Indien: Arbeitslose Wanderarbeiter stehen Schlange | dpa
Überblick

Folgen der Pandemie Wie Corona weltweit Jobs vernichtet

Stand: 10.09.2020 17:30 Uhr

Die Corona-Pandemie hat massive Folgen für die Wirtschaft: In vielen Ländern steigt die Arbeitslosigkeit. Zahlreiche Regierungen haben Sozialprogramme aufgelegt, um die größte Not der Betroffenen abzufedern. Arbeitsmarktpolitische Instrumente wie das Kurzarbeitergeld haben Hochkonjunktur - auch in Staaten, die ihren Jobmarkt traditionell wenig regulieren. Wie verlässlich die nationalen Statistiken sind, ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Unsere Korrespondenten berichten über die Lage in ausgewählten Volkswirtschaften: in den USA, in Frankreich, Großbritannien, Spanien, China und Brasilien.

USA: Ein Mann schaut durch die geschlossene Tür eines Jobcenters. | AP

USA: Knapp zwei Monate vor der Präsidentenwahl ist die Arbeitslosenquote noch immer deutlich höher als vor der Corona-Pandemie. Bild: AP

USA: Der September wird entscheidend

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Besser als erwartet, aber schlechter, als sie sein könnte: So lässt sich die Lage in den USA derzeit zusammenfassen. Die Arbeitslosenquote ist im August deutlich gesunken, von 10,2 auf 8,4 Prozent. Doch das Jobwachstum in den USA hat sich verlangsamt. Im vergangenen Monat kamen nur 1,4 Millionen Arbeitsplätze hinzu, das war weniger als in den vorangegangenen Monaten. Und dabei dürfte es sich auch nicht um neue Stellen handeln, sondern vor allem um wiederbesetzte Jobs, sagen Experten. Im März und April sind durch die Pandemie rund 22 Millionen Arbeitsplätzen verloren gegangen. Davon ist derzeit gerade mal die Hälfte zurückgekommen.

Jede Woche stellt etwa eine weitere Million US-Amerikaner einen Neuantrag auf Arbeitslosenunterstützung. So waren es in der Woche bis einschließlich 5. September 884.000 Menschen. Im August gab es zum Teil noch mehr als eine Million Neuanträge pro Woche. Vor der Corona-Pandemie hatte die Zahl selten über 100.000 pro Woche gelegen. Das zeigt, dass auch sechs Monate nach Beginn der Pandemie immer noch Jobs verloren gehen.

Katrin Brand ARD-Studio Washington

Gleichzeitig geht der Aktienmarkt durch die Decke, offenbar beflügelt von der Hoffnung auf einen Impfstoff. Viele Firmen profitieren zudem von den niedrigen Zinsen und davon, dass US-Bürger, die gut durch die Krise gekommen sind, nun Häuser oder Autos kaufen. Die Gastronomie, die Unterhaltungsindustrie und der Tourismus dürften hingegen nachhaltig beschädigt worden sein. Die Niedriglohn- und Teilzeitjobs dort sind vorerst weg, das betrifft besonders Afro-Amerikaner, Hispanics und Frauen.

Weil viele Bundesstaaten im Westen und Süden früh ihre Regeln gelockert haben, ist das Virus in den USA weiterhin nicht unter Kontrolle. Am vergangenen langen "Labor Day"-Wochenende waren viele US-Amerikaner verreist, und außerdem haben viele Unis und Schulen wieder aufgemacht; nun könnte es zu einer neuen Corona-Welle kommen. Weil die staatlichen Hilfen nun auslaufen, werden zudem viele US-Bürger finanziell in Schwierigkeiten geraten. Der September könnte ein entscheidender Monat werden.

Ein Mann steht am Schalter einer französischen Arbeitsagentur | REUTERS

Frankreich: Ähnlich wie Deutschland setzt die Regierung in Paris auf eine großzügige Kurzarbeiterregelung. Bild: REUTERS

Frankreich: "Schutzschild gegen Entlassungen"

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

Frankreich war durchaus auf einem gutem Weg: Zu Beginn der Corona-Krise war die Arbeitslosenquote auf sieben Prozent gesunken, knapp drei Prozent weniger als zum Amtsantritt von Präsident Emmanuel Macron 2017. Dank staatlicher Stützungsmaßnahmen hält sich der Anstieg der Jobsuchenden-Zahlen derzeit auch noch in Grenzen. Aber bis zum Jahresende dürften - so die offizielle Schätzung - 800.000 Jobs wegfallen und die Arbeitslosenquote wieder die Zehn-Prozent-Marke überschreiten.

Für die Regierung hat die Beschäftigungssicherung Priorität. Mit Beginn der Krise wurde - mit ausdrücklichem Bezug auf das deutsche Vorbild - eine ausgesprochen großzügige Kurzarbeitsregelung eingeführt. Wer wegen der Corona-Einschränkungen nicht oder nur teilweise seiner Arbeit nachgehen kann, erhält vom Staat 84 Prozent seines bisherigen Gehalts weitergezahlt. Diese Regelung wurde in dem gerade von der Regierung präsentierten Wiederaufbauplan unter der Rubrik "Schutzschild gegen Entlassungen" um zwei Jahre verlängert - zur Stützung besonders getroffener Wirtschaftszweige wie dem für Frankreich sehr wichtigen Tourismus. Dafür sind 6,6 Milliarden Euro des insgesamt 100 Milliarden Euro umfassenden Konjunkturpakets vorgesehen.

Martin Bohne ARD-Studio Paris

Weitere 7,6 Milliarden Euro sind speziell für die Jugend eingeplant. Die Betriebe, die Lehrlinge und Jobsuchende unter 26 Jahren einstellen, können mehrere tausend Euro an Steuern sparen. Außerdem werden Qualifizierungsmaßnahmen für mehr als 200.000 Jugendliche finanziert. Die Regierung fürchtet, dass die Jugendlichen die Hauptleidtragenden der Wirtschaftskrise sein werden. Premierminister Jean Castex hofft, dass durch all diese Maßnahmen im nächsten Jahr 160.000 Arbeitsplätze geschaffen werden können.

Passanten vor geschlossenem Geschäft in Großbritannien. | AP

Großbritannien: Der Einzelhandel ist eine der Branchen, die besonders hart von der Krise getroffen wurden. Stellenabbau ist weit verbreitet. Bild: AP

Großbritannien: Wenig verlässliche Zahlen

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Die Arbeitslosigkeit ist ein großes Thema in Großbritannien, vor allem im Hinblick auf die Entlassungswelle, die im Herbst erwartet wird. Offiziell liegt die Arbeitslosenquote zwar "nur" bei 3,9 Prozent; allerdings bezieht sich dieser Wert auf die Monate April bis Juni. Die Quote spiegelt das Ausmaß der aktuellen Krise deshalb nur bedingt wider. Zudem wird davon ausgegangen, dass sich viele Betroffene gar nicht arbeitslos gemeldet haben.

Am schlimmsten sind die Luftfahrt, der Einzelhandel und das Hotel- und Gastgewerbe betroffen. In der Luftfahrt stand angesichts des Lockdowns über Monate hinweg fast alles still, und die seither geltenden Quarantäneregeln für Reisende haben das Geschäft nur schleppend wiederbelebt. Die meisten Jobs gehen bei British Airways verloren - 12.000 Stellen werden abgebaut -, aber auch bei anderen Luftfahrtunternehmen werden Tausende Mitarbeiter entlassen.

Im Einzelhandel ist der Stellenabbau ebenfalls weitverbreitet. Einer aktuellen Umfrage zufolge haben im August zwei von drei Einzelhändlern angegeben, dass sie weniger Mitarbeitende beschäftigen als zuvor. Die Ankündigung von Marks & Spencer - einem der großen britischen Einzelhandelsunternehmen -, 7000 Stellen abzubauen, wirft ein Schlaglicht auf die Lage des Einzelhandels.

Imke Köhler ARD-Studio London

Das Gastgewerbe hat im August vom "Eat out to help out"-Programm der Regierung profitiert. Dabei hat der Staat bei Restaurantbesuchen zwischen Montag und Mittwoch die Hälfte der Rechnung übernommen, bis zu einer Höhe von zehn Pfund pro Person. Das hat Lokalen zum Teil geholfen, wieder Gäste anzulocken. Das Programm war allerdings befristet und hat auch nicht alle erreicht.

In Großbritannien hat das Kurzarbeitergeld keine Tradition, es ist aber in der Corona-Krise vorübergehend eingeführt worden. Dadurch konnten in den vergangenen Monaten rund 9,6 Millionen Jobs gesichert werden. Es wird aber nach dem Auslaufen der Maßnahme Ende Oktober eine große Entlassungswelle befürchtet. Ein Prämiensystem soll dann helfen: So bekommen Arbeitgeber für jeden bisher freigestellten Mitarbeiter, den sie bis mindestens Januar weiterbeschäftigen, einen Bonus von 1000 Pfund.

Arbeitslose Spanier warten in einer Schlange | AFP

Spanien: Die Menschen fürchten Jobverlust mehr als das Coronavirus. Die Quote liegt bei 15 Prozent - nicht mit eingerechnet sind die vielen Kurzarbeiter. Bild: AFP

Spanien: Mehr Angst vor Arbeitslosigkeit als vor Corona

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Waren zu Beginn des Alarmzustandes in Spanien im März noch 3,5 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, melden die Behörden nun 3,8 Millionen. In keinem anderen europäischen Land sind im ersten Halbjahr 2020 so viele Jobs weggefallen. Die Arbeitslosenquote hat rund 15 Prozent erreicht. Und darin sind die vielen Kurzarbeiter nicht eingerechnet: Etwa 800.000 Spanier beziehen aktuell Kurzarbeitergeld. Die Arbeitslosigkeit ist das Thema, das den Menschen im Land am meisten Sorgen bereitet: Einer aktuellen Umfrage zufolge treibt die Spanier ein möglicher Jobverlust mehr um als die Angst vor dem Coronavirus.

Die meisten Arbeitsplätze sind in der Tourismusbranche vernichtet worden. Das Geschäft mit Urlaubern macht etwa zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung Spaniens aus. Besonders deutlich zeigen sich die Konsequenzen der Corona-Krise daher in den Urlaubsregionen: Auf den Balearen mit ihrer Hauptinsel Mallorca waren im August fast 74.000 Menschen auf Jobsuche und damit 90 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Wie schon in der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise vor rund zehn Jahren leiden auch jetzt vor allem junge Menschen: Einer neuen Untersuchung zufolge haben in Spanien doppelt so viele Unter-25-Jährige ihre Stelle verloren wie Arbeitnehmer anderer Altersgruppen.

Oliver Neuroth ARD-Studio Madrid

Ende September läuft das Kurzarbeitergeld aus, doch um einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern, will die spanische Regierung diese Leistung länger auszahlen. Arbeitsministerin Yolanda Díaz kündigte an, das Kurzarbeitergeld so lange zu gewähren, bis ein wirksamer Impfstoff gegen das Coronavirus verfügbar ist. Die Regierung hat während der Corona-Krise auch eine staatliche Sozialhilfe eingeführt.

In den Urlaubsregionen sind die Corona-Maßnahmen weiter verschärft worden. Man hofft darauf, dass die Fallzahlen sinken und Deutschland seine Reisewarnung zurücknimmt. Auf den Balearen verlangsamt sich der Anstieg der Corona-Neuinfektionen tatsächlich. Allerdings zu spät: Die wichtige Sommersaison ist gelaufen.

China: Jobsuchende warten schlafend auf einen Termin im Arbeitsamt | AFP

China: Besonders betroffen sind Wanderarbeiter. Sie müssen für neue Jobs zum Teil quer durch das Riesenreich reisen. Bild: AFP

China: Besonders hart trifft es die Wanderarbeiter

Von Steffen Wurzel, ARD-studio Shanghai

Die Meldungen der chinesischen Staatsmedien zur Arbeitslosigkeit klingen trotz Coronavirus-Krise positiv: Die Arbeitslosenquote habe im Juli bei 5,7 Prozent gelegen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua Mitte August. Doch vergleichbar mit entsprechenden Statistiken in Deutschland sind die chinesischen Arbeitslosenzahlen nicht. Einbezogen in diesen Wert sind nur Arbeitslose in städtischen Gebieten des Landes. Kleinere Städte, Dörfer und dünn besiedelte Landstriche fallen damit raus aus der Statistik. Damit wird rund die Hälfte der chinesischen Bevölkerung gar nicht berücksichtigt.

Wirtschaftsexperten schätzen die "echte" Arbeitslosenquote in China auf mindestens zehn Prozent. Entscheidend dabei: Längst nicht alle Menschen, die in China ihre Stelle verlieren, melden sich arbeitslos. Das betrifft vor allem die rund 300 Millionen inländischen Arbeitsmigranten, die sogenannten Wanderarbeiter. Das sind Männer und Frauen jeden Alters, die aus den ärmeren Landesteilen Chinas stammen und in den großen Metropolen arbeiten, vor allem im Dienstleistungssektor: zum Beispiel für Kurier- und Essenslieferdienste, als Wachleute bei privaten Sicherheitsdiensten oder als Servicekräfte in der Gastro- und Hotelbranche. In diesen Bereichen sind im Zuge der Coronavirus-Krise viele Jobs weggefallen.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Die Staatsmedien versuchen zu beruhigen: Abseits der großen Metropolen hätten Lokalregierungen 13 Millionen Arbeitsplätze für Wanderarbeiter geschaffen, berichtete der Fernsehsender CGTN im August. Trotzdem: Viele Wanderarbeiter wollen trotz gestiegener Arbeitslosigkeit nicht in die Provinz zurückkehren und stattdessen in den großen Städten bleiben, unter anderem weil dort Gesundheitsversorgung und Bildung für die Kinder besser sind und weil die Beschäftigungschancen vielerorts immer noch besser sind als in ärmeren Regionen.

Große Sorgen bereitet Chinas Staats- und Parteiführung auch die Lage der Schul- und Universitätsabsolventen. Unter ihnen ist die Arbeitslosigkeit angesichts der Coronavirus-Krise dieses Jahr besonders hoch. Nach Medienberichten hat Chinas Führung Staatsunternehmen aufgefordert, zusätzliche Stellen zu schaffen. Unter anderem die staatlichen Banken und Finanzkonzerne haben nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg so Tausende neue Stellen für Berufseinsteiger geschaffen.

Brasilien: Arbeitslose warten auf die Auszahlung staatlicher Hilfen | AP

Brasilien: Die Regierung Bolsonaro gewährt großzügige Corona-Hilfen. Vor den Auszahlungsstellen bilden sich zeitweise lange Schlangen. Bild: AP

Brasilien: Verfälschte Statistiken beschönigen die Lage

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Die offiziellen Zahlen aus Brasilien wirken nicht dramatisch. Die Arbeitslosigkeit hat von 12,2 Prozent im März auf 13,3 Prozent zugenommen, 12,8 Millionen Menschen sind offiziell arbeitslos gemeldet. Doch nur ein kleiner Teil der Menschen, die ihren Job verlieren, taucht in der Arbeitsmarkt-Statistik auf. Wie überall in Südamerika arbeitet ein großer Teil der Bevölkerung im "informellen Sektor", wie es beschönigend heißt - also ohne Vertrag, ohne Sozialversicherung. Das können kleine Gelegenheitsjobs sein oder jahrelange Arbeitsverhältnisse.

Die Statistikbehörde gibt an, dass 34 Prozent der Arbeitnehmer in Brasilien "informell" arbeiten, realistischere Schätzungen gehen von mehr als 40 Prozent aus. Sie waren in der Pandemie natürlich als erste betroffen, werden aber in der Statistik nicht erfasst. Hinzu kommt: Selbst Menschen, die korrekte Arbeitspapiere haben, melden sich nicht arbeitslos, weil die Auszahlung der Corona-Soforthilfen nicht davon abhängt oder weil sie wissen, dass ihnen keine Transferzahlungen zustehen.

Ivo Marusczyk ARD-Studio Buenos Aires

In der offiziellen Statistik tauchen nur die Arbeitslosen auf, die reguläre Arbeitspapiere hatten und sich in den 30 Tagen zuvor bei der Behörde gemeldet haben. Und selbst wenn all diese Voraussetzungen erfüllt sind, werden Daten oft falsch erfasst oder einfach nicht weitergeleitet. Fachleute schätzen, dass Brasilien in den vergangenen Monaten fast neun Millionen Menschen ihre Arbeit verloren haben. Dazu kommt das Millionenheer der Menschen, die sich nur mit kleinen Gelegenheitsjobs - etwa als Straßenverkäufer - irgendwie über Wasser halten und die auch wochenlang keine Einkünfte hatten.

Über dieses Thema berichteten am 30. April 2020 die Hessenschau kompakt um 13 Uhr und NDR 1 Nds Regional Osnabrück am 17. Juli 2020 um 06:30 Uhr.