der Deutschen Bank das letzte Wort. Wohl kaum ein Aufsichtsratsboss stand in den letzten Monaten so unter Beschuss wie der Österreicher. Wegen des tagelangen Chaos an der Spitze des größten privaten deutschen Geldinstituts gab es heftige Kritik an der Arbeit des Aufsehers. Auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank forderten mehrere Investoren und Aktionärsschützer den Rücktritt von Achleitner.

Deutsche-Bank-Aufseher Achleitner unter Druck

Deutsche Bank-Aufsichtsrat Paul Achleitner
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Deutsche Bank-Aufsichtsrat Paul Achleitner

Doch der Deutsche-Bank-Chefkontrolleur sieht sich nicht als Teil des Problems. Vehement weist er die Vorwürfe an ihm zurück, Selbstkritik ist ihm fremd. Das einzige, was ihn bewegt, ist eine Reihe von Indiskretionen, die es bei der Absetzung von Vorstandschef John Cryan gab. "Aufsichtsratsarbeit ist keine Form von Reality-TV-Show", sagte Achleitner auf der jüngsten HV der Deutschen Bank. Die Arbeit habe vertraulich und vertrauensvoll zu erfolgen.

Das reicht den Investoren und Aktionärsvertretern nicht. Sie fordern von den Aufsichtsräten eine bessere Überwachung der Vorstände. Sie fragen sich, warum Achleitner nicht früher eingriff, als die Sanierungsstrategie von Cryan nicht aufging. Oder warum Deutsche-Börse-Aufsichtsratschef Joachim Faber so lange an Vorstandschef Carsten Kengeter festhielt, als die Fusion der Frankfurter und Londoner Börse wegen des Brexit unmöglich wurde. Oder weshalb im VW-Aufsichtsrat niemand etwas mitbekam von den umfangreichen Abgasmanipulationen.

Vielen Aufsichtsräten fehlt die Kompetenz

"Aufsichtsräte haben oft zu lange weggeschaut, weggehört und geschwiegen", kritisierte Ex-Bahn-Chef Rüdiger Grube jüngst in der "Wirtschaftswoche". Kein Wunder, meint er. Denn vielen fehle die Kompetenz. "In nur 40 Prozent der Kontrollorgane in deutschen Konzernen gibt es Personen mit ausreichend digitaler Expertise." Auch die internationale Erfahrung sei mangelhaft. "Deutschland braucht andere Aufsichtsräte", verlangt Grube, der inzwischen Chefkontrolleur beim Hamburger Hafen (HHLA) ist. Sie müssten internationale Märkte verstehen, die Konzernstrategie hinterfragen und vorausschauend denken.

Tatsächlich sind die Anforderungen an die Aufseher größer geworden. "Das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden ist komplexer und aufwendiger geworden", gibt BMW-Aufsichtsratschef Norbert Reithofer zu. Man bekomme heute weit mehr Vorlagen auf den Tisch als früher. "Früher hat man den Arbeitsaufwand je Mandat auf etwa 50 Arbeitstage geschätzt", meint Vergütungsberater Joachim Kayser. Heute könnten es mehr als 100 Tage sein. Die Aufsichtsräte treffen sich heute öfter als früher. Zudem sprechen sie inzwischen mehr mit Investoren. Diese wiederum suchen anders als früher das direkte Gespräch mit dem Aufsichtsrat statt mit dem Vorstand.

Fast 400.000 Euro fürs Rumsitzen und Akten lesen

Gleichzeitig sind die Vergütungen für Aufsichtsräte deutlich gestiegen. Laut der am Dienstag vorgelegten Studie der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) kassierten die Chefkontrolleure 378.000 Euro im vergangenen Jahr - fast fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Spitzenverdiener war Paul Achleitner von der Deutschen Bank mit 800.000 Euro.

DSW Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e. V.
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Screenshot der DSW - Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e. V.

Als Problem sehen die Aktionärsschützer der DSW die Häufung von Mandaten, das so genannte Overboarding. Der deutsche Corporate Governance Kodex empfiehlt, dass niemand mehr als fünf Aufsichtsratsmandate haben soll. Ebenso regt der Kodex eine Begrenzung der Zugehörigkeitsdauer für die Aufsichtsratsmitglieder an. Ein zu langes AR-Mandat führe zu einer gewissen "Betriebsblindheit", meint Jella Benner-Heinacher von der DSW.

Frauenquote schon über 30 Prozent

Positiv sieht sie indes die Entwicklung des Frauen-Anteils in den Kontrollgremien. Der Anteil ist inzwischen auf 34 Prozent gestiegen. Das heißt: Jeder dritte Aufsichtsrat in deutschen Konzernen ist weiblich. Kein Wunder, denn seit 2016 ist eine Frauen-Quote von 30 Prozent vorgeschrieben. Ob sich nun aber mit mehr Frauen-Macht in den Kontrollgremien künftige Skandale in deutschen Konzernen vermeiden lassen, bleibt abzuwarten.

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Die mächtigsten Aufsichtsräte

Michael Diekmann

Michael Diekmann
Der frühere Allianz-Chef hat 2018 den Sprung zum einflussreichsten Aufsichtsrat in Deutschland geschafft. Michael Diekmann sitzt inzwischen in den Kontrollgremien von vier Dax-Unternehmen - bei der Allianz, bei BASF, Fresenius und Siemens. Bei der Allianz ist der 63-jährige Ostwestfale oberster Chefaufseher. Insgesamt verdient Diekmann mit seinen vier Mandaten 1,3 Millionen Euro.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Oktober 2018 um 13:52 Uhr in der Sendung "Wirtschaft am Mittag" und um 17:22 Uhr in der Sendung "Wirtschaft und Gesellschaft".

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