Die Brüder Jonas und Simon Wäler sprechen mit der Ausstellerin Jasmin Srilan, Marketing-Assistentin bei der Job- und Ausbildungsmesse in Hamburg | picture alliance/dpa

Krise des Ausbildungsmarkts Wo die Azubis am meisten fehlen

Stand: 08.06.2021 14:09 Uhr

Viel weniger Lehrstellen, viel weniger Bewerber - Corona hat der Ausbildungsmarkt massiv ausgedünnt. Was Experten alarmiert: Stark betroffen sind Berufe, in denen schon jetzt Fachkräfte fehlen.

Von Philipp Reichert, SWR

Seit Beginn der Corona-Pandemie werden deutlich weniger Ausbildungsplätze angeboten als zuvor. Das zeigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, die der SWR ausgewertet hat. Demnach meldeten Betriebe deutschlandweit von Oktober 2020 bis Ende April, also nach mehr als der Hälfte des laufenden Bewerbungsjahres, nur rund 430.000 Lehrstellen. Das sind etwa 60.000 weniger als im Vergleichszeitraum 2018/2019, also vor der Pandemie.

Philipp Reichert

Damit wurde bis Ende April etwa jede achte Ausbildungsstelle im Land nicht mehr angeboten. Auch die Zahl der Bewerber ging im gleichen Zeitraum deutlich zurück: von rund 418.000 auf 345.000 - ein Rückgang um etwa 18 Prozent.

Gesundheitsbranche und Gastgewerbe vor allem betroffen

Besonders starke Einbrüche gab es demnach im in der Tourismusbranche und im Hotel- und Gaststättenbereich. Dort wurde bis Ende April im Vergleich zu 2019 im Schnitt etwa jede dritte Ausbildungsstelle nicht mehr angeboten. Aber auch in großen Berufsgruppen des Handwerks, etwa in der Lebensmittelproduktion, der Metallbranche und in einigen technischen Berufen, wurden tausende Ausbildungsstellen weniger gemeldet. Die SWR-Datenanalyse zeigt, dass von der Entwicklung alle Bundesländer betroffen sind - wenn auch unterschiedlich stark.

Junge Menschen verunsichert

Die Bundesagentur für Arbeit führt die Rückgänge bei den Ausbildungsstellen und den Bewerbern in erster Linie auf die Corona-Krise zurück. "Da spiegeln sich vor allem die Pandemieeinschränkungen und die damit verbundenen wirtschaftlichen Unsicherheiten wider", heißt es auf SWR-Anfrage. Auch junge Menschen seien verunsichert, weil persönliche Beratungsgespräche in der Pandemie schwieriger gewesen und beispielsweise Ausbildungsmessen ausgefallen seien.

"Wir vermuten darüber hinaus, dass sich ein Teil der jungen Menschen in der aktuellen Situation vom dualen Ausbildungsmarkt zurückzieht und von vornherein auf Alternativen wie weiteren Schulbesuch oder gegebenenfalls ein Studium ausweicht", heißt es von der Bundesagentur für Arbeit. Neben der Corona-Krise hätten aber auch Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, etwa in der Automobil- und Zulieferindustrie, sowie der demographische Wandel zu der Entwicklung beigetragen.

Lässt sich die Lücke noch schließen?

Für Arbeitsmarktexperten wie Stefan Sell von der Hochschule Koblenz ist die Entwicklung alarmierend. "Das sind enorm starke Einbrüche, die sind außergewöhnlich hoch." Sell befürchtet deshalb langfristige Folgen, sollten im neuen Ausbildungsjahr im Herbst entsprechend weniger junge Menschen eine Lehre beginnen. "Verluste in dieser Größenordnung konnten nie wieder ausgeglichen werden." Das hätten vergangene Krisen gezeigt. "Wir müssen leider damit rechnen, dass das Niveau an Ausbildungsstellen insgesamt deutlich niedriger bleiben wird als vor der Corona-Krise", so Sell.

Besonders problematisch ist aus Sicht von Arbeitsmarktexperte Sell, dass auch solche Berufsgruppen betroffen sind, in denen Betriebe schon jetzt überdurchschnittlich lange brauchen, um offene Stellen zu besetzen. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung suchen beispielsweise Betriebe im Bereich Mechatronik und in einigen Technik- und Gesundheitsberufen besonders lange nach Fachkräften. "In diesen Berufen haben wir schon vor Corona zu wenig ausgebildet", so Sell.

Kritik an "Förderprogrämmchen" der Regierung

Die SWR-Datenanalyse zeigt: Ausgerechnet in diesen Berufsgruppen gibt es jetzt auch noch deutliche Einbrüche bei den Bewerberzahlen. Mindestens jeder zehnte Bewerber ist dort im Vergleich zur Zeit vor Corona weggebrochen. Arbeitsmarktexperte Sell sieht die deutlichen Bewerberrückgänge in den Berufen mit Fachkräfteengpässen höchst kritisch. "In einigen dieser Bereiche wie in den Gesundheitsberufen werden wir in erhebliche Mangelsituationen hineinlaufen", so Sell.

Das zuständige Bundesbildungsministerium teilte auf SWR-Anfrage mit, man nehme die Rückgänge auf dem Ausbildungsmarkt sehr ernst. Deshalb habe man im vergangenen Sommer ein Programm zur Sicherung von Ausbildungsplätzen beschlossen, das beispielsweise Ausbildungs- und Übernahmeprämien sowie Zuschüsse zur Ausbildungs- und Ausbildervergütung vorsehe. 700 Millionen Euro seien dafür für dieses und das kommende Jahr vorgesehen.

Sell kritisiert indes, dass das Programm nicht ausreiche, um die Rückgänge auf dem Ausbildungsmarkt abzufedern. "Das ist ein Förderprogrämmchen, man hätte klarere Signale setzen müssen." Das Programm sei außerdem zu spät gekommen und für Betriebe zu kompliziert.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 08. Juni 2021 um 06:06 Uhr.