Schweine im Stall

Agrarforschungsallianz Weder Tiere noch Bauern haben profitiert

Stand: 12.12.2019 04:08 Uhr

Die Deutsche Agrarforschungsallianz hat den Auftrag, die Nutztierhaltung zu verbessern. Nach sieben Jahren legte sie nun eine Zwischenbilanz vor. Sie sei ernüchternd, sagen Kritiker.

Von Oda Lambrecht, NDR

Eine "messbare Verbesserung der Nutztierhaltung" - dieses Ziel hatte sich die Deutsche Agrarforschungsallianz (DAFA) 2012 gesetzt. Die DAFA ist ein Zusammenschluss der wichtigsten wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland zum Thema Landwirtschaft. 30 Millionen Euro bekamen die Forscher vom Bund, um dazu beizutragen, die Haltung von Hühnern, Schweinen und Rindern zu verbessern.

Doch dieses Ziel hätten die Forscher verfehlt, kritisiert nun der Veterinärwissenschaftler Albert Sundrum von der Universität Kassel, der nicht zu der Deutschen Agrarforschungsallianz gehört. "Der Erfolg ist mehr als mäßig", so Sundrum. Die Forschung habe weder den Tieren noch den Landwirten etwas gebracht.

Alber Sundrum.
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Der Erfolg der Forschungsallianz sei "mehr als mäßig", sagt Albert Sundrum.

Die Forschungsallianz hätte kaum dazu beigetragen, Umwelt- und Tierschutzprobleme zu lösen, so Sundrum. So seien in den Ställen genau wie vor sieben Jahren noch zu viele Tiere aufgrund schlechter Haltungsbedingungen krank. Schweine beispielsweise würden auf sehr engem Raum gehalten, erklärt der Uniprofessor, da könnten sich Erreger verbreiten. Entsprechend höher sei unter anderem die Zahl der Lungenerkrankungen.

Kritik auch von Foodwatch

Ähnlich sieht das die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Die Zwischenbilanz der DAFA sei ernüchternd, sagt Foodwatch-Kampagnendirektor und Veterinär Matthias Wolfschmidt. "Selbst einen minimalen messbaren Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Millionen in Deutschland gehaltenen Nutztieren kann ich nicht erkennen", so Wolfschmidt.

Der Wissenschaftler und Sprecher eines Teilprojekts der Deutschen Agrarforschungsallianz, Lars Schrader, möchte das so nicht stehen lassen. Innerhalb der Agrarwissenschaften habe die DAFA das Thema Nutztierhaltung stärker ins Bewusstsein gerückt, so Schrader, der als Biologe am Bundesinstitut für Tiergesundheit arbeitet. Und die Forschung habe natürlich auch "wichtige Ergebnisse zur Verbesserung der Nutztierhaltung" gebracht.

Fehlen eines "großen Ansatzes"

Auf Nachfrage erklärt er, dass sich Forscher zum Beispiel näher mit der Haltung von sogenannten Zweinutzungshühnern beschäftigt hätten. Bisher werden für die Mast Rassen gehalten, die besonders viel Fleisch ansetzen, für die Eierproduktion dagegen spezielle Legehennen. Die männlichen Tiere dieser Rassen legen keine Eier und setzen aufgrund der Zuchtziele kaum Fleisch an. Deshalb werden die männlichen Küken bisher nach dem Schlüpfen getötet.

Zweinutzungshühner könnten dieses Problem vielleicht lösen. Doch bisher spielen sie in der Praxis kaum eine Rolle, da sie sich ökonomisch nicht lohnen, unter anderem weil die Eier kleiner als herkömmliche sind.

Doch am Ende räumt DAFA-Vertreter Schrader ein, das Ziel, die Nutztierhaltung zu verbessern, habe die gemeinsame Forschungsallianz noch nicht komplett erreicht. Es fehle ein großer Ansatz, den die Allianz 2012 eigentlich wollte, bei dem in großen Forschungsverbünden zum Beispiel der Stall der Zukunft entwickelt und auch getestet würde, so Schrader.

Hühner
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Legehennen sind darauf gezüchtet, viele Eier zu legen. Männliche Küken der Rassen werden deshalb getötet.

Ministerium sieht "Grundlagen für Verbesserungen"

Und wie bewertet das Bundeslandwirtschaftsministerium die Zwischenbilanz der Agrarforschungsallianz? Es seien "Grundlagen für Verbesserungen" geschaffen worden, schreibt das Ministerium auf Nachfrage. Für Veterinärwissenschaftler Sundrum ist das viel zu wenig. Er spricht von "Verharren im Klein-Klein."

Das Kernproblem sei der Zielkonflikt zwischen der Leistungssteigerung auf der einen und der gewünschten Verbesserung von Tier- und Umweltschutz auf der anderen Seite. Das gehe nicht zusammen, so Sundrum. Und genau diesen Zielkonflikt müsste die Forschungsallianz zu ihrem Gegenstand machen. Dafür dürften sich die Forscher allerdings nicht in ihre Spezialgebiete zurückziehen, um allein dort nach Detailverbesserungen zu suchen, so Sundrum, sondern sie müssten viel mehr bereichsübergreifend an einer ganzheitlichen Lösung zusammenarbeiten.

Das sieht offenbar sogar die DAFA selbst so. In der Zwischenbilanz des Fachforums Nutztiere heißt es selbstkritisch, im Hinblick auf die Erarbeitung von umsetzbaren Lösungen für komplexe Probleme gebe es "gravierende Defizite".

Mehr Geld für bessere Tierhaltung nötig

Doch die Deutsche Agrarforschungsallianz sieht auch die Politik in der Pflicht. Eine Kernfrage sei bisher unbeantwortet geblieben, heißt es im Zwischenbilanz-Bericht: Wie weit wolle Deutschland seine Tierhaltung von jenem "Kostenminimierungspfad" fortführen, der sich in einer globalisierten Marktwirtschaft automatisch einstelle. Bund und Länder müssten überzeugend klar machen, dass sie die Tierhaltung aktiv auf mehr Tierwohl ausrichten und hierfür auch Geld einsetzen wollten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. Dezember 2019 um 07:50.

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