Ein Amazon-Gebäude vor blauem Himmel. | Bildquelle: dpa

Allmacht Amazon Vom Buchhändler zum Datengiganten

Stand: 05.12.2018 06:39 Uhr

Im ewigen Kampf um den Titel "wertvollster Internetkonzern" ist Amazon gerade an Microsoft und Apple vorbeigezogen. Auch in Sachen Datensammelwut könnte der Onlinehändler vorn liegen.

Von Martin Herzog und Marko Rösseler, WDR

Die Daten-CD bekam sie erst nach langem Hin und Her. Ein Jahr hatte Katharina Nocun bei Amazon eingekauft, nun forderte sie die Daten ein, die der Konzern über sie aufgezeichnet hatte, und die er nach EU-Recht aushändigen muss. "Ich wollte wissen: Was speichert Amazon über mich?", erzählt die Datenschützerin.

Das Amazon-Logo auf einer Glastür. | Bildquelle: REUTERS
galerie

Alles andere als transparent - die Datensammelwut von Amazon.

Bei jedem Klick 50 Datenpunkte

Viel gekauft hatte sie nicht - ein paar Bücher, Hausschlappen, Lackdosen, Aktenordner. Die digitale Spur aber war enorm, die sie hinterließ: Bis zu 50 Datenpunkte speichert Amazon bei jedem Mausklick. "Da sieht man nicht nur, in welcher Sekunde ich mir welche Produkte angesehen habe, sondern auch, wo ich mich befunden habe, welchen Netzanbieter ich genutzt habe, und auch von welcher Seite ich gekommen bin. Wenn man meinen Amazon-Datensatz ausdrucken würde, ergäbe das um die 15.000 Seiten Papier."

Was macht Amazon mit all den Daten? Auf Anfrage antwortet der Konzern nur schriftlich: "Informationen über unsere Kunden sind ein wichtiger Teil unseres Geschäfts. Wir nutzen Daten, um das Einkaufen und unsere Produkte bei Amazon für den Kunden besser und bequemer zu machen."

Informationsmacht Amazon

Smartphone mit den Icons von Google, Amazon und Facebook | Bildquelle: dpa
galerie

Die großen Internetkonzerne sammeln alle Daten - aber Amazon weiß wahrscheinlich am besten über Bedürfnisse und Vorliebe seiner Kunden Bescheid.

Amazon generiert aus den Daten seiner Kunden seine Empfehlungen - das berühmte "Kunden, die dieses Produkt kauften, interessierten sich auch für..." Angeblich 30 Prozent des Umsatzes kommen aus diesen Empfehlungen.

"Das ist für viele erst mal etwas Gutes, etwas Positives", meint Viktor Mayer-Schönberger. Der Professor für Internet Governance forscht in Oxford über Google, Facebook, Microsoft, Apple, und was sie mit der Welt anstellen. Amazons Rolle gehe weit darüber hinaus, ein bloßer Online-Händler zu sein: "Wir sehen bei Google und bei Facebook große Informationsmacht. Aber Amazon hat vielleicht noch mehr Informationsmacht, weil Amazon weiß, was unsere Bedürfnisse und Vorlieben sind, wenn wir auf diesem Online-Markt einkaufen."

Der Gigant aus Seattle kontrolliert heute rund die Hälfte des Online-Handels in den USA - und bei uns. Immer mehr Geld wird online ausgegeben - und der Anteil von Amazon wächst weiter. "Kaum sonst in der Menschheitsgeschichte haben sich Märkte so rasch konzentriert," warnt Mayer-Schönberger. Dabei breitet sich Amazon in immer mehr Geschäftsfelder aus, verkauft heute Versicherungen und Medikamente, betreibt Verlage und Modelabels, Bezahlsysteme und Cloudservices, produziert eigene Filme und Fernsehsendungen - und sammelt dabei Daten. Überall.

Im Visier der EU-Wettbewerbskommission

Das ist auch anderen aufgefallen. EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager lässt zur Zeit prüfen, ob Amazon seine Datenmacht ausnutzt, um kleinere Händler vom Markt zu drängen. Im WDR-Interview geht Vestager weiter: "Wenn sie in so vielen unterschiedlichen Märkten unterwegs sind, dann ist eine wichtige Frage: Wie stellen wir sicher, dass die Kundendaten nicht von einem Geschäftsbereich in den nächsten wandern, so dass zum Beispiel die Höhe der Versicherungspolice nicht davon abhängt, welche ungesunden Produkte wir online kaufen." So könnte Amazon bald ein formelles Verfahren blühen.

Amazon will die Vorwürfe mit Hinweis auf die laufende Untersuchung nicht kommentieren und verweist ansonsten auf seine Datenschutzbestimmungen, die es verböten, Daten von einem Geschäftsbereich in den anderen zu übernehmen.

Gefährdet Amazon die Demokratie?

Doch die Befürchtungen gehen weiter: In den USA arbeitet die Polizei zur Verbrecherjagd neuerdings mit "Rekognition", einem von Amazon entwickelten Gesichtserkennungsprogramm. Hierüber lässt sich der gesamte öffentliche Raum kontrollieren - in anderen Gegenden der USA wird das bereits getestet.

Kritiker sehen in dieser Zusammenarbeit zwischen staatlichen Stellen und dem Datengiganten Amazon eine Gefahr für Gesellschaft und Demokratie. "Daten sind dann gefährlich, wenn sie zentral von einer Macht kontrolliert werden. Und das ist heute Amazon."

Auch auf diesen Vorwurf reagiert Amazon nur schriftlich - und verweist auf die allgemeinen Datenschutzbestimmungen, nachzulesen im Internet.

Wie Amazon Kundendaten nutzt, um unser Kaufverhalten vorherzusagen, zeigt die TV-Dokumentation "Allmacht Amazon" heute um 22.10 Uhr im WDR Fernsehen.

Über dieses Thema berichtete der WDR am 05. Dezember 2018 um 22:10 Uhr.

Darstellung: