Hintergrund

Viele Arbeitnehmer unzufrieden Wo bitte geht's zum Aufschwung?

Stand: 11.10.2007 19:17 Uhr

Die Unternehmen machen Rekordgewinne, die Arbeitslosenzahlen sinken - die Wirtschaftskrise in Deutschland scheint vorbei. Und trotzdem haben viele Arbeitnehmer das Gefühl, dass der Aufschwung an ihnen vorbeigeht. Haben sie recht?

Von Sarah Welk, tagesschau.de

Immer mehr Arbeitslose finden einen Job, der Export boomt, die Unternehmen machen Rekordgewinne - die Wirtschaftskrise in Deutschland scheint vorbei. Und trotzdem haben viele Arbeitnehmer das Gefühl, dass der Aufschwung an ihnen vorbeigeht. Warum ist das so? Wer sich auf die Suche nach der Antwort macht, merkt schnell: Bei diesem Thema gibt es nicht nur eine Wahrheit.

Wie entwickelten sich die Nettolöhne?

Beginnen wir mit den Nettolöhnen. Es existieren zahlreiche unterschiedliche Statistiken zu ihrer Entwicklung in den vergangenen Jahren. Viele von ihnen sind jedoch fehlerhaft oder zumindest irreführend. So meldete beispielsweise die "Bild"-Zeitung kürzlich, der Nettoverdienst der Arbeitnehmer sei im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken - stimmt so nicht, stellte sich kurz später heraus. Verlässliche Beispielrechnungen liefert hingegen das Statistische Bundesamt: Demnach verdiente beispielsweise ein alleinstehender Arbeiter in Westdeutschland im Jahr 1991 netto durchschnittlich 1162,13 Euro - 2006 waren es immerhin schon 1572,27 Euro, also gut 410 Euro mehr. Was auf den ersten Blick viel scheint, ist tatsächlich jedoch eher mager, denn auch die Inflationsrate stieg in den 15 Jahren deutlich an.

Moderate Lohnabschlüsse - Segen oder Fluch?

Dass gerade in den vergangenen Jahren die Lohnabschlüsse äußerst moderat ausfielen, ist denn auch unbestritten. 2006 nahmen die Arbeitnehmer sogar real Einbußen hin, da die Inflationsrate stärker stieg als die Tariflöhne. War das angesichts der Wirtschaftskrise berechtigt? Ja, sagt Michael Grömling vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln gegenüber tagesschau.de. Unter anderem durch die Lohnzurückhaltung seien im vergangenen Jahr 600.000 Jobs entstanden. Auch in Zukunft müsse Maß gehalten werden, um den Aufschwung nicht zu gefährden. Nein, sagt Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung im Gespräch mit tagesschau.de. Die niedrigen Tarifabschlüsse hätten den Aufschwung sogar hinausgezögert, denn wer wenig Geld bekomme, könne auch nur wenig konsumieren - und somit habe die Binnennachfrage gelitten. Künftig seien wieder höhere Tarifabschlüsse notwendig.

Immer weniger Arbeitnehmer in der Gewerkschaft

Doch derzeit sind die Arbeitnehmer unzufrieden. Zwar liegen die Nominallohnsteigerungen nach Berechnungen der Hans-Böckler-Stiftung im Durchschnitt inzwischen wieder bei knapp über zwei Prozent. Orientiere man sich über die Jahre gesehen aber an den tatsächlichen Produktivitätszuwächsen, seien im Schnitt drei bis dreieinhalb Prozent angemessen, so Horn. Es bleibt die Frage, ob die Gewerkschaften überhaupt schlagkräftig genug sind, um deutlich höhere Tarifabschlüsse als in der Vergangenheit zu erzielen. Kaum eine Arbeitnehmergruppe ist noch so gut organisiert wie die Lokführer - den großen Gewerkschaften wie ver.di laufen dagegen die Mitglieder weg, zugleich schließen sich immer weniger Berufsanfänger überhaupt den Arbeitnehmervertretungen an. Besonders Beschäftigte im Niedriglohnsektor in Ostdeutschland seien kaum noch organisiert, sagt Horn: "Sie können Lohnforderungen nicht mehr mit einem Drohpotenzial wie Streiks unterlegen."

Auch die große Koalition sorgt für Unzufriedenheit

Doch nicht nur die Unternehmen werden von den Arbeitnehmern für ihre Situation verantwortlich gemacht. Auch die große Koalition steht immer wieder in der Kritik. Zwar sollen die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung weiter gesenkt werden, und auch durch Steuerreform und Anhebung des Kindergeldes profitierten viele Bürger. Auf der anderen Seite stehen jedoch erhebliche Mehrbelastungen - beispielsweise die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die Streichung der Eigenheimzulage oder die Kürzung der Pendlerpauschale.

Und wer profitiert nun?

Haben die Arbeitnehmer denn nun etwas vom Aufschwung? Ja, aber nicht alle in gleichem Maß, sagen Ökonomen. In dieser Frage sind sich auch Grömling und Horn einig. "Je besser ausgebildet jemand ist, desto stärker profitiert er von der derzeitigen Wirtschaftsentwicklung", sagen beide. Hoch qualifizierte Arbeitnehmer seien in vielen Bereichen gesucht. "Für gering Qualifizierte sieht es derzeit noch deutlich schlechter aus", sagt Horn.

Das heißt auch: Wer begehrt ist, bekommt mehr Lohn - wer leicht ausgetauscht werden kann, steht unter Lohndruck. Diese Tendenz zeigt sich auch in einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Demnach nehmen die Einkommensunterschiede in Deutschland deutlich schneller zu als in anderen EU-Ländern. So hat sich in den vergangenen Jahren beispielsweise in Frankreich, Finnland, Schweden, und den Niederlanden die Lohnschere kaum geöffnet. In Deutschland hingegen verdienten die höchstbezahlten zehn Prozent der Arbeitnehmer im Jahr 2005 im Schnitt 3,1 mal so viel wie die zehn Prozent mit den niedrigsten Löhnen. Im Jahr 1995 war es nur 2,8 mal so viel.