Eine Frau geht bei Regen mit einem bunten Regenschirm durch Hannover
Interview

Wetter in Deutschland "Wir erinnern uns besser an Regen"

Stand: 22.05.2013 14:25 Uhr

Dauerregen und Schnee im Wonnemonat Mai - wird es bei uns immer kälter? Die Meteorologin Silke Hansen meint: "Nein". Solche Jahre gebe es immer wieder. Im Interview mit tagesschau.de erklärt sie, wie subjektiv wir das Wetter wahrnehmen.

tagesschau.de: Unwetter im Norden und Westen, Schnee in den Bergen: Wird es bei uns immer kälter?

Silke Hansen: Es gibt schon immer mal wieder einen Mai, in dem es heftiger regnet oder auch mal schneit. Das ist nicht ungewöhnlich. Natürlich ist dieser Mai, wenn man ihn mit den Durchschnittswerten vergleicht, eindeutig zu kühl und zu nass. Andererseits hat es auch viel später im Mai schon mal geschneit.

Silke Hansen, HR
Zur Person

Silke Hansen leitet die ARD-Wetterredaktion in Frankfurt am Main. Die studierte Geographin präsentiert auch Wettervorhersagen in der Tagesschau und im Nachtmagazin und versorgt die ARD bei größeren Sportveranstaltungen mit Wetterprognosen.

tagesschau.de: Es kommt vielen ja derzeit kälter vor als vergangenes Weihnachten. Stimmt das?

Hansen: In der Tat ist es derzeit vielerorts kälter als an Weihnachten. Nehmen wir München: Dort wurden zu Pfingsten 16,2 Grad Celsius gemessen. Das war exakt die Temperatur, die es an Weihnachten gab. Noch extremer ist es in Freiburg: Weihnachten wurden dort 14,9 Grad gemessen, jetzt an Pfingsten nur 13,2 Grad. Das ist schon sehr ungewöhnlich. Aber auch da muss man sagen: Es gibt halt solche und solche Jahre.

tagesschau.de: Warum gibt es derzeit gerade im Westen und Norden des Landes so viel Regen?

Hansen: Es gibt eine besonders kräftige große Tiefdruckzone, die sich von Norwegen runter bis nach Italien zieht und Griechenland erstreckt. Weil sich Tiefs immer gegen den Uhrzeigersinn drehen, dringt die kalte Luft vom Nordmeer und Island derzeit direkt zu uns. Deswegen gibt es vor allem im Norden und Westen derzeit soviel Regen. Aber, man muss das leider so sagen, auch der Süden und der Osten bekommen ihren Teil ab. Es wird also auch in den nächsten Tagen nirgendwo in Deutschland so richtig sonnig und warm.

tagesschau.de: Wir blicken ja schon zurück auf einen extrem langen und feuchten Winter. Wie ungewöhnlich ist das alles?

Hansen: Ich glaube, der Winter war gar nicht so viel anders als viele andere. Es ist doch oft ein sehr subjektives Gefühl, wie wir das Wetter wahrnehmen. Der Mensch ist offenbar so gestrickt, dass er sich Regen besser merkt als Sonnenschein. Und oft ist es auch so, dass es am Wochenende nach einer durchaus schönen Woche regnet. Und dann bleibt hängen: "regnerisches Wetter!", weil man sich auf die freie Zeit mit Sonnenschein gefreut hatte.

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Nichts als Regen im Mai?

tagesschau.de: Das vergangene Jahr war ungewöhnlich warm: durchschnittlich 9,1 Grad. Das langjährige Mittel liegt bei 8,2 Grad Celsius. Ist das Folge des Klimawandels?

Hansen: Ich bin immer vorsichtig mit dem Begriff "Klimawandel". In den vergangenen 20 Jahren lässt sich eine Häufung von sogenannten "heißesten Jahren seit Wetteraufzeichnung" feststellen. Das ist in der Tat auffällig. Aber auch dafür gibt es so viele komplexe Gründe. Und schon gar nicht kann man aus der Tatsache, dass ein Jahr mal zu warm war, ein Symptom des Klimawandels ableiten.

tagesschau.de: Häufen sich extreme Wetterphänomene wie die jüngsten Tornados in den USA?

Hansen: Die Zahl der Tornados schwankt. Es gibt immer wieder Jahre mit stärkeren und heftigeren Tornados gefolgt von Jahren mit schwächeren Wirbelstürmen. Wenn es vor 100 Jahren einen Tornado gab, dann wusste man das bei sich im Dorf und vielleicht in der Region. Heute bekommen wir die Bilder von Wirbelstürmen weltweit über Fernsehen und Internet in unsere Wohnzimmer geliefert. Wir nehmen unmittelbar Anteil. So entsteht natürlich der Eindruck, die Unwetter würden häufiger und extremer.

tagesschau.de: Können wir uns denn auf einen trockenen, sonnigen Sommer freuen?

Hansen: Wenn ich das wüsste .... Es gibt ja immer wieder Leute, die sich an Langzeit-Vorhersagen versuchen. Mal liegen sie richtig, dann wird darüber berichtet. Meistens liegen sie falsch. Dann liest man es nirgendwo. Seriöse Wettervorhersagen lassen sich für einen Zeitraum von drei bis vier Tagen machen. Der Wochentrend wird schon schwieriger. Und alles darüber hinaus ist eigentlich Kaffeesatzleserei.

tagesschau.de Es ist also nichts dran an der Bauernregel vom nassen kühlen Mai und guter Ernte?

Hansen: In der Tat gibt es den schönen Spruch: "Ist der Mai kühl und nass, füllt es dem Bauer Scheun' und Fass". An vielen Bauernregeln ist etwas Wahres dran. Eine verlässliche Wetterprognose sind sie nicht. Da müssen wir schon abwarten und - beim derzeitigen Wetter - am besten: Tee trinken.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de.

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KOMMENTARE

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Barskalin 22.05.2013 • 18:58 Uhr

Objektiver Bericht

Schön einen objektiv orientierten Bericht zu lesen und nicht ständig alle Wettererscheinungen auf den Klimawandel zu schieben. Ich verweise mal auf den Winter 1962/63 - und schon sollte man vorsichtig mit Behauptungen zur Häufung von Wetterextremen in den letzten 20 Jahren sein! Ansonsten fand ich die letzten Sommer und Winter nicht ungewöhnlicher, als die meiner Kindheit. Aber manche Menschen sehen eben gern schwarz-weiß und interpretieren alles, wie sie es gern sehen möchten. Das Wetter ist wie es ist und lässt sich nicht ändern. Jetzt gerade regnet es bei mir zu Hause und ich finde es in Ordnung.