Eine Mitarbeiterin des Impfteams überprüft vor Beginn der Corona-Impfungen eine Spritze mit dem Impfstoff gegen Covid-19. | dpa

Prämien und Gutscheine Deutsche Firmen zögern bei Impf-Anreizen

Stand: 23.07.2021 08:25 Uhr

In Deutschland verlangsamt sich das Impftempo, gleichzeitig verbreitet sich die Delta-Variante des Coronavirus. Können finanzielle Anreize wie Prämien helfen - auch in Unternehmen? Von Notker Blechner.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

In den USA lockt eine Apothekenkette Impfwillige mit der Verlosung von 100 Kreuzfahrten, in Indonesien gibt es eine lebendige Kuh oder ein Huhn, und in Hongkong winkt gar ein neues Apartment im Wert von mehr als einer Million Euro in einer Lotterie für Corona-Geimpfte. Israel belohnt die Neu-Impflinge mit kostenloser Pizza oder Hummus, amerikanische Städte geben Freibier und Gratis-Joints, und Serbien schenkt den Bürgern 25 Euro. Um die zunehmend zögerliche Bevölkerung zum Pieks zu bewegen, lassen sich Unternehmen und Behörden so einiges einfallen.

"Keine Impfung, kein Einlass!"

Mehrere US-Firmen verlangen gar von ihren Beschäftigten, sich impfen zu lassen. So dürfen nur die Mitarbeiter der Investmentbank Morgan Stanley nur dann zurück ins Büro, wenn sie den vollen Impfschutz haben. "Keine Impfung, kein Einlass", heißt die Devise. Kliniken schreiben ebenfalls die Immunisierung vor. Das Houston Methodist Hospital entließ mehr als 150 Mitarbeiter, weil sie sich nicht impfen lassen wollten. Und die Fluggesellschaften United Airlines und Delta Airlines stellen nur geimpfte Bewerber ein. United Airlines prüft sogar eine Impfpflicht für alle 96.000 Piloten, Flugbegleiter und Büroangestellte.

Der Chef der britischen Sanitärfirma Pimlico Plumbers droht seinen Mitarbeitern: "Jeder, der nicht bis Anfang 2022 geimpft ist, wird entlassen." Und: "Diese Feiglinge müssen als das gebrandmarkt werden was sie sind: egoistische Menschen, denen es nichts ausmacht, wenn ein Land und die Lebensgrundlage von anderen Menschen kaputtgehen."

Impfpflicht für das Gesundheitspersonal

Italien und Frankreich haben eine Impfpflicht nur für das Gesundheitspersonal eingeführt. Griechenland verlangt ebenfalls für das Personal von Pflegeheimen und bald auch für Mitarbeiter im Gesundheitswesen einen Impfnachweis, sonst droht die Kündigung oder Versetzung.

So weit will Deutschland nicht gehen. "Es wird keine Impfpflicht geben", betont Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) spricht lieber von einem "Impfgebot". Er hofft auf einen nationalen "Impfruck". Mit einer großen Werbekampagne will er die Bürger für den lebensrettenden Pieks motivieren. Als "Werbepartner" treten Schauspielerin Uschi Glas, TV-Moderator Günter Jauch und Sänger David Hasselhoff auf und krempeln die Ärmel hoch. Ob Promis helfen können, Impf-Unwilligen Lust auf die Spritze zu machen? "Wir müssen mit dem Impfstoff auf die Straße - in die Ausgehmeilen, vor die Shisha Bars, vor die Cafés", twittert SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach - so sollen vor allem junge Impf-Muffel erreicht werden.

DAX-Konzerne lehnen Impfanreize ab

Eine wichtige Stütze für den "Impfruck" könnte die Wirtschaft sein. Diese aber hält sich mit all zu forschen Ankündigungen zurück - aus Angst vor massivem Gegenwind der Bevölkerung. Einig sind sich die 30 DAX-Konzerne nur bei der Ablehnung bei der "Impfpflicht". "Impfungen bleiben eine freiwillige Entscheidung", betont beispielsweise BMW.

Selbst beim Krankenhausbetreiber Fresenius drohen weder Sanktionen bei Nicht-Impfung, noch würden besondere Anreize für die Impfung geschaffen, erklärte eine Sprecherin gegenüber tagesschau.de. Sie verweist auf eine Impfquote von aktuell schon über 70 Prozent bei den Helios-Kliniken. Auch von Bayer heißt es, dass die betriebliche Impfstrategie Prämien, Privilegien oder andere Anreize für eine Corona-Impfung nicht vorsehe. "Es wird keine Impfprivilegien geben, weder für Mitarbeitende noch für Kunden", sagt auch Bahn-Personalvorstand Martin Seiler.

Allerdings geben ein paar Firmen zu, dass Geimpfte durchaus gewisse Privilegien im Betrieb erhalten könnten. So denkt die Immobilienfirma LEG darüber nach, nur Geimpfte oder Genesene für interne Treffen zuzulassen. Und auch ein Vonovia-Sprecher räumt im "Handelsblatt" ein, dass Ungeimpfte möglicherweise von Betriebsfeiern ausgeschlossen werden könnten.

Nur Edeka gibt Mitarbeitern eine Impfprämie

Impfprämien wie in den USA, Asien oder Israel bietet bisher nur die Supermarktkette Edeka Nord an. Der Einzelhändler gibt 50-Euro-Einkaufsgutscheine denjenigen Mitarbeitern, die sich gegen Covid-19 impfen lassen. Lidl und Aldi lehnen solche Anreize bisher ab. In den USA freilich belohnt Lidl seine Angestellten mit 200 Euro nach der Impfung. Aldi zahlt in den USA zwei Stundenlöhne je Impfung aus.

Theoretisch hätten deutsche Firmen durchaus die Möglichkeit, eine Impfprämie zu zahlen oder andere finanzielle Anreize wie zusätzliche Urlaubstage oder Gutscheine für die Betriebskantine zu setzen, meint Arbeitsrechtlerin Inka Müller-Seubert von der Wirtschaftskanzlei CMS Hasche Sigle.

Verlosungen oder Gratiseintritt in Museen für Impfwillige

Immer mehr Politiker setzen sich inzwischen für Impfanreize ein. So sollen Kommunen denen, die sich spritzen lassen, einen kostenlosen Museumsbesuch oder eine Gratisfahrkarte im öffentlichen Nahverkehr spendieren. FDP-Chef Christian Lindner schlägt freien Eintritt für Impfwillige in Museen vor. Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) regt an, die Impfungen mit einer Verlosung zu verbinden.

Schon 100 Euro würden reichen

Mehrere Soziologen und Wirtschaftsforscher haben sich eingehend mit Impfprämien beschäftigt. Eine Prämie von 100 Euro würde die Impfquote Richtung 80 Prozent steigen lassen, hat Nora Czech vom Karlsruhe Institute of Technology herausgefunden. Mit 500 Euro "würden wir 90 Prozent Impfbereitschaft erreichen". Auch die Forscher Jan Schellenbach von der TU Cottbus-Senftenberg und Ekkehard Köhler von der Uni Siegen befürworten eine Prämie von 200 bis 300 Euro. Ebenso sei eine Anwerbeprämie für Geimpfte, die Freunde oder Familienmitglieder zur Impfung überreden, sinnvoll.

Letztendlich dürften die Kosten für einen neuerlichen Lockdown wegen der Delta-Variante oder anderer neuer Mutationen viel höher sein als die Prämien für Pizza, Freibier, Joints und Gratis-ÖNPV-Tickets. Nach Berechnungen des ifo-Instituts hat jede Impfung für die Gesellschaft einen Wert von 1500 Euro.

Droht die "kalte Impfpflicht"?

Es droht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. In Baden-Württemberg sollen Ungeimpfte ab September weniger Rechte haben. Für sie gilt eine Testpflicht bei Besuchen von Restaurants, Bars, Clubs, Kultur- und Sportevents. Für Menschen mit vollem Impfschutz entfallen alle Corona-Einschränkungen.

Manche sprechen schon von einer "kalten Impfpflicht", die im Herbst auf uns zukommt. Das heißt: Menschen, die nicht geimpft sind, wird der Zugang zu vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wie Reisen, Restaurantbesuche oder der Gang ins Schwimmbad versperrt oder zumindest erschwert.

"Ungeimpfte dürfen nicht in den Urlaub"

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in Rheinland-Pfalz, Peter Heinz, fordert massive Freiheitseinschränkungen für Ungeimpfte: "Die Nicht-Geimpften haben nicht die Freiheit, ihre Maske abzulegen. Sie dürfen nicht ins Stadion, nicht ins Schwimmbad und nicht ohne Maske im Supermarkt einkaufen. Und man darf Ungeimpften und jenen mit nur einer einfachen Impfung nicht mehr gestatten, in den Urlaub zu fahren", sagte er der "Rhein-Zeitung".

Wie das geht, zeigen US-Kreuzfahrtgesellschaften. Um Ungeimpfte auf anderen Wegen fernzuhalten, verlangen sie zum Beispiel bei manchen Schiffsreisen hohe Kosten für diverse Coronatests. Außerdem sind individuelle Landgänge für Ungeimpfte nicht erlaubt. Und auch die Teilnahme an manchen Bordveranstaltungen ist untersagt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 12. Juli 2021 um 22:20 Uhr.