Fordwerk Saarlouis (Archiv Januar 2019) | Bildquelle: imago/Becker&Bredel

Autoindustrie im Saarland Fiesta war einmal

Stand: 17.11.2020 16:51 Uhr

Das Saarland gehört zu den wichtigen Autoregionen. Und die Probleme der deutschen Vorzeigebranche werden hier sehr deutlich. Doch nun gibt es neue Hoffnung.

Von Wolfgang Wirtz-Nentwig, SR

Es hätte so schön werden können: Im Juni 2020 wollte der Ford-Konzern zum 50. Geburtstag seines Werks im saarländischen Saarlouis eine große Fete steigen lassen. Das wäre auch ein perfekter Zeitpunkt gewesen, die Belegschaft und die Öffentlichkeit über die Zukunftspläne für den Standort zu informieren. Doch die Corona-Pandemie hat dem Autobauer einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Die Party fiel aus, und den Kolleginnen und Kollegen am Band war ohnehin schon länger nicht mehr zum Feiern zumute.

Nur noch ein Modell läuft vom Band

Denn die rund 5000 Frauen und Männer - plus 2000 weitere Beschäftigte bei den Zulieferern - wissen bis heute nicht, wie es mit ihrem Werk weitergeht. 2024 soll das aktuelle Focus-Modell auslaufen. Und der Focus ist das aktuell einzige Modell, das noch in Saarlouis gebaut wird. Früher wurden hier auch zusätzliche Baureihen aufgelegt. Ganz am Anfang der Capri, später der Fiesta oder zuletzt der SUV Kuga.

Doch das ist vorbei, und ohnehin ist fraglich, ob eher tiefliegende Kompaktwagen mit Verbrennungsmotor die Zukunft der Autobranche darstellen. Denn es kommen gleich zwei Trends zusammen, die dagegen sprechen: Der einst belächelte US-Elektro-Pionier Tesla hat die ganze Branche technologisch aufgeschreckt und ist gerade in Deutschland weiter auf dem Vormarsch. Und gleichzeitig steigt das Interesse der Kunden an größeren Autos mit halbhohem Einstieg.

Sorgen in der Region

Kein Wunder, dass in Saarlouis die Angst umgeht, mit der ausschließlichen Fokussierung auf das gleichnamige Modell den Anschluss zu verpassen. Bei den langen Vorlaufzeiten für neue Baureihen und erst recht für neue Technologien müsste längst klar sein, wie es nach 2024 weitergeht. Doch seit Monaten beißen Betriebsrat und IG Metall bei der Geschäftsleitung auf Granit. Trotz zahlreicher Anläufe und eigener Vorschläge gibt es keine verbindliche Auskunft und noch nicht einmal Gesprächstermine.

So schießen Spekulationen ins Kraut: Will die Unternehmensführung den Druck auf die Politik erhöhen, noch weitere Millionen zur Förderung des technologischen Umbaus lockerzumachen? Lässt man die vier europäischen Produktionsstätten bewusst schmoren, um die Mitarbeitenden gegeneinander auszuspielen? Oder wissen die Chefs selbst noch nicht, wie es mit dem Jubiläumsstandort weitergeht?

In der letzten Sparrunde wurde bereits der parallel vom Band laufende Minivan C-Max ersatzlos gestrichen und der bisherige Rund-um-die-Uhr-Betrieb auf zwei Schichten reduziert. 1600 Arbeitsplätze gingen verloren. Die Angst geht über die aktuelle Corona-Krise hinaus - und sie verbreitet sich in der ganzen Region. Bei der aktuellen Infratest-Dimap-Umfrage im Auftrag des SR machten sich zwei Drittel der Bevölkerung Sorgen wegen der wirtschaftlichen Lage.

Viele Zuliefererwerke im Dreiländereck

Ford Deutschland will bei der Elektrifizierung seiner Flotte mit VW kooperieren. Von vier künftigen Modellen ist die Rede, zum Teil als Hybrid, zum Teil komplett elektrisch. Aber selbst wenn es für den Standort Saarlouis doch noch glimpflich ausginge: So wie in den Glanzzeiten der 50-jährigen Geschichte wird es in Zukunft kaum noch einmal werden.

Elektroautos haben eine deutlich geringere Fertigungstiefe als die bisherigen Modelle. Sie brauchen keine komplexen Motoren, kein aufwändiges Getriebe, keinen Anlasser und keine Auspuffanlage. Die Bodengruppen mit der kompletten Batterie- und Antriebseinheit können viel stärker als heute modular in Großserien gebaut werden. Bei Karosserie und Innenraum gibt es mehr Platz und Gestaltungsfreiheit, aber man wird deutlich weniger Menschen brauchen, um die gleiche Menge an Fahrzeugen zu montieren. Die Wertschöpfung wird sich zu einem guten Teil in Richtung der Batterie- und Modul-Hersteller verschieben.

Und das ist für die Region im Dreiländereck ein noch größeres Problem. Denn neben Ford sind dort auch zahlreiche Zuliefererwerke angesiedelt, die über lange Jahre das industrielle Rückgrat der Saar-Wirtschaft bildeten. ZF baut mit fast 9000 Leuten Automatik-Getriebe, Bosch fertigt Einspritzsysteme für Dieselmotoren, auch die Saarstahl AG ist ein wichtiger Player im Automotive-Sektor - um nur drei Beispiele zu nennen. Es gibt wichtige Forschungsinstitute an den Hochschulen und Fachkongresse mit hohem Branchenrenommee. Insgesamt hängen rund 44.000 Arbeitsplätze am Auto. Auch in mancher vermeintlich bayerischen Limousine steckt ein erheblicher Anteil Saarland drin.

Die Belegschaft des Saarlouiser Ford-Werks hat in 50 Jahren insgesamt 15 Millionen Autos gebaut und in alle Welt exportiert. Das wäre eine Autoschlange, die eineinhalb Mal um den Globus reicht - mindestens. "Großes entsteht immer im Kleinen", lautet der offizielle Werbeslogan des Saarlandes. Doch wie groß kann der Anspruch als Autoregion künftig noch sein?

Großinvestition aus China

Am Tag des Berliner Autogipfels kommt, nach vielen düsteren Monaten, immerhin eine gute Nachricht aus dem Saarland: Die Landesregierung hat eine Großinvestition des chinesischen Batterieherstellers SVolt Energy angekündigt. Das Saarland hat sich gegen 31 konkurrierende Standorte durchgesetzt. In zwei Betriebsstätten sollen bis zu 2000 Arbeitsplätze entstehen. Die geplante Produktionskapazität soll für mehrere Hunderttausend Elektroautos pro Jahr reichen; der Hersteller will ausschließlich mit Ökostrom arbeiten.

Die neuen Jobs reichen nicht, um die Verluste an anderer Stelle auszugleichen. Trotzdem gilt das Großprojekt als wichtiges Signal für die Region. Auch wenn die Impulse aktuell vor allem aus China und Kalifornien kommen und nicht aus dem Mutterland des Autobaus.

Über dieses Thema berichtete SR 3 am 28. Oktober 2020 um 07:09 Uhr.

Korrespondent

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Wolfgang Wirtz-Nentwig, SR

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