Rupert Stadler | Bildquelle: dpa

Audi-Prozess Wurde alles "von oben bestimmt"?

Stand: 06.10.2020 16:17 Uhr

Machte das Topmanagement von Audi mit bei den Abgas-Manipulationen der VW-Tochter? Die Angeklagten vor dem Landgericht München widersprechen sich bei dieser Frage gegenseitig. Und Ex-Unternehmenschef Stadler schweigt fürs erste.

Am zweiten Tag des Audi-Dieselprozesses haben sich ehemalige Verantwortliche verschiedener Konzernhierarchien gegenseitig beschuldigt. Der angeklagte Motorentwickler Giovanni P. gab seine Beteiligung an den Abgas-Tricksereien bei der VW-Tochter zu, stellte seine Rolle jedoch als die eines untergeordneten Befehlsempfängers dar.

"Alles wurde von oben bestimmt", hieß es in einer Erklärung vor dem Landgericht München, die sein Anwalt verlas. Die Probleme mit den zu kleinen AdBlue-Tanks zur Abgasreinigung seien "allen Beteiligten bis zur Konzernspitze von VW und Audi bekannt" gewesen. Die strategische Entscheidung habe der Vorstand getroffen.

"Kein einziges Indiz"

Die Verteidiger des früheren Audi-Motorenchefs Wolfgang Hatz warfen Giovanni P. Lügen vor. "Herr Hatz hat derartiges nicht gebilligt", und er hätte das auch "niemals geduldet", sagte sein Anwalt Gerson Trüg. Es existiere "kein einziges Indiz", das eine Billigung oder Veranlassung durch Hatz belege.

Der ehemalige Leiter der Abgasnachbehandlung bei Audi, Henning L., gestand seine Beteiligung an den Abgas-Tricksereien, betonte aber seine heutige Rolle als Aufklärer. Er und seine Mitarbeiter hätten wesentliche Teile der Schummelsoftware eingesetzt, sagte sein Verteidiger.

Allerdings habe es im Unternehmen keine Entscheidung gegeben, "eine Schummel-Software zu entwickeln". Das sei vielmehr das Ergebnis einer "schleichenden Entwicklung" gewesen. Das Diesel-Entwicklerteam habe erkannt, dass es Vorgaben anderer Teams und von Vorgesetzten nicht erfüllen konnte. Statt offen zu erklären, dass sie gescheitert waren, hätten die Entwickler Abschalteinrichtungen eingebaut.

Der angeklagte Ingenieur bezeichnete die Manipulationen auch als Folge einer "autoritären Unternehmenskultur". Niemand sei mutig genug gewesen, "die Reißleine zu ziehen". Vorgesetzten sei gewiss klar gewesen, dass es ohne "Bescheißen" nicht gehe.

Die Anklage wirft dem ehemaligen Audi-Chef Rupert Stadler sowie den Ingenieuren Hatz, Giovanni P. und Henning L. Betrug vor. Die drei Ingenieure sollen 2008 zusammen dafür gesorgt haben, dass die großen Audi-Dieselmotoren Abgasgrenzwerte mit Hilfe illegaler Software auf dem Prüfstand einhielten, auf der Straße aber überschritten.

Stadlers Anwälte wollen Verfahren abtrennen

Das sollte laut Anklage ermöglichen, die Autos von 2009 an ohne nachträglichen Einbau größerer AdBlue-Tanks zur Abgasreinigung zu verkaufen. Stadler soll erst 2015 von Manipulationen erfahren, dann aber den Verkauf in Europa nicht gestoppt haben.

Stadler will im Prozess zunächst nicht aussagen. Der 57-Jährige werde von seinem Recht Gebrauch machen, sich nicht zur Sache zu äußern, kündigte sein Verteidiger an. Es sei unlogisch und unfair, dass er zusammen mit drei an der Entwicklung der manipulierten Dieselmotoren beteiligten Ingenieuren auf der Anklagebank sitze, nicht aber mit anderen Audi-Vorständen und Führungskräften, gegen die getrennt verhandelt werden. Stadlers Anwälte forderten, die Hauptverhandlung gegen ihren Mandaten auszusetzen und das Verfahren abzutrennen.

Das Gericht hat für den Prozess rund 180 Verhandlungstage bis Ende 2022 angesetzt. Insgesamt gibt es mehrere Dutzend Beschuldigte.

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 06. Oktober 2020 um 15:05 Uhr.

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