Ölpumpen

Folgen des Shell-Urteils "Big Oil" bangt um seine Existenz

Stand: 28.05.2021 18:29 Uhr

Lange galten sie als unverwundbar, nun müssen die Ölmultis um ihre Zukunft bangen. Nach dem Klima-Urteil gegen Shell stehen "Big Oil" und andere Konzerne, die viel CO2 ausstoßen, unter Zugzwang.

von Notker Blechner, tagesschau.de

Was Greenpeace und anderen Umweltaktivisten jahrelang nicht gelang, hat nun ein Den Haager Bezirksgericht geschafft: Es zwingt den Ölmulti Shell in die Knie. Medien, Klimaschützer und Rechtsexperten sprachen von einem "historischen Tag", einer "Zeitenwende" oder gar einem Paradigmenwechsel in der Rechtsprechung.

Shell muss CO2-Emissionen bis 2030 drastischer senken

Erstmals hat das niederländische Gericht ein Unternehmen dazu verpflichtet, die Vorgaben des Pariser Klimaschutzabkommens einzuhalten. Es verdonnert den Ölriesen Shell zu strengeren Klimazielen. Bis 2030 müsse der Konzern seine Emissionen um 45 Prozent gegenüber dem Niveau reduzieren. Bisher hatte Shell eine Reduktion von 20 Prozent vorgesehen.

Die Entscheidung ist ein Paukenschlag. Zwar geht Shell in Berufung; aber sollte das Urteil Bestand haben, muss der niederländisch-britische Ölriese mit der Muschel im Logo zahlreiche Öl- und Gasfelder verkaufen. Noch erzielt Shell fast seinen gesamten Umsatz mit fossilen Brennstoffen.

Der Ölmulti fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Shell investiere schon jetzt Milliarden in erneuerbare Energien und wolle dieses Geschäft ausbauen, betonte ein Sprecher. Auf dem jüngsten St. Gallen Symposium erläuterte der Deutschland-Chef Fabian Ziegler die ehrgeizigen Klimaziele auf einem Podium mit Energieexperten und Top-Managern der Ökostrom-Anbieter. "Wir werden in den nächsten Jahrzehnten eine ganz andere Firma", versprach er. Bis 2050 will der Konzern klimaneutral werden und sein Geld mit Wasserstoff, Ökostrom, Ladesäulen und E-Fuels verdienen. "Wir wollen führender Anbieter von grünem Wasserstoff für Industrie und Transport werden", verkündete Ziegler.

Shell-Chef: Erst muss sich die Nachfrage ändern

Es sei nicht die Aufgabe von Shell, Energie zu rationieren, betonte Konzernchef Ben van Beurden kürzlich in einem Interview. Um den Klimawandel zu bekämpfen, müsse die Nachfrage verändert werden. Shell könne nicht dem gesellschaftlichen Wandel vorauseilen, "weil wir dann ganz schnell weg vom Fenster sind".

Müsste der Konzern Öl- und Gasfelder verkaufen, würden andere Konkurrenten diese übernehmen. Das Gericht ließ diese Argumentation nicht gelten. Auch andere Unternehmen hätten dieselbe Verpflichtung wie Shell.

Druck auf "Big Oil" und Investoren steigt

Tatsächlich könnte das Shell-Urteil eine Art Schneeball-Effekt haben und ganz "Big Oil" unter Druck setzen. Anwalt Roger Cox, der die Klimaschützer im Prozess in Den Haag vertrat, erwartet nun, dass Investoren und Aktionäre Druck auf die Vorstände ausüben, das Energiesystem zu verändern.

Das zeigte sich schon bei der Hauptversammlung von des US-Ölriesen Exxon Mobil. Aktivistische Investoren, die auf eine Abkehr vom Ölgeschäft drängen, setzten sich durch. Sie brachten sich mit zwei ihrer Kandidaten in den vierköpfigen Aufsichtsrat. Diese sollen sich für mehr Nachhaltigkeit einsetzen.

DIW: Urteil wird Nachahmer finden

Nach Einschätzung von Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat das Urteil Signalwirkung. "Es wird Nachahmer überall auf der Welt finden", prophezeit sie gegenüber tagesschau.de. Fossile Unternehmen müssten nun umsteuern - raus aus den fossilen, rein in die erneuerbaren Energiequellen.

Es droht eine riesige Klagewelle. Schon jetzt sind weltweit gut 1700 Klima-Klagen anhängig. 40 davon richten sich gegen Energiekonzerne. So hat ein peruanischer Bauer aufgrund der Umweltfolgen des Kohlestroms in seiner Heimat RWE verklagt. "Das Oberlandesgericht Hamm hat erkennen lassen, dass es die Klage für begründbar hält", sagt der Erlanger Umweltrechtsexperte, Professor Bernhard Wegener.

Claudia Kemfert im Portrait. | picture alliance

Laut DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert hat das Urteil gegen Shell Signalwirkung. Bild: picture alliance

"Verunsicherung in der Industrie ist groß"

Der Wissenschaftler sieht die Klimajustiz kritisch. Es gehe ein guter Teil an rechtsstaatlicher Verlässlichkeit verloren, meint er. "Ein Unternehmen wird vor eine erhebliche neue Forderung gestellt, obwohl es rein rechtlich im legalen Rahmen arbeitet", sagte er zu tagesschau.de. Folglich sei jetzt die Verunsicherung in vielen Konzernen groß.

Rückenwind bekommen die Umweltschützer und die Klimajustiz nun auch noch von der Internationalen Energieagentur (IEA). Sie forderte kürzlich "Big Oil" dazu auf, kein Geld mehr in die Erschließung neuer Öl- und Gasvorkommen zu stecken. In 20 Jahren werde die globale Energieversorgung fast ausschließlich auf erneuerbaren Quellen basieren. "Wir sind am Beginn des Endes des fossilen Zeitalters", sagt Energieexpertin Kemfert. Darin lägen auch enorme wirtschaftliche Chancen - von Wind- und Solarstrom, Energieefizienz-Technologien bis hin zu Elektromobilität und grünem Wasserstoff.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Mai 2021 um 06:51 Uhr.