Boeing 737 Max 8  | Bildquelle: AFP

Flugzeugbauer Boeing Kein Ende der Krise in Sicht

Stand: 23.12.2019 17:34 Uhr

Für Boeing wird das Jahr 2019 möglicherweise als bislang schlimmstes in die Firmengeschichte eingehen: Der Konzern steckt nach zwei Abstürzen in einer tiefen Krise. Der Schaden ist schon jetzt enorm.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington.

Mitte Dezember im US-Repräsentantenhaus: fünfte Anhörung im Verkehrausschuss zu den Abstürzen der Boeing 737 Max. Einer der Zeugen ist der neue Chef der US-Luftfahrtbehörde FAA. Stephen Dickson nimmt dem Konzern jegliche Hoffnung, dass die 737 Max womöglich noch im alten Jahr wieder fliegen darf. Erst müsse er von der Sicherheit des Flugzeugs so überzeugt sein, dass er auch seine Familie damit fliegen lassen würde. 

Laut Medienberichten legte Dickson anschließend im direkten Gespräch mit dem jetzt zurückgetretenen Boeing-Chef Dennis Muilenberg noch mal nach: Er verbitte sich weitere Versuche des Flugzeugbauers, die FAA zu einer schnellen Wiederzulassung zu drängen. Keine Woche später zog Boeing die Konsequenz: Die Produktion der 737 Max wird ausgesetzt - ab Januar, für wie lange ließ der Konzern offen.

Profit statt Sicherheit?

Die 10.000 Mitarbeiter im Boeing-Werk in Renton, im Bundesstaat Washington, sollen erstmal anderweitig beschäftig werden. Schlimmer aber ist wohl der Imageverlust: Der Konzern, das wurde in den Kongress-Anhörungen klar, legte bei der Produktion der 737 Max mehr Wert auf Profit als auf Sicherheit. Einer der Kronzeugen dafür ist der ehemalige Boeing-Manager Ed Pierson. Er war für die Produktionsabläufe beim Bau der 737 Max zuständig.

Weil Boeing die Produktion von 47 auf 52 Flugzeuge hochgefahren hatte, seien die Arbeitsabläufe aus dem Ruder geraten. Die Kollegen seien überfordert und überarbeitet gewesen. Teile seien zu spät geliefert worden oder beschädigt gewesen. Pierson, ehemaliger Navy-Soldat, bat seinen Vorgesetzten, die Produktion wenigstens kurz zu unterbrechen - aus seiner Militär-Zeit wisse er, dass man dort Operationen wegen weniger großen Sicherheitsbedenken abbreche. Doch sein Chef habe gesagt: Das Militär muss ja auch keinen Profit machen.

Absturzstelle der Boeing Boeing 737 Max 8 der Ethiopian Airlines | Bildquelle: REUTERS
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Im März stürtze eine Boeing 737 Max 8 der Ethiopian Airlines ab. 157 Menschen starben.

Beschwerden verpufften 

Das war vier Monate vor dem ersten Absturz in Indonesien. Doch danach verpufften Piersons Beschwerden an die Konzernleitung. Die 737 Max flog erstmal weiter. Bis im März 2019 ein zweites Flugzeug dieses Typs abstürzte. An Bord auch die gesamte Familie des Kanadiers Paul Njoroge. Der gebürtige Kenianer und weitere Angehörige verklagten Boeing, weil der Konzern nach dem ersten Absturz versucht habe, die Piloten verantwortlich zu machen.

Noch ist die Ursachen-Forschung nicht abschlossen. Aber offenbar führte eine Kette von Umständen zu den Abstürzen mit 346 Toten: Sensoren lieferten falsche Daten, es gab Software-Fehler beim neuen automatischen Trimmsystem. Die Piloten waren auf so einen Fall nicht vorbereitet. Der Vorwurf: Boeing soll zwar von den möglichen Software-Problemen gewusst, sie aber vor den Airlines und der Regulierungsbehörde FAA versteckt haben. Boeing-Chef Muilenberg räumte im Oktober im Kongress ein, dass der Konzern Fehler gemacht habe.

Vorwürfe auch gegen Luftfahrtbehörde

Die Software-Probleme sollen inzwischen behoben sein. Doch das reichte der US-Flugbehörde FAA noch nicht- vor allem im Hinblick auf künftige Standards für das Pilotentraining. Dickson, früher selbst Pilot bei Delta, will die 737 selbst testen, bevor er sie wieder fliegen lässt.

Doch auch die FAA steht wegen der Abstürze massiv in der Kritik, weil sie Boeing nicht streng genug überprüfte. Und weil sie der 737 Max nicht schon vor dem zweiten Crash die Flugerlaubnis entzog - obwohl damals längst eine interne Analyse vorlag, wonach mit weiteren Abstürzen zu rechnen sei.

Die Krise kommt Boeing teuer zu stehen: laut Schätzung des Finanzdienstleisters J.P. Morgan über ein Milliarde Dollar, jeden Monat, den die 737 Max nicht fliegt. Einige Kunden sind abgesprungen, andere verlangen Entschädigungen. Die 737 Max war jahrzehntelang das erfolgreichste Flugzeugmodell von Boeing. 2020 wird zeigen, ob das Flugzeug nun stattdessen den Konzern selbst zu Boden zwingt.

Boeing 737 Max – nach Abstürzen kein Ende der Krise in Sicht
Julia Kastein, ARD Washington
23.12.2019 17:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 23. Dezember 2019 um 17:45 Uhr.

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