Argentinischer Präsident Alberto Fernandez (M.), Stellvertreterin Cristina Fernandez de Kirchner und Horacio Rodriguez Larreta, Bürgermeister von Buenos Aires

Neunte Staatspleite droht Argentinien - Tod mit Ansage?

Stand: 06.07.2020 06:40 Uhr

Argentiniens Präsident Alberto Fernández kam im vergangenen Dezember mit dem Mandat an die Macht, die Wirtschaft des südamerikanischen Landes zu stärken. Sechs Monate später steht das Land erneut vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Uhr tickt.

Von Thomas Spinnler, boerse.ARD.de

Insgesamt stehen aktuell etwa 65 Milliarden Dollar bei ausländischen Investoren im Feuer. Die Gesamtschulden Argentiniens belaufen sich auf rund 323 Milliarden Dollar (Stand Ende 2019). Sollte eine Einigung final misslingen, wäre es die neunte Staatspleite Argentiniens. Wiederholt ist die Frist verlängert worden: Noch bis zum 24. Juli könnte sich Argentinien mit den Eignern der Staatsanleihen auf eine Lösung einigen. Bei den Papieren handelt es sich um nach ausländischem Recht ausgegebene Anleihen.

Staatsschulden Argentinien
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Staatsschulden Argentiniens

Eine Pleite können weder die Investoren, noch die argentinische Regierung wollen, aber für Argentinien wären die Folgen gewiss gravierender: Das Land wäre erneut vom internationalen Kapitalmarkt abgeschnitten und könnte sich auf diesem Weg kein Geld besorgen. Infolgedessen müsste sich das Land um die nötigen Mittel und Kredite bei internationalen Organisationen wie Weltbank oder beim Internationale Währungsfonds (IWF) bemühen, um die staatlichen Aufgaben zu erfüllen. Die Staatseinnahmen durch Steuern werden dazu nicht ausreichen. In einer Studie vom 19. Februar dieses Jahres kam der IWF zu dem Schluss, dass Argentiniens Schulden untragbar seien.   

Solche Kredite sind an Auflagen geknüpft. Nach der aktuell herrschenden Wirtschaftstheorie sind das in der Regel Privatisierungen, Sparmaßnahmen bezüglich staatlicher Aufgaben, Leistungskürzungen aller Art und Verkäufe von Staatseigentum, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu kriegen.

Zudem würde sich eine künftige Schuldenaufnahme aufgrund des Vertrauensverlustes nach der Pleite schwierig gestalten und sich massiv verteuern. Schließlich wollen die Investoren, überwiegend Banken, Vermögensverwalter und Investmentfonds, dass ihr Risiko angemessen in Rendite übersetzt wird - das bedeutet höhere Zinsen. Bei einer drohenden Pleite müssten die Investoren ihre investierten Milliarden abschreiben.  

"Vom Charme Argentiniens verführt"

Zwei der wesentlichen Gläubiger-Vertreter, die Ad Hoc Argentine Bondholder Group und die Exchange Bondholder Group, haben der argentinischen Regierung jüngst mangelnden Einsatz vorgeworfen: "Das Fehlen ernsthaften Engagements ist zutiefst besorgniserregend", schreiben sie in einer gemeinschaftlichen Presseerklärung. Alle Parteien sollten darauf fokussiert sein, die schmerzhaften rechtlichen und ökonomischen Kosten eines Zahlungsausfalls zu vermeiden.

Die Perspektive der Investoren auf die künftige Lage in Argentinien wird sehr anschaulich von Kim Catechis, Head of Investment Strategy bei Martin Currie, zusammengefasst: "Die Einmischung des Staates in die Wirtschaft wird zunehmen und die verbleibenden internationalen Investoren vor den Kopf stoßen."

Martin Guzman
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Der argentinische Wirtschaftsminister Martin Guzman

Für die wenigen internationalen Geldgeber werde dies laut Catechis eine weitere Enttäuschung sein. "Sie hatten sich von diesem faszinierenden, charmanten, fiebrigen, leidenschaftlichen, aber ewig frustrierenden Land verführen lassen und immer das Beste gehofft. Diese Hoffnung zerrinnt jetzt."

Kampf um die Rendite

Wenn man sich die Liste der Gläubiger ansieht, fällt es schwer zu glauben, sie hätten sich bei ihrem Investment vom leidenschaftlichen Charme Argentiniens verführen lassen. Es sind knallhart kalkulierende Investmentfirmen und Banken, die Chancen und Risiken professionell gegeneinander abwägen.

Zur Exchange Bondholder Group gehören Investmentfirmen, Vermögensverwalter und Hedgefonds wie HBK Investments, Monarch Alternative Capital LP, Paloma Partners Management Corp., und die VR Capital Group. Zur Ad Hoc Argentine Bondholder Group gehören unter anderem die Vermögensverwalter und Investmentfonds Blackrock, Ashmore und Fidelity. Beide Gruppen sollen zusammen Schuldpapiere im Wert von 21 Milliarden Dollar halten.  

BlackRock-Logo
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BlackRock-Logo und zwei amerikanische Flaggen an der Unternehmenszentrale in New York

Mit einem verwalteten Vermögen von 7.400 Milliarden Dollar (Stand Ende 2019) ist Blackrock der größte Vermögensverwalter der Welt. Hierzulande wurde die Firma einer breiten Öffentlichkeit bekannt, weil der CDU-Politiker Friedrich Merz im Aufsichtsrat von Blackrock Deutschland saß.  

20 Prozent der Staatseinnahmen gehen für Zinsen drauf

Die Lage Argentiniens ist schön länger kritisch, aber das Pleitedrama verschärfte sich, als Argentinien Ende Mai Zinsforderungen in Höhe von 503 Millionen US-Dollar nicht beglichen hatte. Das lateinamerikanische Land steckt aktuell in einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Inflationsrate betrug zuletzt mehr als 50 Prozent. Für das laufende Jahr rechnet der IMF mit einem Rückgang der Wirtschaftskraft von fast zehn Prozent. Hinzu kommen noch Belastungen durch die Corona-Pandemie.

Für Millionen Argentinier seien die Konsequenzen der Pandemie dramatisch, hatte der UN-Koordinator für Argentinien der Tageszeitung "La Nacion" gesagt. Bis zum Jahresende könnten seiner Einschätzung nach fast sechs von zehn Argentiniern in Armut leben.

Schlange vor Lebensmittelgeschäft in Buenos Aires
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Schlange vor Lebensmittelgeschäft in Buenos Aires

Deshalb drängt Argentinien darauf, die Milliardenschuld umzustrukturieren. Wirtschaftsminister Martin Guzman hatte die Umschuldungspläne damit begründet, dass sein Land gerade in Virus-Zeiten nicht weiter 20 Prozent der Staatseinnahmen für Zinszahlungen ausgeben könne.

Harte, ermüdende Verhandlungen

Um jeden Cent wird hart verhandelt. Über den aktuellen genauen Stand kann nur spekuliert werden, da die Verhandlungen privat geführt werden. Das ursprüngliche Angebot Argentiniens sah einen Schuldenschnitt und eine Aussetzung der Zahlungen bis 2023 vor. Zinszahlungen sollen um 37,9 Milliarden US-Dollar oder 62 Prozent gesenkt, die Schuldenlast selbst um 3,6 Milliarden Dollar oder 5,4 Prozent gekürzt werden.

Die Verhandlungen seien hart, aber es gebe Kreditgeber, die konstruktiv arbeiteten, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters eine Regierungsquelle. "Andere nehmen eine kompromisslose Position ein." Eine Quelle von Gläubigerseite beschreibt die Verhandlungen als eine Kombination von Müdigkeit, Ungeduld und einer "einzigartigen argentinischen Weise, die Dinge anzupacken".

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"Das Maximum"

Am vergangenen Freitag stellte schließlich eine wichtige Kreditgeber-Gruppe, das Argentina Creditor Committee (ACC), in Aussicht, sich mit 54,5 Prozent der eigentlich ausstehenden Forderungen zufrieden zu geben. Das ACC ist ein Zusammenschluss aus 30 Fonds und Investmentfirmen. Bedingung sei, dass ein großer Teil aller Gläubiger mit ins Boot geholt werde. Schuldenexperten zufolge will ACC damit verhindern, dass Argentinien die Kreditgeber spaltet und mit jedem einzelnen Vereinbarungen zu einem Forderungsverzicht schließt.

Nach neuen Medienberichten liegt Argentiniens aktuelles Angebot nun bei 53,5 Cent je Dollar. Das Zahlungsmoratorium soll nach der neuen Offerte nur ein Jahr statt drei Jahre dauern. "Wir haben enorme Anstrengungen unternommen, um unser Wort zu halten", sagte Präsident Alberto Fernández. Die neue Offerte sei "das Maximum, das wir anbieten können."

Selbst wenn das Angebot bei knapp über 50 Cent je Dollar liegt, müsste das keinesfalls bedeuten, dass die Gläubiger die Hälfte ihres Investments abschreiben. Denn je nach Anleihekurs und Einstiegszeitpunkt können Investoren auch deutlich weniger als einen Dollar bezahlt haben. Selbst Gewinne seien noch denkbar.

Mit Material von Reuters und dpa-AFX.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Juli 2020 um 05:14 Uhr.

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