Bio-Siegel auf Avocados

Staatliches Siegel wird 20 Als Bio in die Breite ging

Stand: 22.06.2021 04:13 Uhr

Bio-Lebensmittel - vor 20 Jahren ein absolutes Nischenprodukt, heute Alltag. Dabei half auch das staatliche Bio-Siegel. Es ist eine Erfolgsgeschichte mit Schattenseiten.

Von Sandra Biegger,  SWR  

"Da bin ich auch heute noch stolz drauf, das war und ist mein Baby", sagt die Grünen-Politikerin Renate Künast. Sie hat das Bio-Siegel vor 20 Jahren vorgestellt - in ihrer damaligen Funktion als Bundesministerin für Verbraucherschutz. Entwickelt hatte Künast das erste staatliche Bio-Siegel in Deutschland mit dem Lebensmittelhandel, dem Bauernverband und den Öko-Anbauverbänden Bioland und Demeter.

Sandra Biegger

Beantragen können es seither Produzenten, die beim Anbau ihrer Waren unter anderem auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel verzichten, außerdem ist der Einsatz von Gentechnik verboten. Unabhängig davon, wo auf der Welt die Produkte angebaut oder hergestellt werden.

Künast sprach bei der Präsentation vom "magischen grünen Sechseck", das den Biolandbau pushen sollte und von einem "wichtigen Signal der Agrarwende". Sie nannte dann auch gleich ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2010 sollte der Anteil des Öko-Landbaus an der deutschen Landwirtschaft 20 Prozent ausmachen. Ein Ziel, soviel sei schon mal vorweggenommen, das nicht erreicht wurde.

Raus aus der Ökoschlappen- und Henna-Ecke

Mehr Öko-Landbau, das war klar, gibt es nur, wenn die Kunden mehr Bio-Lebensmitteln verlangen. Deshalb wurde die Nachfrage gezielt angekurbelt. Und zwar vor allem bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern, die eher in Supermärkten und Discountern als in Bioläden und Reformhäusern zu finden waren. Bio-Lebensmittel sollten raus aus der Ökoschlappen- und Henna-Ecke, rein in die Mitte der Gesellschaft.

Künast umschreibt das heute so: "Wir wollten Bio in die Breite tragen". Das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz schaltete unter anderem Anzeigen für das neue staatliche Bio-Siegel in Frauenzeitschriften, Bio-Landwirte empfingen Kinder auf ihren Höfen, Spitzenköchinnen und Spitzenköche griffen werbewirksam zu Bioprodukten. Und ein eigenes Infomobil tourte durch Deutschland, um das neue staatliche Siegel bekannt zu machen.

Reaktion auf Lebensmittelskandale

Der Zeitpunkt für die großangelegte staatliche Bio-Charmeoffensive war vor 20 Jahren ideal: Der BSE-Skandal und verstörende Bilder aus Schlachthöfen und Ställen hatten bei vielen zu einem Umdenken geführt. Immer mehr Menschen wollten nachhaltig hergestellte Lebensmittel kaufen - drohten aber im Dickicht der zu diesem Zeitpunkt mehr als 100 verschiedenen Bio-Labels den Überblick zu verlieren.

Orientierung für den Verbraucher

Das staatliche Bio-Siegel sollte Abhilfe schaffen. Den Initiatoren war wichtig, dass die Menschen es auf den ersten Blick erkennen. Sie sollten auch beim hektischsten Einkauf im überfüllten Supermarkt und mit quengelnden Kindern im Schlepptau vor einem überquellenden Regal schnell Bio-Ware von konventionell hergestellten Lebensmitteln unterscheiden können. Unabhängig davon, ob die Produkte auch noch Verbandssiegel wie zum Beispiel von Demeter oder Bioland tragen.

Das Ziel wurde erreicht: Nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung erkennen heute rund 97 Prozent der Deutschen das grüne Sechseck als Zeichen für Bio-Lebensmittel. Und diese sind auch beliebt wie nie. Heute wird in Deutschland mehr Bio verkauft als je zuvor. Nach Angaben des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) stieg der Umsatz der Branche im vergangenen Jahr um mehr als 20 Prozent auf knapp 15 Milliarden Euro.

Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat den Wunsch nach umweltschonend produziertem Essen und Trinken offensichtlich nochmal verstärkt. Die meisten Bio-Produkte wandern inzwischen in Discountern und Supermärkten in die Einkaufstaschen. Vor 20 Jahren war das noch undenkbar.

Kritik an staatlichem Bio-Siegel

Menschen, die nach wie vor in erster Linie in Biomärkten oder bei Biobauern einkaufen kritisieren oft, dass die Anforderungen des staatlichen Siegels zu gering seien. Und tatsächlich muss der, der seine Produkte etwa mit dem Zeichen von Demeter oder Bioland versehen will, strengere Öko-Anforderungen beim Anbau und der Verarbeitung seiner Produkte erfüllen. Dafür sind diese dann aber auch meist deutlich teurer.

Dominik Bartoschek aus der SWR-Umweltredaktion sagt dazu: "Klar dürfen auch Produkte das staatliche Siegel tragen, die eher 'Bio light' sind. Das kann man kritisieren. Oder auch positiv sehen: weil es Bio für mehr Menschen bezahlbar macht." Auch die Vergabe des staatlichen Bio-Siegels sei an feste Kriterien geknüpft. Ob die Betriebe diese einhalten, werde kontrolliert. "Das kann Betrug und Missbrauch natürlich nicht ausschließen. Aber im Großen und Ganzen funktioniert es, das Siegel ist vertrauenswürdig", betont Bartoschek.

Viele Produkte werden importiert

Nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft tragen derzeit fast 92.000 Produkte das staatliche deutsche Bio-Siegel. Nicht alle davon werden auch tatsächlich in Deutschland angebaut oder hergestellt. Denn: Auch wenn die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich gestiegen ist, zu einem Boom beim Ökolandbau hat das nicht geführt. Derzeit werden gerade mal rund zehn Prozent der Anbaufläche in Deutschland gemäß den Bio-Kriterien bewirtschaftet. Viel weniger, als man sich bei Einführung des Bio-Siegels erhofft hatte.

Und so werden in deutschen Supermärkten Bio-Karotten aus Ägypten, Bio-Ingwer aus China und Bio-Äpfel aus Südafrika angeboten. Die Meinungen darüber, ob das wegen der langen Transportwege tatsächlich ökologisch sinnvoll ist, gehen auseinander.

Bei Fleisch spielt Bio kaum eine Rolle

Außerdem spielt Bio ausgerechnet bei der Fleischproduktion nach wie vor so gut wie keine Rolle. Allen Horrorbildern aus überfüllten Mastbetrieben zum Trotz. Beim Geflügel liegt der Bio-Marktanteil beispielsweise gerade mal bei 2,6 Prozent. Hinzu kommt, dass Bio-Fleisch auch nicht immer das hält, was sich Verbraucher davon versprechen. Ein normales Schwein beispielsweise hat nur circa ein Quadratmeter Platz, ein Bio-Schwein gerade mal 0,3 Quadratmeter mehr plus mindestens einen Quadratmeter Auslauf. Aus Sicht von Tierschützern ist das viel zu wenig.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. Juni 2021 um 09:37 Uhr.

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KOMMENTARE

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Oppenheim 22.06.2021 • 15:27 Uhr

Biosiegel

Man schaue sich die Definition und Bewertungskriterien an, nach denen es vergeben wird. Dann weiß man ungefähr, was dahinter steckt. Bio ist für mich nur bedingt eine Auszeichnung und eher ein Hilfsmittel zur Orientierung. Besser ist für mich, man fragt sich bei den Produkten und Waren, wo sie her kommen, wie sie produziert werden, wie die Arbeitsbedingungen sind. Und ob sie saisonal oder künstlich saisonal gehalten werden. Dann kann man viel zu Umweltschutz, ordentlichem Anbau und geldwerten Angeboten beitragen. Erdbeere im Dezember ist ein NoGo wie die Tomate. Ob Bio oder nicht- die Herstellung konventioneller Waren kann auch gut und nachhaltig sein.