Auf einer Theaterbühne sind junge Männer auf Schultischen zu sehen - der "Lehrer" links ist ihnen zugewandt. | dpa

Beruf Schauspieler Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Stand: 28.11.2021 03:10 Uhr

Freie Schauspieler leiden besonders unter Corona-Einschränkungen. Urlaubsgeld, Krankengeld, Ausfallhonorar - all das gibt es für die meisten nicht. Trotzdem bleibt es ein Traumberuf für viele.

Von Leonie Thim, BR

Es ist eines der letzten Male, dass Benedikt Kosian als Student in die Theaterakademie August Everding in München geht. Vier Jahre lang war das Gebäude hinter dem Prinzregententheater sein zweites Zuhause, hier hat er Schauspiel studiert. Jetzt steht der 28-Jährige kurz vor seinem Abschluss.

Schauspieler sein, auf der Bühne oder vor der Kamera stehen, das ist der Traum vieler junger Menschen. Doch Wunsch und Wirklichkeit stimmen nicht für jeden in dieser Branche überein. Neben den schönen Momenten wie Theaterpremieren und roten Teppichen bringt der Beruf auch Herausforderungen mit sich. Eine der ersten ist der Start in die Karriere: Wie werde ich Schauspieler?  

Erst Bachelor, dann Schauspielschule 

Auch Kosian hat bereits als Jugendlicher mit dem Beruf geliebäugelt. Direkt nach dem Abitur fühlte er sich nicht reif genug für ein Schauspielstudium und belegte zunächst die Fächer Kommunikation und Theaterwissenschaften in Wien. Das Thema, Schauspieler zu werden, ließ ihn nicht los - und so traute er sich doch noch, sich an der Theaterakademie August Everding in München zu bewerben.  

Bis zu 1000 junge Menschen sprechen alleine dort jedes Jahr für den staatlichen Studiengang Schauspiel vor. Jedes Wintersemester werden zehn bis 20 Studentinnen und Studenten angenommen. Einer von ihnen war vor vier Jahren Benedikt Kosian. "Dass es so gut laufen wird, damit habe ich nicht gerechnet", erinnert er sich.

Früh beginnen mit dem Schauspielern 

Wer Schauspieler werden möchte, sollte schon früh ins Theater gehen, auch selber in Jugendclubs schauspielern, empfiehlt Jochen Schölch, Leiter des Studiengangs Schauspiel an der Theaterakademie August Everding. Es gehe darum, schon als Kind oder Jugendlicher Spielerfahrung zu sammeln.

Außerdem empfiehlt er das Schauspiel-Studium an einer staatlichen Hochschule. Der Studiengang sei kostenlos und es gebe einen "Eins-zu-Eins-Unterricht": pro Student ein Ausbilder. Am Ende erhalten die Absolventinnen und Absolventen einen staatlichen Abschluss. "Wir können es nicht garantieren, dass ein Jobangebot danach folgt. Aber die Wahrscheinlichkeit, wenn man an einer staatlichen Schule studiert hat, ist doch sehr hoch", sagt Schölch. Denn die knapp 15 staatlichen Hochschulen und die rund 140 öffentlich getragenen Theater sind bundesweit gut vernetzt. Alleine dadurch steige die Chance, nach dem Studium engagiert zu werden.

Kaum Routine im Arbeitsalltag 

Für den Weg in die Schauspielerei gibt es verschiedene Möglichkeiten: Man versucht den Quereinstieg, bewirbt sich auf einer staatlichen Schauspielschule oder geht auf eine private Schauspielschule - so wie es Friederike Sipp aus München getan hat. Immer wieder in neue Rollen schlüpfen - auf der Bühne, vor der Kamera, vor dem Mikrofon als Synchronsprecherin: Fast jeder Arbeitstag sieht anders aus.

Ihren Alltag beschreibt sie so: "Be prepared. Also, mach deinen Text. Achte auf dich und deinen Körper. Ganz wichtig - man muss funktionieren, einfach", erklärt sie. Wenn sie sich mit Freunden treffe, "die den sibirischen Bluthusten mit sich bringen und einen einfach mal umarmen wollen, weil es für sie nicht so schlimm ist, ist das für mich ein Riesendrama, zum Beispiel." 

Kaum soziale Leistungen, variable Beschäftigungsverhältnisse

Denn fallen Schauspielerinnen und Schauspieler aus, weil sie krank sind - eine Erkältung oder keine Stimme mehr haben -, dann gibt es keine Lohnfortzahlung, kein Kranken- und kein Urlaubsgeld. Zumindest für die meisten nicht. Denn festangestellte Schauspieler gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Jahr 2019 bundesweit rund 1860. Wie viele es insgesamt gibt, ist schwer zu beziffern, weil der Berufstitel nicht geschützt ist.

Neben den wenigen festangestellten Künstlern sind andere zum Beispiel befristet beschäftigt, selbstständig tätig oder unständig beschäftigt, erklärt Irina Wanka, Vorsitzende des Interessenverbands Deutscher Schauspieler (IDS). Als unständig beschäftigt gelten Menschen, die überwiegend bei unterschiedlichen Arbeitgebern weniger als eine Woche im Monat arbeiten. Seit Jahrzehnten setzt sich Wanka für angemessene Gagen und soziale Absicherung von Schauspielerinnen und Schauspielern ein.

Die unregelmäßige Beschäftigung vieler Künstler sei eine Herausforderung, sagt die Münchnerin. Denn Schauspieler erhalten Geld für einen Drehtag oder einen Auftritt im Theater. Proben werden meist nicht vergütet, heißt es vom Verband. Außerdem fehle die soziale Absicherung. Wer nicht die Mindestzahl an Arbeitstagen im Monat oder Jahr arbeitet, sei nicht durchgehend kranken- und oft nicht arbeitslosenversichert, erklärt Wanka. Das sei "ein fortwährender Skandal".

Corona-Hilfen auch für Freischaffende

In der Corona-Pandemie leiden manche freien Künstlerinnen und Künstler zusätzlich. Anfang des Jahres hatte sich die Bundesregierung nach langem Ringen dazu entschieden, dass auch kurzzeitig Beschäftigte in der Kulturszene Corona-Hilfen beantragen können. Das Angebot wurde genutzt. Allein in Bayern haben Schauspielerinnen und Schauspieler bis Mitte November rund 6100 Anträge auf Corona-Hilfen gestellt. Laut bayerischem Wirtschaftsministerium wurden mehr als 24 Millionen Euro Unterstützung ausgezahlt, auch an sogenannte unständig Beschäftigte. 

Der Verband IDS fordert von der Politik, dass auch freie Schauspieler und Schauspielerinnen auf demselben Niveau wie ganz normal Festangestellte sozial abgesichert werden müssten. Das heißt, sie müssten auch bei unregelmäßigen Beschäftigungen von jeweils kurzer Dauer adäquat in das System der Arbeitslosenversicherung integriert und auch für diesen Fall durchgehend sozialversichert sein, sagt Verbandsvertreterin Wanka. 

Das zuständige Bundesministerium für Arbeit und Soziales verweist auf eine Sonderregelung der Arbeitslosenversicherung für unständig Beschäftigte, die das Problem abfedern solle. Diese Regelung endet laut Ministerium zum 31. Dezember 2022. Danach werde von der neuen Regierung zu entscheiden sein, wie die soziale Sicherung für freie Künstler weiter gestaltet werden soll. 

"Toller Theaterstandort"

Wenn Benedikt Kosian seinen Abschluss in Schauspiel gemacht hat, möchte er schauspielern - im Film und auf der Bühne - und Kulturmanagement studieren. Sein Ziel ist, die Arbeitsbedingungen für Schauspielerinnen in Zukunft aktiv mitzugestalten: Leitungsteams in Theatern anstatt eines Intendanten als alleinigen Entscheider, Gagen oberhalb des Mindestlohns, sozialere Arbeitszeiten - dafür setzt sich Kosian bereits jetzt im gemeinnützigen Verein "Ensemble Netzwerk" ein.  

"Wir haben zurecht einen tollen Theaterstandort Deutschland. Aber es kann nicht angehen, dass Leute für den Mindestlohn arbeiten zu Arbeitszeiten, die sowieso schon schwierig sind, und darüber hinaus keinen Ausgleich kriegen für Feiertage und so weiter", sagt Kosian. Da sei noch sehr viel Aufholpotenzial vorhanden.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 24. November 2021 um 07:18 Uhr.