Deutschland ist EU-Schlusslicht Deutsche Arbeitskosten stiegen nur moderat

Stand: 09.12.2010 17:44 Uhr

Lohn-/Gehaltsabrechnung mit Geld
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Die Löhne und Gehälter in Deutschland stiegen binnen Zehnjahresfrist um nur 22,4 Prozent.

Die Arbeitskosten in Deutschland sind in den vergangenen zehn Jahren wesentlich langsamer als in anderen EU-Staaten gestiegen. Das ergibt sich aus aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden. Während die Arbeitskosten zwischen 2000 und 2010 beispielsweise in den Niederlanden 39,0 Prozent zulegten, verteuerte sich die Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft lediglich um 19,4 Prozent. Dabei sind in beiden Ländern die derzeitigen Arbeitskosten je Stunde mit 31,20 Euro beziehungsweise 30,90 Euro hierzulande nahezu identisch.

Auch die Lohnnebenkosten erhöhten sich im letzten Jahrzehnt in keinem anderen EU-Land so langsam wie in Deutschland. Während die Statistiker in Deutschland ein Plus von 9,5 Prozent errechneten, ergab sich im EU-Durchschnitt ein Anstieg um 38,5 Prozent. Auch Zuwachs der deutschen Bruttolöhne und -gehälter ist mit 22,4 Prozent Schlusslicht in der Tabelle der Statistiker. Die Niederländer beispielsweise verbuchten demnach ein Lohn- und Gehaltsplus von 34,5 Prozent in den vergangenen zehn Jahren.

Rumänien verbucht stärksten Anstieg

Die Arbeitskosten insgesamt (Bruttolöhne und Gehälter plus Lohnnebenkosten) kletterten am meisten im vergleichsweise armen Rumänien mit plus 485,4 Prozent. Auch in Lettland (plus 207,4 Prozent), Estland (plus 153,5 Prozent) und Bulgarien (plus 138,2 Prozent) wurde Arbeit erheblich teurer. Dennoch haben diese Länder im europäischen Vergleich nach wie vor mit die niedrigsten Arbeitskosten je Stunde.

Kritik von Gewerkschaftsseite

Die Gewerkschaften fordern angesichts der Arbeitskostenentwicklung in Deutschland kräftige Tarifsteigerungen und Mindestlöhne. Es sei "armselig, dass ausgerechnet im reichen Deutschland die Löhne weit hinter dem EU-Schnitt herhinken", sagte DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki . Er sieht als Ursache für die diese "dramatische Entwicklung", dass "alle Bundesregierungen in den letzten zehn Jahren den Ausbau des Niedriglohnsektors politisch durchgeboxt haben". Auch die gute Konjunktur helfe nicht weiter, "wenn zwar die Löhne in der Industrie steigen, dafür aber massenhaft Beschäftigte in den anderen Branchen mit Niedriglöhnen abgespeist werden". Das drücke das durchschnittliche Lohnniveau nach unten. Matecki zufolge arbeiten inzwischen 22 Prozent der deutschen Beschäftigten im Niedriglohnsektor.

Deutschland gewinne durch seine Arbeitskosten an internationaler Wettbewerbsfähigkeit, sagte Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Für die deutschen Exporteure seien das eine gute Nachricht. Für die Binnennachfrage sei die schwache Lohnentwicklung dagegen eine schlechte Nachricht: Steigen die Löhne nicht, sind auch die Aussichten für den Konsum düsterer.

Lohn- und Gehaltssteigerungen in EU-Staaten
Veränderung der Arbeitskosten vom 2. Quartal 2010 gegenüber dem Jahresdurchschnitt 2000Arbeitskosten je Stunde im Jahr 2009
Rumänien485,4%4,00 €
Lettland207,4%5,90 €
Estland153,5%7,80 €
Bulgarien138,2%2,90 €
Ungarn113,4%7,60 €
Slowakei99,3%7,50 €
Litauen95,8%5,80 €
Tschechische Republik86,6%9,60 €
Slowenien85,1%14,00 €
Zypern52,6%15,50 €
Spanien51,0%20,00 €
Vereinigtes Königreich46,7%22,40 €
Dänemark40,1%37,40 €
Niederlande39,0%31,20 €
Luxemburg38,6%35,20 €
Frankreich35,3%32,90 €
Malta33,6%10,10 €
Portugal32,8%12,10 €
Österreich29,4%32,00 €
Deutschland19,4%30,90 €
Polenk.A.6,90 €
Schwedenk.A.30,70 €
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