Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind,  warten vor dem Amt für Migration in Hamburg. | dpa

Arbeitsmarkt Wie Ukraine-Flüchtlinge an Jobs kommen

Stand: 26.03.2022 05:04 Uhr

Mehr als 230.000 Menschen sind aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet. Viele von ihnen wollen arbeiten. Und auf dem Arbeitsmarkt fehlt Personal. Wo hakt es?

Von Philipp Baumgärtner, MDR

Tausende Menschen sind es, die täglich aus der Ukraine in Deutschland ankommen. Sie haben ihr Zuhause verloren, oftmals auch Angehörige, und nicht zuletzt ihr alltägliches Leben. Die Bundesregierung möchte den Ankommenden eine Perspektive geben. Dazu gehört mittelfristig auch, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. In Medien liest man von einem möglichen "Arbeitsmarktwunder" und davon, dass die Geflüchteten aus der Ukraine helfen könnten, den Fachkräftemangel zu beseitigen.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil bremste zuletzt solche Überlegungen. "Es ist nicht so, dass wir die Menschen als Fachkräfte betrachten, sondern erstmal als Menschen", sagte Heil im Deutschlandfunk. Es müsse jetzt in erster Linie darum gehen, die Ankommenden zu versorgen. Doch seien die Menschen, die kommen, besonders gut qualifiziert. Man könne sie nach der Erstversorgung in "ordentliche Arbeit" bringen - möglichst schnell und unkompliziert solle das funktionieren. Aber wie ist die Situation tatsächlich für Jobsuchende?

Theoretisch schnell möglich

Bevor die Geflüchteten einen Job antreten können, benötigen sie einen Aufenthaltstitel. Um diesen gemäß § 24 Aufenthaltsgesetz zu bekommen, müssen sie sich bei der örtlichen Ausländerbehörde melden. Die Aufnahme einer Arbeit solle dann umgehend möglich sein, heißt es auf den Seiten des Innenministeriums. Mit dem Erhalt des Aufenthaltstitels habe man die Erlaubnis zu arbeiten, selbst dann, "wenn noch kein konkretes Beschäftigungsverhältnis in Aussicht steht". Auf dem Papier kann es also ganz schnell für jobwillige Ukrainerinnen und Ukrainer gehen.

Sergey Serebranski hat in Magdeburg andere Erfahrungen gemacht. Der Unternehmer vermittelt mit seiner Firma Janser Consult ukrainische Arbeitskräfte an deutsche Unternehmen - zuletzt eine geflüchtete Krankenschwester. Der Magdeburger stellt Dokumente zusammen und unterstützt die Ankommenden bei der Übersetzung und bei Behördengängen. Momentan gehe es mit der Registrierung nicht schnell genug, klagt er. "Eine Klientin von uns bekam neulich in der Ausländerbehörde einen Termin für den 5. Mai. Die Menschen wollen aber am liebsten sofort anfangen, zu arbeiten."

Sergey Serebranski | Sergey Serebranski

Unternehmer Serebranski: "Die Menschen wollen am liebsten sofort anfangen, zu arbeiten." Bild: Sergey Serebranski

Auch die Prozedur zur Anerkennung der Ausbildung ukrainischer Fachkräften dauere teilweise mehrere Wochen, sagt Serebranski. Er glaubt trotzdem daran, dass die vielen Menschen aus der Ukraine, die jetzt kommen, den Fachkräftemangel in Deutschland abmildern könnten. An der Zusammenarbeit zwischen Behörden und Unternehmen hapere es noch, der "Arbeitswille" der geflüchteten Ukrainer sei aber umso größer. 

Bleibeperspektive für die hohe Anfangsinvestition

Das bestätigt auch die Migrationsforscherin Yuliya Kosyakova. Sie kam selbst vor 20 Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling aus der Ukraine nach Deutschland und beobachtet für das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung die aktuellen Migrationsströme aus wissenschaftlicher Sicht. Sie sieht in der Situation viel Potenzial: "Da ist eine große Bereitschaft, Menschen vernetzen sich bei Telegram und WhatsApp, sie fragen nach der Arbeitserlaubnis. Es ist für sie ein Mittel der Integration und auch der Ablenkung."

Der deutsche Staat könne diese hohe Motivation der Menschen nutzen, müsse aber auch mit Sprachkursen und Sozialleistungen seinerseits Angebote machen. Außerdem solle der Schutzstatus, der für die Menschen aktuell nur ein Jahr gelte, im besten Fall auf drei Jahre verlängert werden. Denn bereits ein Integrationskurs dauere sechs Monate. Die Anfangsinvestitionen der Geflüchteten seien hoch und dementsprechend solle sich auch die Bleibeperspektive verbessern, plädiert die Migrationsforscherin aus Nürnberg. 

Zuletzt 1,7 Millionen offene Stellen

Auf Seiten der Unternehmen wartet man gespannt auf die Jobinteressierten. Immerhin gab es laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im letzten Quartal 2021 knapp 1,7 Millionen offene Arbeitsstellen in ganz Deutschland.

Das Netzwerk "Unternehmen integrieren Flüchtlinge" unterstützt Firmen bei der Arbeitsmarktintegration der Geflüchteten. Knapp 3000 Unternehmen sind bereits Mitglied. Netzwerk-Sprecherin Katharina Reiche betont die Wichtigkeit von guten Sprachkenntnissen für den Arbeitsmarkteintritt der Ukrainerinnen und Ukrainer.

Darüber hinaus sei es jetzt auf Seiten der Behörden wichtig, besonders für Familien Angebote zu schaffen: "Kinderbetreuung wird im Rahmen der aktuellen Fluchtmigration aus der Ukraine eine wichtige Rolle spielen." Das scheint umso wichtiger, da es aktuell insbesondere Frauen und Kinder sind, die aus der Ukraine flüchten.

Erst Schutz, dann Arbeit

Die meisten Menschen, die ankommen, scheinen arbeiten zu wollen. Und auch die deutschen Unternehmen suchen händeringend Arbeitskräfte. Ist es aber wirklich realistisch, den Fachkräftemangel dadurch einzudämmen? Beim Bundesarbeitsministerium hält man sich auf Anfrage mit solchen Prognosen zurück. Zuallererst sei es wichtig, den Menschen Schutz zu bieten, viele Menschen könnten außerdem "aufgrund der Fluchtsituation, familiärer oder gesundheitlicher Belastungen wahrscheinlich nicht gleich arbeiten".

Gleichwohl sei man sich bewusst, dass zumeist, und insbesondere unter den Frauen, gut qualifizierte Menschen über die Grenzen kommen. "Bei Menschen, die in der Vergangenheit aus der Ukraine zu uns gekommen sind, hat die Hälfte ein Studium abgeschlossen, 14 Prozent haben einen Berufsabschluss und ein weiteres Viertel einen höheren Schulabschluss", heißt es aus dem Ministerium.

Expertin: Fachkräftemangel wird bestehen bleiben

Die Migrationsforscherin Kosyakova hält ein "Arbeitsmarktwunder" für unrealistisch: "Um den Fachkräftemangel zu lindern, brauchen wir jährlich 200.000 Personen mindestens, die nach Deutschland kommen und bleiben, um hier zu arbeiten", sagt sie. "Zu glauben, dass wir das mit der aktuellen Migration und den jetzigen Gesetzen schaffen, halte ich für illusorisch."

Yuliya Kosyakova | Kurt Pagoda

Die Migrationsforscherin Kosyakova sieht positive Entwicklungen - an ein "Arbeitsmarktwunder" glaubt sie aber nicht. Bild: Kurt Pagoda

Deutschland müsse sich von seiner "restriktiven Migrationspolitik" lösen, Fachkräfte schneller anerkennen und das dazugehörige Prozedere für Geflüchtete erleichtern. Dennoch sehe sie mit erleichterten Verfahren und schnellerer Arbeitserlaubnis auch positive Entwicklungen - besonders im Vergleich zur Migrationskrise 2015.

Kosyakova schätzt, dass viele Ukrainerinnen und Ukrainer zurück in ihre Heimat wollen, wenn es die Situation erlaubt. Ob sie bis dahin in Deutschland zu einem Faktor in Sachen Fachkräftemangel werden, dürfte entscheidend davon abhängen, wie "schnell und unkompliziert" der Aufnahmeprozess der vielen Tausenden in den kommenden Wochen und Monaten in Deutschland wirklich gelingt.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 08. März 2022 um 21:50 Uhr in der Sendung Report Mainz.