Die Mitarbeiterin einer Apotheke am Medikamentenschrank | dpa

Lieferprobleme Apotheker warnen vor Arznei-Engpass

Stand: 02.12.2020 09:27 Uhr

Immer häufiger werden bestimmte Medikamente knapp. Die Zahl der nicht verfügbaren Arzneimittel hat sich innerhalb von zwei Jahren vervierfacht. Welche Präparate sind besonders betroffen?

Von Nicole Kohnert, WDR

Michael Baehr hat täglich mit Lieferengpässen von Medikamenten zu kämpfen. Der Krankenhausapotheker der Uniklinik in Hamburg-Eppendorf sieht, dass die Pandemie die Liste der fehlenden Medikamente sogar noch verlängert hat. "Zur Zeit stehen 33 Präparate unterschiedlichster Warengruppen auf unserer Lieferengpassliste. Die Gründe sind mannigfaltig und werden im Detail nicht von den Lieferanten offengelegt", sagt Baehr. Zur Zeit stehe zum Beispiel ein Tumormedikament auf der Liste. "Wir finden für Patienten immer eine Alternative, sodass sie gut versorgt sind", sagt er.

Sorge machten ihm allerdings Arzneien wie Heparin, ein Blutverdünnungsmittel: Bei dem Produkt habe sich der Preis in den letzten Monaten verdoppelt. Grund dafür sei der Ausbruch der afrikanischen Schweinepest in China. Das habe zu einem dramatischen Rohstoffproblem geführt, da Rohheparin aus Schweinedärmen gewonnen werde. Außerdem sieht er auch einen drohenden Engpass bei Medikamenten, die in der Intensivmedizin gebraucht werden. "Es ist bisher gut gegangen. Die befürchtete Welle an Intensivpatienten ist ausgeblieben, sodass auch die Arzneien noch reichen", sagt Baehr. 

Blutdrucksenker, Schmerzmittel und Antidepressiva fehlen

Europaweit warnen die Apotheken vor Lieferengpässen. Die Mehrheit der Apotheker müssten viel Zeit aufbringen, um nach Lösungen und Alternativen für nicht gelieferte Medikamente zu suchen, hieß bei einem digitalen Gipfel der Branche. Im ersten Halbjahr 2020 waren 12,1 Millionen Rabattarzneimittel in den Apotheken nicht verfügbar. Das waren gut 68 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, wie der Bundesverband der deutschen Apothekerverbände mitteilte. Besonders Blutdrucksenker, Magensäureblocker und Schmerzmittel wie Ibuprofen seien Mangelware. "Auch Medikamente gegen Depressionen, Epilepsie oder Parkinson sind von Lieferengpässen betroffen", sagt Mathias Arnold, Vizepräsident des Bundesverbands deutscher Apothekerverbände.

Die erste Welle der Pandemie habe gezeigt, wie sensibel die weltweite Arzneimittelversorgung reagiere. Für gewisse Wirkstoffe gibt es weltweit nur wenige Hersteller. Oft reicht ein Produktionsausfall oder ein Qualitätsproblem in einer einzelnen Anlage in Asien oder Indien aus, und europaweit können Patienten nicht ausreichend mit Medikamenten versorgt werden. Sowohl die Apotheken als auch die Kliniken fordern, dass mehr Hersteller in die Pflicht genommen werden. So müssten Pharmaunternehmen mehr Arzneien in Europa produzieren und transparenter bei Lieferengpässen sein.

EU-Staaten suchen nach Lösungen

Die EU-Gesundheitsminister diskutieren derzeit über die neue Pharmastrategie der EU, dabei wird es auch um Lösungen für die Arzneimittelengpässe gehen. Das Europäische Parlament habe schon 2017 vor den Engpässen gewarnt, aber es sei lange nichts passiert, erklärt EU-Parlamentarier Peter Liese (EVP). Denn bisher habe das Thema Versorgungssicherheit von Medikamenten etwa bei den Ausschreibungen der Krankenkassen oder staatlichen Behörden keine Rolle gespielt.

"Es kann nicht sein, dass die lebensnotwendige Arzneimittelversorgung von einer einzigen Fabrik in China oder Indien abhängt", so Liese. So müssten mindestens zwei Produktionsstätten für die Ausgangssubstanz bereitstehen, wovon idealerweise eine in Europa sein sollte, so seine Forderung. "Wir müssen die Hersteller in die Pflicht nehmen, bei lebensnotwendigen Medikamenten eine Lieferung zu garantieren und auch eine Transparenz zu schaffen, wo bei einem Engpass noch Medikamente gelagert sind."

Über dieses Thema berichtete der NDR am 21. April 2020 um 20:15 Uhr in der Sendung "Visite".

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Moderation 02.12.2020 • 20:57 Uhr

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