Beleuchteter Wirecard-Schriftzug | Bildquelle: dpa

Untersuchungsausschuss Aufseher-Chef handelte mit Wirecard-Aktien

Stand: 11.12.2020 16:10 Uhr

Im Wirecard-Untersuchungsausschuss hat der Chef der Aufsichtsbehörde für die Wirtschaftsprüfer eingeräumt, selbst mit Aktien des Konzerns gehandelt zu haben. Nun werden Rufe nach seinem Rücktritt laut.

Von Tobias Betz, ARD-Hauptstadtstudio

Erst waren es Mitarbeiter der Finanzaufsicht BaFin. Sie handelten mit Wirecard-Aktien. Besonders aktiv waren sie im Zeitraum, als sich die Betrugsvorwürfe gegen das Skandalunternehmen Wirecard erhärteten. Nun kam im Untersuchungsausschuss des Bundestages ans Licht: Auch der Leiter der Wirtschaftsprüfer-Aufsicht, Ralf Bose, griff zu.

Es war ein brisanter Handel - ohne Gewinne. Bose sagte im Untersuchungsausschuss des Bundestages, dass er Wirecard-Aktien gekauft habe. Ende April dieses Jahres griff er zu, knapp einen Monat später verkaufte er - allerdings mit Verlusten.

Ermittlungen können Börsenkurse beeinflussen

Brisant ist der Zeitpunkt des Verkaufs. Wenige Tage zuvor nämlich hatte seine Aufsichtsbehörde ein Verfahren gegen die Wirecard-Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) eingeleitet.

Zuvor liefen bereits Vorermittlungen. Dass solche Ermittlungen Börsenkurse beeinflussen können, räumte der APAS-Chef vor dem Untersuchungsausschuss ein. Er habe an das Geschäftsmodell von Wirecard geglaubt, sagte der Behördenleiter.

Grüne zeigen APAS-Chef an

Derweil erhöht der Grünen-Abgeordnete Danyal Bayaz den Druck. Nun hat er bei der Finanzaufsicht BaFin eine Verdachtsanzeige wegen Insiderhandels gegen den APAS-Chef gestellt. In der Anzeige, die dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt, schreibt Bayaz: Wenn sich der Verdacht des Insiderhandels bestätige, müsse die BaFin unverzüglich Strafanzeige gegen Bose stellen.

Brisant ist: Am Tag, an dem der APAS-Chef die Aktien mit Verlusten verkaufte, gab es Gespräche zwischen ihm und der BaFin zu laufenden Ermittlungen bei Wirecard, die letztlich den milliardenschweren Bilanzbetrug aufdeckten. Wie Grünen-Politiker Bayaz in seiner Anzeige schreibt, behauptet Bose, er habe die Aktien noch vor den Gesprächen verkauft.

Forderungen nach Entlassung

Die Rechtsaufsicht über die APAS liegt beim Bundeswirtschaftsministerium. Minister Peter Altmaier (CDU) sagte zum Aktien-Deal des Behördenleiters: "Das hat mich befremdet." Nun werde der Vorgang geprüft und über Konsequenzen beraten.

Andere Unionspolitiker zeigten sich fassungslos. Der CDU-Finanzexperte Matthias Hauer sagte, der Aktien-Deal des Behördenleiters sei "starker Tobak": "Ein solches Verhalten kann nicht ohne Konsequenzen für ihn persönlich bleiben." Auch Danyal Bayaz (Grüne) fordert Konsequenzen. Der APAS-Chef habe eine erschreckende Ignoranz gegenüber einem offensichtlichen Interessenskonflikt gezeigt, so der Grünen-Politiker.

"Sieht nach Insiderhandel aus"

Die SPD-Politikerin Cansel Kiziltepe hatte im Untersuchungsausschuss nach dem Aktienkauf des APAS-Chef gefragt. "Sieht irgendwie nach Insiderhandel aus", sagte sie. Auch wenn der APAS-Chef die Wirecard-Aktien mit Verlusten verkaufte, war der Wert der Aktie zu diesem Zeitpunkt nur gefallen und noch lange nicht am Boden. Hat der Behördenleiter also seine Verluste begrenzt? Der Linken-Politiker Fabio De Masi sagte: "Dieser ungeheuerliche Vorgang erfordert die Entlassung des Chefs der APAS und klare Regeln gegen Insiderhandel in Aufsichtsbehörden"

Auch der FDP-Politiker Florian Toncar sagte: "Aus meiner Sicht kann er nicht im Amt bleiben." Toncar kritisierte, dass es für die Wirtschaftsprüfer-Aufsicht keine ausreichenden Compliance-Regeln gebe.

Hans Michelbach (CSU) fordert, es müsse herausgefunden werden, was zwischen Bose und BaFin-Chef Felix Hufeld an dem Tag besprochen worden sei, an dem Bose seine Wirecard-Aktien verkauft habe. Indes fordert Finanzpolitiker Kay Gottschalk (AfD) gleich mehrere Rücktritte: Erstens APAS-Chef Bose. Zweitens müsse auch BaFin-Chef Hufeld zurücktreten. Denn auch BaFin-Mitarbeiter handelten mit Wirecard-Aktien, so Gottschalk. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass Hufeld selbst nicht mit Wirecard-Aktien handelte.

Die APAS steht im Fall Wirecard in der Kritik, weil sie erst spät gegen EY ermittelte, obwohl sich die Betrugsvorwürfe bereits Monate zuvor erhärtet hatten. Die Wirtschaftsprüfer von EY hatten jahrelang die Bilanzen des früheren DAX-Konzerns Wirecard abgesegnet.

Schlechtes Geschäft: APAS-Chef handelte mit Wirecard-Aktien
Tobias Betz, ARD Berlin
11.12.2020 08:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. Dezember 2020 um 12:41 Uhr.

Korrespondent

Tobias Betz | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo BR

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