Interview

Auszubildender im Schweißerlehrgang

Experten über Lehrberufe "Ausbildungssystem steht zur Disposition"

Stand: 01.08.2016 20:40 Uhr

Händeringend suchen Unternehmen qualifizierte Lehrlinge: Was für die künftigen Auszubildenden eine Chance ist, wird für die Arbeitgeber zu einer ernsthaften Gefahr. Wie gegensteuern? Antworten von den Arbeitsmarktexperten Reinhold Weiß und Hilmar Schneider.

tagesschau.de: Wie bewerten Sie die Situation der Ausbildung in Deutschland?

Reinhold Weiß: Auf der einen Seite suchen Jugendliche nach wie vor nach Ausbildungsplätzen und bleiben am Beginn des Jahres unter Umständen unversorgt. Auf der anderen Seite beobachten wir eine wachsende Zahl an unbesetzten Ausbildungsplätzen. Das Ungleichgewicht hat sich verschärft. Die jungen Leute haben viel mehr Möglichkeiten und entscheiden sich nicht so schnell - und das macht es den Betrieben schwerer.

Hilmar Schneider: Wir haben jetzt zum ersten Mal eine Situation, dass den Unternehmen die Azubis abhandenkommen. Und zwar in einer Dimension, die wir gar nicht kannten. Das zeigt zum einen, dass die Chancen für die jungen Leute zwar offenbar besser werden. Auf der anderen Seite ist das für die Unternehmen ein ernsthaftes Problem. Wenn man das nüchtern betrachtet, dann steht im Grunde unser duales Ausbildungssystem zur Disposition.

alt Reinhold Weiß

Zur Person

Reinhold Weiß ist Leiter des Forschungsbereichs im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Der Diplom-Kaufmann und Diplom-Handelslehrer ist Honorarprofessor an der Universität Duisburg-Essen.

tagesschau.de: Einige Betriebe klagen über wachsende Mängel bei Schulabgängern in Mathematik oder Deutsch. Wie beobachten Sie das?

Weiß: Die Betriebe sind ein wenig verwöhnt. In der Vergangenheit konnten sie besser auswählen aus einem breiten Reservoir an Bewerbern. Jetzt müssen sie vorlieb nehmen mit den Bewerbern, die sie noch haben. Die Zahl der Schulabgänger ist demografisch bedingt gesunken - und die besseren entscheiden sich häufig für ein Studium.

Schneider: Es gibt da Probleme auf allen Ebenen, bis hin dazu, dass sich junge Leute gnadenlos selbst überschätzen. Das muss man leider so sagen. Die haben Ansprüche, dass sie Arzt oder Anwalt werden wollen. Sie haben keinen, der ihnen sagt, dass das mit ihrem Intellekt, den sie bis dahin an den Tag gelegt haben, in keiner Weise in Einklang zu bringen ist.

alt Hilmar Schneider, Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit

Zur Person

Hilmar Schneider ist seit März 2016 Leiter des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit. Zuvor war er Leiter des Luxembourg Institute of Socio-Economic Research. Schneider studierte an der Universität Frankfurt/Main Sozialwissenschaften und Wirtschaftslehre.

tagesschau.de: Was müsste sich denn ändern?

Weiß: Betriebe müssen wesentlich aktiver sein, an die Menschen herantreten über Schulpartnerschaften, über Praktika. Und auch in der Betreuung der Praktikanten mangelt es häufig. Sie müssen auch an ihren Anforderungen etwas zurückschrauben und sollten es auch schon einmal versuchen mit Leuten, die nicht so hundertprozentig ihren Erwartungen entsprechen.

Schneider: Das akademische System funktionierte, als 25 Prozent eines Jahrgangs einen akademischen Abschluss erworben hatten; wenn man das jetzt so aufbläst, dass in Zukunft sogar 80 Prozent einen akademischen Abschluss haben - dann gelten die Gleichungen der Vergangenheit nicht mehr. Das wird nicht bedeuten, dass alle ein höheres Einkommen und gute Jobs haben. Das kann bedeuten, dass viele Leute mit einem akademischen Abschluss Taxifahrer sein müssen.

tagesschau.de: Wieso scheint einigen jungen Leuten der Weg in die Arbeitswelt über die klassische Ausbildung unattraktiv?

Weiß: Es gibt attraktive Ausbildungsberufe, auch duale Studiengänge, die nach diesem Prinzip funktionieren und die sich hoher Bewerberzahlen erfreuen. Aber es gibt eben auch Berufe, die bei den jungen Leuten aus den verschiedensten Gründen nicht so attraktiv sind, wegen der Arbeitszeiten, weil die Verdienstmöglichkeiten nicht so gut sind, oder weil die Aufstiegsmöglichkeiten vermeintlich nicht so gut sind. Weil die Arbeiten mit Stress verbunden sind. Da suchen sich die jungen Leute eher Berufe im Dienstleistungsbereich oder Bürojobs.

Schneider: Es gibt leider eine große Diskrepanz zwischen den Erwartungen an sich selbst und dem, was man tatsächlich erreichen kann. Viele junge Leute wären gut beraten, wenn sie mit einer soliden Ausbildung im Handwerk versuchen würden, ihre Existenzgrundlage zu bestreiten. Sie haben aber das Gefühl, dass sie zu Höherem berufen sind. Das ist leider ein Problem. Es fehlen an vielen Stellen die Mechanismen, den jungen Leuten die richtigen Signale zu geben.

Die Fragen stellte Philipp Glitz, WDR.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 1. August 2016 um 22:15 Uhr.

Darstellung: