Logo des Versandhändlers Amazon | Bildquelle: REUTERS

Vorwürfe gegen Amazon Kaufempfehlung mit Sprengkraft

Stand: 26.03.2018 18:30 Uhr

Online-Händler machen es potenziellen Attentätern weiterhin leicht, an Bestandteile für Sprengsätze zu kommen. Amazon empfiehlt sogar die für Bomben notwendigen Produkte.

Von Djamila Benkhelouf, Mareike Fuchs, Lena Kampf und Georg Mascolo, WDR, NDR

Erstmals wird die Frage, wie einfach man sich Materialien für Sprengstoff über Amazon besorgen kann, eine Rolle vor Gericht spielen. In der Anklage gegen den mutmaßlichen Islamisten Yamen A. hat die Bundesanwaltschaft nach Informationen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" eine solche Bestellung im Detail nachgezeichnet. Demnach können selbst technisch unerfahrene Personen im Internet ohne großen Aufwand Materialien für einen Sprengsatz bestellen.

Seit der Festnahme von Yamen A. intensivierten die Sicherheitsbehörden ihre Gespräche mit Online-Anbietern. Besondere Sorge bereitet den Ermittlern die Vorschlagsfunktion von Amazon, die weitere für den Bau von Sprengsätzen geeignete Produkte empfehle, sobald ein Käufer Chemikalien in den digitalen Warenkorb lege. Unter "Andere Kunden kauften auch..." schlage Amazon Ergänzungen vor.

Anleitung zum Bombenbau?

Nach Informationen von NDR, WDR und SZ war dieser Modus zwar nach der Festnahme von Yamen A. für Sprengstoffgrundstoffe zwischenzeitlich abgeschaltet, dies wurde aber seitens Amazon offenbar nicht konsequent durchgehalten. Zuletzt fand das Bundeskriminalamt erneut eine aktive Hinweisfunktion auf weitere Chemikalien. Dies könnte somit zu einer Anleitung zum Bombenbau werden, fürchten Ermittler. Die Empfehlungen speisen sich automatisiert aus dem Kaufverhalten anderer Kunden. Mengenbegrenzungen gibt es offenbar keine.

Polizisten vor der Wohnung von Yamen A. in Schwerin | Bildquelle: dpa
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Polizisten vor der Wohnung von Yamen A. in Schwerin - der Verdächtige soll Sprengstoffkomponenten im Internet bestellt haben. (31.20.2017)

A. floh aus Syrien und wurde 2016 in Deutschland als Flüchtling anerkannt. Im Juli 2017 kam der Syrer laut Ermittlerkreisen mit Glaubensbrüdern in Kontakt, die ihm bei einem Anschlag helfen wollten. Er erhielt detaillierte Anweisungen für den Bau von Fernzündern und die Herstellung von Acetonperoxid, sogenanntem TATP, eine sehr entzündliche Sprengstoffmischung. Er wollte laut Ermittlern nicht einfach nur einen Anschlag begehen, sondern eine Bombe herstellen, die geeignet gewesen sei, 200 Menschen in den Tod zu reißen.

Die Komponenten, die er für den Bau des Sprengsatzes benötigte, bestellte er über Amazon, wie "Der Spiegel" nach dessen Festnahme berichtet hatte. Vom Versandhändler kamen Pakete mit Chemikalien, Messbecher und Einzelspritzen für den Mischvorgang. Funkgeräte sollten für eine Zündung aus der Ferne dienen - die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass zumindest zeitweise die Idee einer Autobombe im Raum stand.

Sprengstoff per Internetversand - zunehmende Gefahr

Einzeln handelt es sich bei den Bestandteilen um handelsübliche, legal zu erwerbende Chemikalien, doch in der Mischung sind sie hochgefährlich. Wie leicht potenzielle Attentäter an Sprengstoffe gelangen können, zeigen inzwischen mehrere Fälle, in denen der Internetversand eine Rolle gespielt hat: Die jugendlichen Islamisten aus Essen, die einen Sprengsatz vor dem Essener Sikh-Tempel zündeten und einen Priester schwer verletzten, und nicht zuletzt Jaber Al-Bakr, der mutmaßlich einen Anschlag auf einen Berliner Flughafen geplant hatte: auch sie bestellten Explosivstoffe über Amazon, teilweise sogar unter eigenem Klarnamen.

Während Baumärkte und Drogerien verdächtige Transaktionen seit 2014 unter einem sogenannten Monitoring-System freiwillig melden, wenn beispielsweise ein Kunde besonders viel von gefährlichen Substanzen kauft, etablierte Amazon dieses System erst 2017. Darüber, wie viele Verdachtsmeldungen seitdem durch Amazon erfolgt sind, könne jedoch keine Auskunft erteilt werden, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Amazon teilte auf Anfrage lediglich mit, dass man "wie bisher mit den Behörden und der Polizei zusammenarbeitet, um sie bei ihren Ermittlungen zu unterstützen". Gegen den 20-jährigen angehenden Bauingenieur aus Syrien ist in der vergangenen Woche Anklage erhoben worden. Sein Anwalt wollte keine Stellung nehmen. Die Sache liegt vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg.

Kritik an Amazon: Zutaten für Sprengstoff weiter leicht bestellbar
Arne Hell, WDR
26.03.2018 21:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. März 2018 um 18:00 Uhr.

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