Ratingagenturen

Konzept der Bertelsmann-Stiftung Ratingagentur - mal anders

Stand: 17.04.2012 11:41 Uhr

Eine starke Gegenstimme zu den drei großen, marktbeherrschenden US-Ratingagenturen - das war ursprünglich der Plan der Europäer. Doch die Gründung einer europäischen Ratingagentur droht zu scheitern. Es gebe zu wenig Investoren, musste die Unternehmensberatung Roland Berger als treibende Kraft jüngst einräumen.

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Nun hat die Bertelsmann-Stiftung ein Konzept vorgelegt, das auf einer anderen Finanzierungsgrundlage basiert. Geplant ist demnach eine nicht gewinnorientiert arbeitende Ratingagentur INCRA (International Non-Profit Credit Rating Agency). Sie soll von einem Fonds im Volumen von 400 Millionen Dollar (306 Mio Euro) finanziert werden, aus dessen Ausschüttungen die laufenden Kosten getragen werden. Beteiligen können sich daran Regierungen, Unternehmen, Stiftungen und Privatleute.

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Nicht gewinnorientiert: Das Bertelsmann-Konzept für eine unabhängige Ratingagentur unterscheidet sich von früheren Vorschlägen.

INCRA soll sich ausschließlich auf Länderratings und Benotungen internationaler Organisationen beschränken. Die US-Konkurrenten würden diesen Bereich eher als Imagefaktor betrachten und ihre Ressourcen auf die Bewertungen von Unternehmenspapieren konzentrieren, mit denen sie auch ihr Geld verdienen, heißt es bei der Bertelsmann-Stiftung. Die INCRA-Ratings sollen nichts kosten.

"Fragwürdige Beurteilungen der Bonität von Staaten haben erheblich zu der jüngsten Finanzkrise beigetragen", betonte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Gunter Thielen, in Gütersloh. "Wir benötigen dringend eine zusätzliche, unabhängige Institution für die Bewertung von Länderrisiken, und wir müssen die Qualität der Länderratings verbessern."

"Sicherheitspuffer" soll Interessenkonflikte ausschließen

Die Bundesregierung hatte zuvor erneut betont, dass sie staatliche Beteiligungen an neuen Ratingagenturen ablehnt, da die Märkte dies als politische Einflussnahme bewerten würden. Die Bertelsmann-Stiftung will dieser Kritik mit einem "Sicherheitspuffer" begegnen, erläuterte die zuständige Managerin in Washington, Annette Heuser. Ein Gremium, das zwischen Geldgebern und operativem Geschäft angesiedelt ist, solle solche "Interessenkonflikte möglichst ausschließen". Mitglieder könnten unter anderem auch Wissenschaftler und Verbraucherschützer sein.

Überzeugungsarbeit

Auf eigene Faust will die Stiftung, die die Mehrheit am Medienkonzern Bertelsmann hält, das Projekt jedoch nicht in die Tat umsetzen. Vielmehr will sie nun die G20-Gruppe der Industrie- und Schwellenländer von dem Vorschlag überzeugen. "Jetzt ist es an den Staats- und Regierungschefs, dies zu diskutieren", sagte Heuser. Ende der Woche kommen in Washington auf Einladung der Stiftung Politiker und Wissenschaftler zusammen, um INCRA und andere internationale Themen zu erörtern.