Zapfsäule für Bio-Ethanol | picture-alliance/ dpa

Streit um Biosprit Mehr tanken oder mehr auf den Teller?

Stand: 11.04.2022 08:25 Uhr

Autofahrer können sparen, wenn sie E10-Benzin mit beigemischtem Bioethanol tanken. Doch die Nachfrage zieht nur leicht an. Zudem gibt es Forderungen, Biosprit zu verbieten, um mehr Nahrungsmittel produzieren zu können.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Angesichts der leeren Rapsöl-Regale in Supermärkten könnte man sich fragen: Haben da manche Verbraucher das billigere Pflanzenöl benutzt, um es in den eigenen Autotank zu kippen? Doch das könnte teurer werden als erhofft. Pflanzenöle wirken sich negativ auf Leistung und Lebensdauer des Motors aus, warnt der ADAC. Zudem könnte es zu Startschwierigkeiten kommen.

Indes hält der Automobilclub Biokraftstoffe für eine echte Alternative zum klassischen Super-Benzin und Diesel - allerdings nur als Beimischung. Seit 2011 können bis zu zehn Prozent Bioethanol dem herkömmlichen Benzin beigemischt werden. An der Tankstelle wird dieser Sprit als E10 verkauft. Derzeit ist der Kraftstoff rund sechs Cent billiger als E5. Der ADAC empfiehlt deshalb E 10 als Mittel gegen die aktuellen hohen Spritpreise. "Mit jeder Tankfüllung könnte man bis zu vier Euro sparen", schreibt der Lobbyverband. Außerdem werde mit dem Bioethanol-Anteil aus umweltverträglich angebauten Pflanzen der Straßenverkehr jährlich um bis zu drei Millionen Tonnen CO2 entlastet.

Anteil auf über 20 Prozent geklettert

Tatsächlich haben die hohen Energiepreise die Autofahrer schon teilweise zum Umstieg bewegt. Nach Beobachtungen des Bundesverbands der deutschen Bioethanolwirtschaft (BDBe) steigt der Anteil von E10 am Benzinverbrauch kontinuierlich. Im Januar lag der Marktanteil über 20 Prozent, berichtet der Geschäftsführer des Verbands, Stefan Walter. Ein Jahr zuvor seien es noch um die 13 Prozent gewesen. "Wir haben einen starken Zuwachs."

Wie stark der Ukraine-Krieg und die damit verbundenen Rekordpreise an der Zapfsäule die Nachfrage nach Biosprit weiter angeheizt hat, kann Walter nicht sagen. Noch gebe es keine Daten. Er rechne aber damit, dass sich der positive Trend für Bioethanol verfestige.

Noch viele Vorbehalte bei Autofahrern

Doch von einem Boom will in der Branche momentan niemand reden. Zu groß seien in der Bevölkerung immer noch die Vorbehalte gegenüber E10. "Es gibt ein langfristiges Akzeptanz-Problem", sagt ein Sprecher des Biokraftstoffverbands. Auch BdB-Geschäftsführer Walter spricht von einem anhaltenden Informationsbedürfnis beim Thema E10. Viele Autofahrer würden fälschlicherweise immer noch davon ausgehen, der Kraftstoff schade ihrem Fahrzeug.

Der ADAC tritt dem entgegen. "Fast alle Benziner-Pkw sind zwischenzeitlich für E10 geeignet", teilt der Lobbyverband mit. Alle Fahrzeuge ab November 2010 vertrügen die Bioethanol-Beimischung im Super. Aber auch viele ältere Autos könnten Ottokraftstoffe mit einem höheren Ethanolanteil ohne Schäden nutzen. Die deutsche Automobil Treuhand (DAT) gibt im Internet einen Überblick, welche Modelle von vor 2010 E-10-Benzin problemlos tanken können.

Eine Preistafel einer Tankstelle zeigt vergelichsweise hohe Spritpreise an.  | dpa

E10-Benzin mit einer Beimischung von bis zu zehn Prozent Bioethanol ist an der Tankstelle einige Cent billiger als das normale Superbenzin. Bild: dpa

Umweltschützer fordern Verbot

Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung vieler Autofahrer könnten Umwelt-Bedenken gegen den Biosprit sein. Zahlreiche Umweltschutz-Organisationen haben seit Beginn des Ukraine-Kriegs die Biokraftstoff-Hersteller kritisiert. Greenpeace fordert ein Verbot von Biosprit. "Frisches Öl wie Rapsöl gehören nicht in den Tank, sondern auf den Esstisch", erklärt Martin Hofstetter, Greenpeace-Experte für Landwirtschaft. Zwölf Liter Rapsöl landeten pro Kopf und Jahr im Autosprit - eine Menge, die den Jahresverbrauch fürs Kochen und als Lebensmittel abdecke.

Inzwischen bekommen die Umweltschützer Unterstützung von Teilen der Bundesregierung. Landwirtschaftsminister Cem Özdemir spricht sich dafür aus, weniger Getreide für Biosprit zu verwenden. "Es ist nicht nachhaltig, Weizen und Mais in den Tank zu schütten", so der Grünen-Politiker. Auch Bundesentwicklungshilfeministerin Svenja Schulze von der SPD plädiert, eine Reduzierung des Mais- und Getreideanteils im Biosprit zu erwägen. Im Tank seien Mais und Getreide in diesen schwierigen Zeiten am schlechtesten aufgehoben.

Biokraftstoff-Hersteller wehren sich

Gegen eine Reduzierung oder gar vorübergehende Einstellung des Biosprits wehren sich die Hersteller. "Der Einsatz von Biokraftstoffen sollte nicht gesetzlich eingeschränkt werden", heißt es vom Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie. Der Markt reagiere auf den Krieg, was seine Wirkung habe. Aufgrund der hohen Rohstoffpreise drosselten verschiedene Biodiesel-Hersteller schon jetzt ihre Produktion. "Für Produzenten lohnt es sich derzeit kaum zu produzieren", sagt der Verbandssprecher.

Der Verband der deutschen Bioethanolwirtschaft verweist darauf, dass lediglich vier Prozent der Getreideerntemenge in Deutschland für Biethanol diene. "Nur zwei Prozent der Ackerfläche wird für die Bioethanol-Produktion benötigt", sagt Geschäftsführer Walter. Zudem sei das eingesetzte Getreide allenfalls für Futter, nicht aber fürs Essen verwendbar.

Hersteller liefern auch Futtermittel und Chemieprodukte

Die Branche argumentiert zudem, dass mit sie mit E10 gleichzeitig zur Ernährung und Industrieproduktion beitrage. Die Hersteller lieferten nicht nur Energie, sondern auch Futtermittel. So werde von den Ölmüllern aus dem Raps für die Biodiesel-Beimischung nur zu 40 Prozent Rapsöl gewonnen. Die verbleibenden 60 Prozent Pressrückstand seien eiweißreiches Tierfuttermittel, zum Beispiel für Milchkühe und Geflügel. Diese ersetzten Futtermittel-Importe.

Stefan Walter vom Verband der Bioethanolwirtschaft nennt als weitere Koppelprodukte der Biokraftstoff-Produktion unter anderem Basischemikalien und organischen Dünger. Bei der Biodiesel-Herstellung entsteht zum Beispiel Glycerin, das in Desinfektionsmitteln, Medikamenten, Waschmitteln und Kosmetika enthalten ist.

Über dieses Thema berichtete das Verbrauchermagazin Markt im WDR am 07. Juli 2021 um 21:00 Uhr.