Skyline von Frankfurt am Main

Warnungen von Ökonomen Droht eine neue Bankenkrise?

Stand: 01.12.2020 06:35 Uhr

Ökonomen schlagen Alarm: Ungeachtet der staatlichen Hilfen rollt auf Deutschland eine nie dagewesene Pleitewelle zu - mit entsprechenden Folgen für die Banken. Können die Institute den drohenden Ausfall vieler Kredite meistern?

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Die Zahlen sind alarmierend: Nach Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts für Wirtschaft IW und des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) wird es bis Ende dieses Jahres immer mehr sogenannte "Zombieunternehmen" geben. Firmen also, die tiefrote Zahlen schreiben und eigentlich Insolvenz anmelden müssten.

Zwar sind Unternehmenspleiten ein natürlicher Prozess, doch wenn zu viele Firmen gleichzeitig ihre Zahlungen einstellen, werden sie zu einer Gefahr für Banken und Sparkassen, die Herzkammer unseres Wirtschaftssystems. Denn müssen die Kreditinstitute viele der geliehenen Gelder abschreiben, geraten sie selbst in Schieflage - und können keine weiteren Darlehen mehr vergeben oder müssen vor dem Zusammenbruch gerettet werden.

Hunderte von Bankhäusern betroffen

Eine im Sommer veröffentlichte Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) prognostizierte, dass die derzeitige Corona-Krise das Aus für Dutzende Banken bedeuten könnte – im günstigsten Fall. Demnach wären in einem optimistischen Szenario sechs Prozent der Banken in Deutschland durch Kreditausfälle gefährdet. In einem pessimistischen Szenario träfe das auf 28 Prozent der Institute zu, was Hunderten Geldhäusern entspricht.

Banken in Frankfurt

Bankenskyline in Frankfurt: Das Aus für dutzende Banken droht

"Der Staat hat sich zuletzt verständlicherweise um die Realwirtschaft gekümmert, sollte aber mögliche Gefahren nicht übersehen, die im Finanzsektor lauern", warnte IWH-Präsident Reint Gropp. Denn eine Bankenkrise könne eine zweite Rezession auslösen.

Tatsächlich sollten vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken mit Kreditausfällen rechnen, verleihen sie doch ihr Geld meist an Firmen, die vom Lockdown besonders schwer betroffen sind, wie das Gastgewerbe, der Einzelhandel und kleine Handwerker.

40 Prozent mehr Insolvenzen im nächsten Jahr?

In das gleich Horn stößt die Bundesvereinigung Kreditankauf und Servicing (BKS). "Auch wenn der Staat weiter puffernd eingreift, gehen wir von einer Steigerung der Insolvenzen um 40 Prozent auf 6.000 bis 7.000 pro Quartal ab 2021 aus", warnt BKS-Präsident Jürgen Sonder. Dies bringe die Kapitalausstattung der Banken in eine "außergewöhnliche Stresssituation".

Noch weiß niemand, wie hoch das Volumen der faulen Kredite sein wird, denn die Verlängerung der Antragspflicht für Insolvenzen hat die befürchtete Pleitewelle in die Jahre 2021 und 2022 verschoben. Denn erst ab Januar nächsten Jahres müssen Firmen, die zahlungsunfähig sind, wieder einen Insolvenzantrag stellen. Das ist seit März ausgesetzt. Deshalb ist frühestens erst im ersten Quartal nächsten Jahres eine fundierte Einschätzung zur Lage der deutschen Banken möglich.

Insolvenz

Steigerung der Insolvenzen: Banken müssen mit Kreditausfällen rechnen

Banken wiegeln ab

Was die Kassandren nicht erwähnen, ist, dass Sparkassen de facto nicht Pleite gehen können. Sie sind im Besitz der Kommunen und gehören damit dem Staat. Zudem haften die Sparkassen füreinander und verhindern Insolvenzen durch Zusammenschlüsse. Auch die Volks- und Raiffeisenbanken verfügen über einen solchen Haftungsverbund.

Entwarnung kommt auch von den privaten Banken. "Eine Krise im Bankensektor halte ich in den kommenden ein bis anderthalb Jahren für unwahrscheinlich", erklärte Deutsche Bank-Chef Christian Sewing im September. Nur wenn sich die Pandemie über Jahre hinziehe, würden auch die Geldhäuser in die Bredouille kommen.

"Kreditausfälle werden die Institute nicht kalt erwischen"

Auch Hans-Walter Peters, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, sieht keinen Anlass für übertriebene Sorgen. "Das Bankensystem in Deutschland ist heute stabil – und es wird auch morgen stabil sein", sagt er. Es sei klar, dass es im nächsten Jahr einen Anstieg der notleidenden Kredite geben werde. "Wir sind darauf vorbereitet. Kreditausfälle werden die Institute nicht kalt erwischen." So könnten die Banken dank ihrer guten Vorsorge in den letzten Jahren auf ausreichend Eigenkapital und Liquidität zurückgreifen.

Banken

Deutsches Bankensystem: Heute und morgen stabil?

Trotzdem fordert Peters weitere Erleichterungen. So spricht er sich für eine "dringend notwendige Nachjustierung bei der Bankenabgabe" aus. Dabei handelt es sich um eine seit 2007 von allen Banken und Sparkassen zu leistende Abgabe an einen Restrukturierungsfonds. In diesem Jahr dürfte die von den deutschen Geldhäusern zu leistende Zahlung gut 2,2 Milliarden Euro betragen - zuviel, findet der Bankenverband.

Ehrlichen Blick in die Kreditbücher werfen

Dass die Banken die Herausforderungen der Corona-Krise bislang ohne größere Blessuren bewältigen konnten, liegt auch daran, dass die besonders hart betroffenen Branchen wie die Gastronomie und das Hotelgewerbe laut Bundesbank nur einen kleinen Teil der an inländische Unternehmen vergebenen Kredite ausmachen: rund zwei Prozent der Gesamtdarlehen oder 28 Milliarden Euro.

Zum Vergleich: Der Wohnungs- und Grundstückssektor vereint 476 Milliarden Euro an Kreditforderungen auf sich und steht damit für 23 Prozent der Forderungen bei den großen, systemrelevanten Banken und sogar für ein Drittel der Inlandskredite bei den übrigen Banken. 

Dennoch ermahnt der oberste Bankenaufseher der Eurozone, Andrea Enria von der EZB, die Banken die Risiken nicht auszublenden. Im Interview mit dem "Handelsblatt" sagte er kürzlich: "Die Banken sollten einen ehrlichen Blick in ihre Kreditbücher werfen und prüfen, welche ihrer Kunden die Krise wirklich überstehen werden. Die Institute müssen jetzt damit beginnen, damit die Welle an faulen Krediten gar nicht erst zu groß wird."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. November 2020 um 14:35 Uhr.