Boeing Muilenburg | Bildquelle: AFP

Krise um Boeing 737 Max Sicherheit der Dividende geopfert

Stand: 24.12.2019 05:02 Uhr

Der Rückzug von Boeing-Chef Muilenburg reicht für einen Neuanfang nicht aus. Der Konzern hat sich zu lange nur um die Aktionäre gekümmert - und Innovation und Sicherheit vernachlässigt.

Eine Analyse von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Die Führung des Boeing-Konzerns hatte kürzlich noch einmal klar gestellt, was für sie wirklich zählt: Zwar produziert der US-Flugzeugbauer vorübergehend keine weiteren Maschinen vom Typ 737 Max. Wann Flieger dieser Baureihe wieder abheben, ist unklar. Aber der Aufsichtsrat verkündete stolz, dass Investoren ihre Dividende von gut zwei US-Dollar pro Aktie auch in diesem Quartal erhalten.

Marktwert, Profit, Dividende

Die Interessen der Aktionäre stehen bei Boeing an erster Stelle. Mit dem verengten Blick auf Marktwert, Profit und krass steigende Dividende hat die Verkehrsflugzeugsparte des Unternehmens ihre eigenen Ideale von technischem Fortschritt und größter Sicherheit verraten.

Die Abstürze von zwei Maschinen des Typs 737 Max mit 346 Toten sind die tragischen und dramatischen Folgen der falschen Ausrichtung des Konzerns. Der Rauswurf von Konzernchef Dennis Muilenburg allein reicht deshalb für einen Neuanfang nicht aus.

Muilenburg war der Held der Investoren und wurde zum Gesicht der Krise bei Boeing. Der Vorstandschef schien nach den Abstürzen unfähig zu echter Anteilnahme zu sein. Sogar als er mit Angehörigen der Opfer bei einer Anhörung in einem Saal des US-Kongresses saß, war keine Empathie zu spüren. Es war auch keine Begegnung als Zeichen der Reue geplant.

Boeing Muilenburg vor US-Kongress | Bildquelle: MICHAEL REYNOLDS/EPA-EFE/REX
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Konzernchef Muilenburg bei einer Anhörung des US-Kongresses im Oktober 2019. Hinter ihm Angehörige der Opfer.

Was Boeing dann (nicht) tat

Boeing setzte stattdessen wie gewohnt auf Lobbyarbeit, um auf Politiker im US-Kongress und auf Vertreter der Flugaufsichtsbehörde FAA Einfluss zu nehmen. Was tatsächlich geschehen war, deckten in der Zeit andere andere auf: Boeing entschied sich 2011 gegen Investition und Innovation, stattdessen für eine Neuauflage des uralten Modells 737.

Trotz technischer Veränderungen sollten die Flugeigenschaften gleich bleiben, weil die Airlines kein zusätzliches Geld für die Schulung von Piloten ausgeben wollten. Boeing verschwieg Airlines und Piloten deshalb auch eine Software, die bei der 737 Max massiv in die Flugsteuerung eingreifen konnte. Eine Warnleuchte war Sonderausstattung, ein zweiter Sensor für das System nie vorgesehen. Zweifel und Probleme teilte Boeing den zuständigen Behörden nicht oder zu spät mit.

Die Investitionsmüdigkeit des Konzerns war bereits vor zehn Jahren heftig kritisiert worden. Aber nicht von allen: Entscheidend war für die Firmenzentrale in Chicago, dass die Ratingagentur Moodys dem Konzept einer 737 Max gute Chancen einräumte. Die Investoren waren beruhigt.

Staat lässt Konzern nicht scheitern

Die Nachfolger von Konzernchef Muilenburg haben all diese Entscheidungen mitgetragen. Der Wechsel an der Spitze von Boeing ist deshalb kein strategischer Schritt, sondern ein taktischer.

Boeing-Manager verlassen sich darauf, dass der Staat es sich nicht leisten kann, ihren Konzern letztendlich scheitern zu lassen - schon gar nicht die wichtige Rüstungssparte. "Too big to fail" hieß das bei Banken in der Zeit der Finanzkrise. Es hat sich seitdem nichts Grundlegendes geändert.

Kommentar zum Rücktritt des Boeing-Chefs: Wohl der Aktionäre an erster Stelle
Torsten Teichmann, ARD Washington
23.12.2019 20:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Dezember 2019 um 23:00 Uhr.

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