Interview

EU

Interview zur Arbeitnehmer-Freizügigkeit "Auch Zuwanderer suchen gute Arbeitsbedingungen"

Stand: 01.05.2011 00:27 Uhr

Zum 1. Mai hat Deutschland die Grenzen für Arbeitssuchende aus acht mittel- und osteuropäischen EU-Staaten geöffnet. Heftig debattiert wird über die Folgen. Die Gewerkschaften fürchten eine Abwärtsspirale bei den Löhnen. "Die Vorteile und Chancen überwiegen", meint dagegen Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

tagesschau.de: Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) schätzt, dass bis zu 1,2 Millionen Menschen im Zuge der Arbeitnehmer-Freizügigkeit nach Deutschland kommen. Was meinen Sie?

Herbert Brücker: Die Zahl halten wir nicht für realistisch. In den vergangenen sieben Jahren kamen - abzüglich derer, die wieder in ihre Heimat zurückkehrten - im Durchschnitt 210.000 Menschen im Jahr aus den Beitrittsländern in die gesamte EU. Da scheint die Größenordnung von 1,2 Millionen insgesamt und rund 400.000 Zuwandern pro Jahr nach Deutschland übertrieben. Wir erwarten eine Netto-Zuwanderung zwischen 100.000 und 140.000 pro Jahr, denn vergessen Sie nicht: Viele Zuwanderer kehren dem Land auch wieder den Rücken.  

alt Herbert Bruecker

Zur Person

Professor Dr. Herbert Brücker leitet den Bereich "Internationale Vergleiche und Europäische Integration" im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Seit 2008 ist er außerdem Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bamberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind internationale Migration, Europäische Integration und Arbeitsmarktpolitik.

tagesschau.de: Kommen vor allem Billig-Jobber?

Brücker: Wir glauben, dass  vor allem mittel- und gut ausgebildete Menschen kommen. Die Zuwanderung wird vor allem die Altersgruppe der 25- bis 35-Jährigen betreffen. Diese jungen Menschen in den Beitrittsländern sind oft besser qualifiziert als bei uns. Es gibt mehr Hochschulabsolventen und weniger Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung als in Deutschland.

tagesschau.de: Die Zuwanderer sind oft bereit, für weniger Geld zu arbeiten als ihre deutschen Kollegen. Die Gewerkschaften warnen vor Lohndumping. Zu recht?  

Brücker: Nein. Wir haben die künftigen Arbeitsmarktwirkungen der Zuwanderung simuliert. Wenn wir die Zuwanderung hochrechnen bis zum Jahr 2020, wird das Lohnniveau um 0,2 bis 0,4 Prozent sinken, die Arbeitslosenquote um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte steigen. Das sind geringe Effekte, die sich am Rande der statistischen Messbarkeit bewegen.

tagesschau.de: Die Gewerkschaften fordern den flächendeckenden Mindestlohn, um eine Lohnabwärtsspirale zu verhindern. Was ist Ihre Meinung?

Brücker: Der Mindestlohn ist meiner Meinung nach eine gute Sache, aber er steht nicht in direktem Zusammenhang mit der Freizügigkeit. Durch die Arbeitnehmer-Freizügigkeit kommen Menschen und arbeiten zu ganz normalen Bedingungen mit normalen Arbeitsverträgen und dort, wo es Tarifverträge gibt, bekommen sie Tariflohn.

tagesschau.de: Und in den Branchen, wo es keine Tarifverträge gibt?

Arbeit am Bau
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Seit Herbst 2010 gilt im Baugewerbe der tarifliche Mindestlohn. Auch Zuwanderer müssen ihn bekommen.

Brücker: 80 bis 85 Prozent aller Unternehmen unterliegen der Tarifbindung oder orientieren sich an Tarifverträgen. Und auch in den anderen Betrieben sehe ich die Gefahr eines Lohndrucks nicht. Denn auch in Polen liegt der Durchschnittsverdienst über 5 Euro. Eine Umsiedlung – oft mit der Familie – kostet Geld. Da werden doch nicht massenweise polnische Arbeitnehmer nach Deutschland kommen, um hier für 6 Euro zu arbeiten. Auch die Zuwanderer suchen gute Arbeitsbedingungen.

tagesschau.de: Die Unternehmen sehen Vorteile. Sie hoffen, durch die Zuwanderung den Fachkräftemangel beheben zu können. Wie realistisch ist das?

Brücker: Wir werden den Fachkräftemangel nicht durch Zuwanderung beheben, aber ein wenig abmildern können. Wir werden durch den demografischen Wandel in den kommenden 20 Jahren einen massiven Rückgang der Erwerbspersonen haben. Das können wir durch die Zuwanderung durch die neuen Mitgliedsstaaten nicht ausgleichen.

tagesschau.de: Ist Deutschland denn ein Einwanderungsland oder ein Auswanderungsland?

Hausarzt
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Immer mehr gut ausgebildete Akademiker gehen ins Ausland.

Brücker: In den letzten fünf Jahren war die Situation relativ ausgeglichen: Wir hatten ungefähr so viel Einwanderer wie Menschen, die das Land verlassen haben. Insbesondere bei den deutschen Staatsbürgern ist das Wanderungssoldo negativ. Was uns dabei vor allem Sorge bereitet ist, dass die Deutschen, die auswandern, meist besser qualifiziert sind als die Zuwanderer und auch als der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung. Deutschland leidet also unter einem "brain drain" – der Abwanderung von qualifizierten Spitzenkräften.

tagesschau.de: Die Wirtschaft betont die Chancen der Arbeitnehmer-Freizügigkeit. Sehen Sie das auch so?

Brücker: Ja. Deutschland wird insgesamt gewinnen: Es wird mehr produziert, und es werden mehr Gewinne gemacht. Es wird einen Anstieg des Gesamteinkommens geben - also die Summe aus Kapitaleinkommen und Arbeitseinkommen wird steigen.

tagesschau.de: Bedeutet das nicht, dass vor allem die Wirtschaft profitiert?  

Brücker: Zunächst profitieren in der Tat die Unternehmen. Die Gewinne steigen, das Lohnniveau wird geringfügig sinken. Langfristig jedoch passt sich der Kapitalstock an, das heißt: Es fließt Kapital nach Deutschland und es wird mehr investiert. Das sorgt für Wirtschaftswachstum und schafft Arbeitsplätze.

Wir haben außerdem einen Gewinn für die Sozialversicherungssysteme, weil die Zuwanderer im Durchschnitt sehr jung sind. Sie leisten dadurch einen hohen Nettobeitrag zu den Versicherungssystemen. Die Freizügigkeit bringt Deutschland vor allem Chancen und Vorteile.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de.

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