Gründungskongress des DGB | Bildquelle: picture-alliance / dpa

70 Jahre DGB Das Problem der Trittbrettfahrer

Stand: 21.10.2019 14:17 Uhr

Der Deutsche Gewerkschaftsbund wird 70 und feiert das mit einem Festakt in Berlin. Die Freude trübt, dass nicht mal jeder fünfte Arbeitnehmer Gewerkschaftsmitglied ist. Die Gründe sind vielfältig.

Von Juri Sonnenholzner, SWR

Wer sich von Arbeitnehmerschaft ein Bild machen möchte, erhält vor Tor 1 des Mainzer Unternehmens Schott ein ziemlich breites Angebot: Der Hersteller von Spezialglas und Glaskeramik ist einerseits ein Technologiekonzern, beschäftigt also hochausgebildete Forscher und Entwickler. In den Schmelzen und an den Produktionslinien gibt es aber auch Mitarbeiter für Knochenjobs. Sie alle schieben sich durch das Drehkreuz des Werktors in den Feierabend. Spricht man sie darauf an, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) 70 Jahre Bestehen feiert, winken die meisten ab. "Mir geht es gut, brauche ich nicht", ruft der eine noch, bevor er sich auf sein Fahrrad schwingt.

70. Jahrestag der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes
tagesschau 17:00 Uhr, 21.10.2019, André Kartschall, RBB

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Statistisch gesehen wäre jeder fünfte oder sechste Arbeitnehmer, der durch das Drehkreuz kommt, Mitglied in einer Gewerkschaft. Und tatsächlich: Leo Hauck ist es. Aus Überzeugung: "Es ist eine Sache der Solidarität. Die Gewerkschaft ist die Vertretung der Arbeitnehmer und jeder partizipiert daran, was die Gewerkschaft schafft. Da sollte man schon drin sein." Für ihn sei das zu Beginn des Arbeitslebens noch selbstverständlich gewesen.

Halbierte Mitgliederzahlen

Das sehen nicht mehr alle so: Im Jahr 1991 hatten die Gewerkschaften des DGB nahezu zwölf Millionen Mitglieder. Danach ging es stetig runter. In den vergangenen Jahren verfestigte sich die Mitgliederzahl bei um die sechs Millionen.

Der scheidende Transnet-Chef Norbert Hansen | Bildquelle: dpa
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Norbert Hansen wechselte 2008 von der Spitze der Gewerkschaft Transnet zur Deutschen Bahn AG.

Die Gründe für diese Halbierung sind zum Teil  hausgemacht. So genehmigten Gewerkschafter als Aufsichtsräte bei beispielsweise Volkswagen, Telekom oder Deutsche Bank auch die Gehälter von Konzernmanagern. Dass die in Millionenhöhe erfolgten, stieß an der Basis oftmals auf wenig Verständnis. Oder: Gewerkschaftsgrößen wechselten auf die Arbeitgeberseite in eine Konzernspitze, wie der ehemalige Transnet-Gewerkschaftsführer Norbert Hansen zur Deutschen Bahn.

Solche Geschichten kratzen am Ruf. Vor allem aber tat das Hartz IV. Im "Bündnis für Arbeit" wollten Anfang der 2000er-Jahre Bundesregierung, Arbeitgeber und Gewerkschaften der Arbeitslosigkeit begegnen - durch Abbau von Überstunden, eine Qualifizierungsoffensive oder die Verbesserung von Beschäftigungschancen älterer Arbeitnehmer.

Doch das Bündnis scheiterte. Der damalige Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt machte dafür die Gewerkschaften verantwortlich. Diese hätten ihre Blockadehaltung in wesentlichen Punkten nicht verändert. Der damalige Kanzler Gerhard Schröder setzte die Reformen als Agenda 2010 inklusive Hartz IV im Alleingang durch. Der DGB, zum Zuschauen verbannt, ging für viele enttäuschte Arbeitnehmer als Verlierer vom Platz.

Wandel in der Arbeitswelt

Dazu kam eine veränderte Lebenswelt der Arbeitnehmer: Sie wollen mehr Zeit für die Familie oder Freiraum zur Selbstverwirklichung. Vor Tor 1 in Mainz sagt beispielsweise Anja Horvath: "Die Gewerkschaften sollten die Interessen der Arbeitnehmer besser vertreten. Familie und Beruf, Homeoffice, flexiblere Arbeitszeitmodelle sind Themen, die mich interessieren. Es gibt da so tolle, innovative Modelle." Die Denke der Gewerkschaften hingegen finde sie "ein bisschen veraltet".

Arbeitszeitmodelle sind ein gutes Beispiel dafür, dass die Gewerkschaften heute mehr als früher um die Gunst der Arbeitnehmer ringen müssen.

"Teilzeitbeschäftige haben häufig ein geringeres Interesse, sich gewerkschaftlich zu organisieren, und sind auch schwieriger für die Gewerkschafter zu erreichen", erklärt Claus Schnabel, Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg. Dazu komme ein Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt: "Arbeitnehmer in kleinen Dienstleistungsbetrieben sind beispielsweise schwieriger zu erreichen als Arbeiter im Bergbau oder einem großen Industriebetrieb. Zum einen wegen weniger Tradition, aber sie sind auch örtlich verstreuter.

Neue Rolle der Arbeitgeber

Stichwort Tradition: Mit ihr brechen auch viele Arbeitgeber, um rare Fachkräfte zu binden, indem sie von sich aus mit Anreizen wie Arbeitszeitmodellen oder Sonderzahlungen werben. Das sind Anreize, die sich früher Gewerkschaften als Forderungen auf die Protestplakate schrieben.

Grundsätzlich sei die Gesellschaft individualistischer und die Distanz zu den Gewerkschaften größer geworden, sagt Schnabel. "Da haben die Gewerkschaften ein ähnliches Problem wie die Kirchen und die Parteien. Der einzelne ist weniger interessiert, Teil eines Kollektivs, eines großen Ganzen zu sein."

Wie sollen die Gewerkschaften gegensteuern? Schnabel hat kein Patentrezept, aber er ist davon überzeugt, dass die Gewerkschaften stärker und konkreter auf die Arbeitnehmer zugehen müssten. "Mit Großkundgebungen zum 1. Mai und allgemeinen Klassenkampf-Parolen erreicht man die Arbeitnehmer nicht mehr."

Die IG Metall hat es laut Schnabel vorgemacht, wie es gehen könnte, der Abwärtsspirale zu entkommen: "Sie hat sich ein Stück weit neu erfunden als eine Art Mitmachgewerkschaft. Sie befragt Mitglieder nach ihren Interessen und bindet Wünsche konkret in die Tarifverträge ein."

"Kein Kampf mehr notwendig"

Von den Errungenschaften, die Gewerkschaften aushandeln, profitieren alle Arbeitnehmer - schließlich werden sie automatisch Bestandteil von Arbeitsverträgen. Vor dem Mainzer Werkstor drückt Brigitte Kraus-Heinz das so aus: "Vieles ist selbstverständlich geworden. Da ist kein Kampf mehr notwendig. Das ist das Problem."

Es ist das Problem des Trittbrettfahrens. Vor dessen Risiken warnt das Institut der Deutschen Wirtschaft: "Wenn nun die Gewerkschaften mit Arbeitgeberverbänden an einem Tisch sitzen, ist ihre Position geschwächt, schließlich sprechen sie nur für eine Minderheit der Mitarbeiter. Die rückläufige Entwicklung der Mitgliederzahlen schadet also allen Arbeitnehmern, die noch nach Tarif bezahlt werden."

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70-jähriges Jubiläum des Deutschen Gewerkschaftsbundes

Im Oktober 1949 wurde der Deutsche Gewerkschaftsbund gegründet.

Gründungskongress

Gründungskongress in München: 16 Einzelgewerkschaften schließen sich im Oktober 1949 zum Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zusammen. Dieser verstand sich von Anfang an als Stimme für Arbeit und soziale Gerechtigkeit. Zu den zentralen Forderungen der Gründungsphase gehörte die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien. | Bildquelle: picture-alliance / dpa

Über dieses Thema berichtete die tagesschau um 12:00 Uhr und das mittagsmagazin um 13:00 Uhr am 21. Oktober 2019.

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